RIEFUNKE
Der Klaviertransport, Folge IV
Die Limonade schlägt zurück – oder: Der Butler greift ein
„Wir beginnen von vorn“, hatte der Türsteher gesagt.
Das war ein Fehler.
Denn sobald in der Scrollstube jemand erklärte, man beginne von vorn, wurde die Angelegenheit gewöhnlich komplizierter als zuvor. Es gab in der Geschichte der Scrollstube zahlreiche Beispiele dafür. Einmal hatte man versucht, einen Nachmittag von vorn zu beginnen, und war schließlich am Dienstag herausgekommen.
Der Türsteher wusste das nicht.
Er war ein gewissenhafter Mann.
Er glaubte an Türen, an Schlüssel, an geregelte Einlassverfahren und daran, dass man mit einer ausreichenden Zahl von Formularen nahezu jedes Problem lösen konnte.
Das Klavier hatte ihm allerdings schon am frühen Nachmittag gezeigt, dass es von Formularen nichts hielt.
„Herrschaften!“, rief er. „Wir brauchen jetzt eine klare Zuständigkeit.“
Ollie richtete sich auf.
„Die Zuständigkeit liegt selbstverständlich bei mir.“
Stan hob die Hand.
„Ich glaube, Ollie meint, dass er zuständig ist.“
„Stan!“
„Ja, Ollie?“
„Du bist ab sofort für die Leiter zuständig.“
Stan betrachtete die krumme Leiter.
„Auch für den Teil, der gar nicht mehr an der Leiter ist?“
Alle sahen hin.
Tatsächlich lag eine Sprosse auf dem Boden.
Niemand hatte sie fallen hören.
Mertens kniete sich daneben.
„Das ist bemerkenswert.“
Der Butler seufzte.
„Mertens, es ist eine Sprosse.“
„Nein“, sagte Mertens. „Es war eine Sprosse. Jetzt ist es ein Beweisstück.“
Er zog einen kleinen Papierbeutel aus seiner Westentasche und legte die Sprosse hinein.
„Wofür?“, fragte der Butler.
Mertens dachte nach.
„Das wird die Untersuchung ergeben.“
Damit war die Sprosse vorläufig gerettet.
Die Leiter hingegen nicht.
1. Der Tesla gehört plötzlich niemandem
Inzwischen hatte sich eine zweite Schwierigkeit ergeben.
Der Tesla war verschwunden.
Nicht vollständig. Er stand noch immer vor der Scrollstube, und auf seinem Dach lag weiterhin das Klavier. Auch die krumme Leiter war vorhanden, sofern man das, was von ihr übrig war, noch als Leiter bezeichnen wollte.
Aber der Fahrzeugschlüssel war weg.
Ollie tastete seine Taschen ab.
Stan tastete seine Taschen ab.
Der Butler tastete vorsichtshalber seine Taschen ab, obwohl er nie einen Fahrzeugschlüssel besessen hatte.
Mertens maß die Entfernung zwischen Ollies rechter Jackentasche und der Stelle, an der der Schlüssel hätte sein müssen.
„Vierzehn Zentimeter“, sagte er.
„Was?“, rief Ollie.
„Die Entfernung zwischen dem Schlüssel und Ihrem Schlüsselbund, falls sich der Schlüssel noch in Ihrer Tasche befände.“
„Aber er befindet sich nicht in meiner Tasche!“
„Eben.“
Der Butler blickte zum Wäscheklammerkindchen Nr. 2.
„Hast du vielleicht den Schlüssel gesehen?“
Das Kindchen schüttelte den Kopf.
„Nein. Aber ich glaube, das Auto hat gar keinen Schlüssel.“
Ollie wurde kreidebleich.
„Was soll das heißen?“
„Es ist doch ein Elektro-Tesla.“
Stan nickte.
„Das stimmt. Vielleicht braucht man bei einem Elektroauto überhaupt keinen Schlüssel.“
„Natürlich braucht man einen Schlüssel!“, donnerte Ollie.
In diesem Moment piepte der Tesla.
Die Türen entriegelten sich.
Das Display leuchtete auf.
Eine freundliche Stimme aus dem Inneren verkündete, dass die Fahrt fortgesetzt werden könne.
Ollie wich zurück.
„Stan“, flüsterte er, „das Auto hat uns gehört.“
Stan betrachtete den Tesla mit einer Mischung aus Bewunderung und Mitleid.
„Vielleicht ist es ein sehr höfliches Auto.“
„Ein Auto hat nicht höflich zu sein!“
Der Tesla piepte erneut.
Der Butler verneigte sich leicht.
„Guten Tag, Herr Tesla.“
Das Display wurde heller.
Mertens hielt sein Messgerät dagegen.
Es piepte ebenfalls.
Nun piepten zwei Geräte miteinander, und keiner wusste, welches von beiden zuerst angefangen hatte.
2. Die Limonade wird untersucht
„Wir brauchen eine Pause“, erklärte der Butler.
Er verteilte die letzten Gläser Limonade.
Ollie trank hastig.
Stan trank langsam.
Mertens betrachtete sein Glas gegen das Licht.
Dann hielt er das Messgerät darüber.
Ein Piepton.
Mertens erstarrte.
„Unmöglich.“
Der Butler schloss die Augen.
„Was ist jetzt schon wieder unmöglich?“
„Die Limonade.“
„Was ist mit der Limonade?“
„Sie weist eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Limonade auf.“
Der Butler sah ihn lange an.
„Das ist ihr Zweck.“
„Aber die Messwerte!“
Mertens drehte das Gerät um, klopfte dagegen und hielt es erneut über das Glas.
Wieder ein Piepton.
Er sah zum Klavier.
Dann zum Tesla.
Dann zur Dachluke.
„Ich glaube“, sagte er langsam, „dass die Limonade mit dem Transport in Verbindung steht.“
Der Türsteher wurde aufmerksam.
„In welcher Weise?“
Mertens hob den Zeigefinger.
„Das kann ich noch nicht sagen. Aber wir dürfen nicht ausschließen, dass die Limonade eine stabilisierende Wirkung auf die Gesamtsituation ausübt.“
Stan stellte sein Glas ab.
„Ollie, wenn das stimmt, sollten wir das Klavier in Limonade tauchen.“
Ollie sah ihn an.
„Stan, du wirst niemals einen wissenschaftlichen Preis gewinnen.“
„Bekomme ich wenigstens noch ein Glas?“
Der Butler schenkte nach.
3. Der historische Moment
Es war nun an der Zeit, den Transport tatsächlich durchzuführen.
Der Türsteher räusperte sich.
„Meine Herren, ich bitte Sie, sich an Ihren berühmten Film zu erinnern. Wie haben Sie das Klavier damals transportiert?“
Ollie richtete sich auf.
Endlich eine Frage, auf die er vorbereitet war.
„Sehr einfach. Wir nahmen das Klavier und brachten es an seinen Bestimmungsort.“
Stan sah ihn an.
„Ollie, ich glaube, du hast den Film nicht richtig in Erinnerung.“
„Was soll das heißen?“
„Wir haben das Klavier eine Treppe hinaufgetragen.“
„Das habe ich gerade gesagt!“
„Nein, du hast gesagt, wir hätten es an seinen Bestimmungsort gebracht.“
„Ist eine Treppe kein Bestimmungsort?“
Stan überlegte.
Der Butler blickte zum Himmel.
Mertens notierte etwas.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 aber trat vor und sagte:
„Ich glaube, wir sollten das Klavier jetzt herunterholen.“
Wieder herrschte Stille.
Dann nickte Ollie.
„Gut. Stan, du gehst auf das Dach.“
Stan blickte nach oben.
„Warum ich?“
„Weil du kleiner bist.“
„Aber das Klavier ist größer als ich.“
„Dann hast du wenigstens mehr Platz.“
Stan begann, die Leiter hinaufzusteigen.
Die Leiter ächzte.
Der Tesla piepte.
Mertens maß.
Der Butler hielt den Atem an.
Ollie gab Anweisungen, die niemand verstand.
Und die Kinderchen standen im Halbkreis vor der Scrollstube, als seien sie Zeugen einer wissenschaftlichen Expedition, die später in keinem Lehrbuch erwähnt werden würde.
Stan erreichte das Dach.
Er beugte sich zum Klavier.
Er hob den Deckel.
Er schaute hinein.
Dann drehte er sich um und rief:
„Ollie!“
„Was ist denn jetzt?“
„Das Klavier ist leer!“
Ollie erstarrte.
„Was?“
„Es ist leer!“
„Wie kann ein Klavier leer sein?“
Stan beugte sich noch einmal hinein.
„Keine Ahnung. Aber es sind keine Tasten drin.“
Mertens ließ sein Messgerät fallen.
Der Butler setzte sich auf den Boden.
Der Türsteher griff nach seinem Schlüsselbund, obwohl er gar keinen Schlüssel brauchte.
Und das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 begann so herzhaft zu lachen, dass es sich an seinem eigenen Limonadenglas festhalten musste.
Ollie blickte zum Klavier.
Dann zum Tesla.
Dann zu Stan.
Und schließlich sagte er den Satz, der den gesamten Nachmittag endgültig aus den Angeln hob:
„Stan, ich fürchte, wir haben das falsche Instrument transportiert.“
Stan nickte traurig.
„Das habe ich auch schon gedacht, Ollie.“
Er beugte sich noch einmal in das Instrument und fügte hinzu:
„Aber ich glaube, es ist ein sehr schönes Klavier.“
Der Butler stand langsam auf.
„Meine Herren“, sagte er mit vollkommener Würde, „ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass wir möglicherweise einen leeren Klavierkasten durch die Stadt gefahren haben.“
Mertens hob sein Messgerät wieder auf.
Es piepte.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Er sah auf die Anzeige.
Dann verkündete er:
„Die Messung ist abgeschlossen.“
Alle sahen ihn an.
„Und?“, fragte der Türsteher.
Mertens steckte das Gerät in seine Westentasche.
„Es fehlt Musik.“
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 blickte zur Dachluke.
„Dann müssen wir eben die Musik hineinbringen.“
Niemand lachte.
Zum ersten Mal an diesem Nachmittag lachte niemand.
Denn das Kindchen hatte etwas gesagt, das nicht nur vernünftig war.
Es hatte recht.
Und irgendwo, ganz weit oben auf dem Dach, setzte Stan Laurel sich auf den leeren Klavierkasten und begann, mit zwei Fingern auf das Holz zu klopfen.
Tok.
Tok-tok.
Tok.
Ein Rhythmus entstand.
Ollie hörte zu.
Der Butler hörte zu.
Mertens hörte zu.
Und plötzlich klang der leere Klavierkasten überhaupt nicht mehr leer.
Fortsetzung folgt.
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