15:42 Uhr. Die VIP-Steckdose ist belegt.
Nicole Kidman sitzt hinten im VIP-Raum. Ihre Nobel-Steckdose ist selbstverständlich vergoldet, hat drei Anschlussmöglichkeiten und wird vom Butler persönlich überwacht.
„Very comfortable“, sagt Nicole und schließt ihr Gerät an.
Dann holt sie eine Tüte weiße Schokolade von Aldi hervor.
SOFORTIGE UNRUHE IM KINDERZIMMER.
Die acht Wäscheklammerkinderchen erscheinen in der Tür.
„NICOLE IST DA! NICOLE HAT SCHOKOLADE!“
Nicole verteilt die Tafeln mit der Würde einer Königin bei einer Staatsvisite.
Fünf Sekunden später …
RASCHLE. KNISTER. RASCHEL.
Acht kleine Hände öffnen acht Schokoladenverpackungen.
Und dann geschieht das Unfassbare.
ACHT SILBERPAPIERE FLIEGEN GLEICHZEITIG AUS DEM FENSTER.
Draußen steht der Türsteher.
Er blickt nach oben.
Ein Stück Silberpapier landet auf seiner linken Schulter.
Ein zweites auf seinem Kopf.
Ein drittes klebt an seiner Nase.
Er schaut zur Fensterfront.
„JA, SIND WIR DENN HIER IN EINER SCHOKOLADENFABRIK OHNE ABFALLENTSORGUNG?!“
Aus dem Kinderzimmer kommt eine unschuldige Stimme:
„Aber der Wind wollte das so!“
Der Türsteher schließt die Augen.
„Der Wind. Natürlich. Der Wind ist immer schuld. Letzte Woche war es noch Goethe.“
Im VIP-Raum nimmt Nicole einen Schluck Wasser.
„Is this normal?“
Der Butler verbeugt sich.
„Sehr wohl, Miss Kidman. In Weimar mit WLAN ist das sogar eine ausgesprochen ruhige Sonntagsveranstaltung.“
Unterdessen hält Goethe im Hauptraum seinen Vortrag über die Liebe.
Achtzehn Tiketaketokerinnen hören zu und trinken Limonade.
Eine hebt die Hand.
„Herr Goethe, kann man sich eigentlich auch durch Texte verlieben?“
Goethe blickt nachdenklich zum Fenster, hinter dem der Türsteher gerade das siebte Silberpapier einsammelt.
„Meine Dame“, sagt er schließlich, „ich fürchte, das ist eine Frage für Herrn Riefunke.“
IM GLEICHEN MOMENT ERTÖNT EIN BENACHRICHTIGUNGSTON.
Der Butler wird kreidebleich.
„Madame … ein neuer Text.“
Goethe legt sich die Hand auf die Stirn.
Nicole zieht vorsichtshalber den Stecker aus ihrer Nobel-Steckdose.
Und draußen ruft der Türsteher:
„ICH KÜNDIGE! SOBALD ICH DIESES LETZTE STÜCK SILBERPAPIER GEFUNDEN HABE!“
Ich muss allerdings eine Sache wissen.
Ist der Türsteher eigentlich der Einzige in diesem ganzen Etablissement, der noch halbwegs bei Verstand ist, oder hat Riefunke ihn auch schon mit einem seiner Texte erwischt?
Denn ich sehe ihn schon nachts am Eingang stehen, eine Aldi-Schokoladentafel in der Tasche, und murmeln:
„Ich lese diesen Text nicht. Ich bin beruflich neutral. Ich bin Türsteher. Ich habe Prinzipien.“
Dann liest er doch.
Und am nächsten Morgen sammelt er wieder Silberpapier.