Das Verschwinden des Geistes
Rote Steinchen, Baldriantee und ein Geheimrat im Zustand völliger Fassungslosigkeit
Aus den nächtlichen Aufzeichnungen Johann Wolfgang von Goethes, English Scrollstube, kurz nach Mitternacht.
Es geschah in einem einzigen Augenblick.
Eben noch hatte unser Aspirant mitten im Kinderzimmer gestanden, die blonde Perücke in der Hand, den Rucksack auf dem Rücken und den Butler mit seiner bloßen Anwesenheit an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht.
Dann geschah etwas, das sich jeder vernünftigen Erklärung entzog.
Ein Zucken.
Ein leises Pfeifen in der Luft.
Ein Windhauch, obwohl sämtliche Fenster geschlossen waren.
Und plötzlich war er verschwunden.
Wie ein Blitz!
Nicht durch die Tür. Nicht durch die Dachluke. Nicht einmal durch das Fenster, das ohnehin viel zu klein gewesen wäre, um einen ausgewachsenen TikToker samt Rucksack hindurchzulassen.
Er war schlicht nicht mehr da.
Der Butler erstarrte.
Nicole Kidman ließ ihre Handtasche fallen.
Ich selbst, Johann Wolfgang von Goethe, stand mit offenem Munde im Türrahmen und musste feststellen, dass mir trotz meiner langjährigen Beschäftigung mit den Grenzbereichen des menschlichen Daseins ein solches Schauspiel noch niemals untergekommen war.
„Bei allen Musen“, rief ich, „wo ist der Mann geblieben?“
Niemand antwortete.
Denn in diesem Augenblick bemerkten wir den Boden.
Dort lagen sie.
Kleine Steinchen.
Rundliche, unscheinbare, teilweise rötlich schimmernde Steinchen vom Steinhuder Meer.
Acht Wäscheklammerkinderchen blickten hinab.
Und dann brach die Hölle los.
„DIE ROTEN GEHÖREN MIR!“
„NEIN, ICH HABE SIE ZUERST GESEHEN!“
„DU HAST SCHON DREI GRAUE!“
„ABER DIE ROTEN SIND MAGISCH!“
„SIND SIE GAR NICHT!“
„DOCH! DER MANN IST DESWEGEN VERSCHWUNDEN!“
Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich das Kinderzimmer in einen mineralogischen Bürgerkrieg von erschütterndem Ausmaß.
Ein Kind versteckte zwei rote Steinchen unter seinem Kopfkissen. Ein anderes behauptete, sämtliche roten Exemplare seien kraft königlichen Dekrets ihm vorbehalten. Ein drittes begann, die grauen Steinchen gegen imaginäre Goldmünzen einzutauschen.
Das sechste Wäscheklammerkinderchen biss seinem Bruder beinahe in den Ärmel, weil dieser ein besonders schönes rotes Exemplar in der Hand hielt.
Das achte saß in einer Ecke und verkündete unter Tränen:
„ICH WILL AUCH EINEN STEIN, DER MICH UNSICHTBAR MACHT!“
Ich muss gestehen, dass ich an diesem Punkte ernsthaft erwog, mich in mein Studierzimmer zurückzuziehen und sämtliche philosophischen Schriften der Menschheit zu verbrennen.
Denn was war hier geschehen?
Ein Mann war verschwunden.
Zurück blieben acht streitende Kinder, eine blonde Perücke, ein Rucksack und Steine von einem niedersächsischen Gewässer.
Die Metaphysik hatte sich offenbar entschlossen, den Dienstbetrieb eigenmächtig zu übernehmen.
Währenddessen bewies der Butler, dass selbst die schlimmsten Erschütterungen des Weltbildes einen gewissen Einfluss auf die Getränkekultur haben können.
Er verschwand in die Küche und kehrte wenig später mit einem silbernen Tablett zurück.
Darauf stand eine Tasse Baldriantee.
Er stellte sie vor Nicole Kidman ab.
„Für Ihre Nerven, gnädige Frau.“
Nicole blickte ihn an.
„Thank you. I think I need something stronger.“
„Wir führen leider keinen offiziellen Krisenwhisky für übernatürliche Zwischenfälle“, entgegnete der Butler mit jener steifen Würde, die nur ein Mann aufbringen kann, dessen Dienstherr soeben von einem unsichtbaren TikToker heimgesucht worden ist.
Sie nahm einen Schluck.
Dann noch einen.
Schließlich sah sie zu mir herüber.
„Goethe, darling, was that man actually a ghost?“
Ich wollte antworten.
Ich wollte von der Unfassbarkeit des Seins sprechen, von der Grenze zwischen Erscheinung und Wirklichkeit, von der uralten Frage, ob das Verschwinden eines Menschen seine höchste Form der Anwesenheit sein könne.
Doch leider musste ich feststellen, dass ich meinen Stock nicht mehr bei mir trug.
Und ohne meinen Stock war ich in dieser Stunde nicht mehr der große Geheimrat, sondern lediglich ein älterer Herr im Morgenrock, der nachts in einem Kinderzimmer stand und acht Wäscheklammerkinderchen beim Streit um rote Steine beobachtete.
„Mein Stock!“, rief ich. „Wo ist mein Stock geblieben?“
Der Butler seufzte.
Nicole trank ihren Baldriantee.
Die Kinder stritten weiter.
Und ich begann, den Boden mit einer Taschenlampe abzusuchen.
Unter dem Bett: kein Stock.
Hinter dem Schrank: zwei graue Steinchen und ein zerbrochenes Spielzeug.
Im Wäschekorb: ein einzelner roter Kiesel, den ich vorsichtshalber nicht anrührte.
Hinter der Gardine: die blonde Perücke.
Ich hob sie auf, betrachtete sie lange und fragte mich, ob ich in meinem Leben jemals einen Gegenstand gesehen hatte, der so viele Fragen aufwarf und so wenige Antworten lieferte.
Dann hörte ich hinter mir eine Stimme.
„Herr Geheimrat?“
Es war der Butler.
„Ja?“
„Ich möchte ungern stören, aber eines der Kinder behauptet, der verschwundene Herr habe ihm vor seiner Abreise einen roten Stein versprochen.“
Ich schloss die Augen.
„Welches Kind?“
„Alle acht, Herr Geheimrat.“
Da wusste ich, dass diese Nacht noch lange nicht vorüber war.
Ich richtete den Lichtkegel meiner Taschenlampe erneut auf den Boden und murmelte:
„Es irrt der Mensch, solang er strebt.“
Aus der Ecke kam prompt die Antwort:
„ICH STREBE NACH DEM ROTEN STEIN!“
Nicole verschluckte sich beinahe an ihrem Tee.
Der Butler bat um Urlaub.
Und ich, Johann Wolfgang von Goethe, fasste einen Entschluss, den ich später als den vernünftigsten meiner gesamten Amtszeit bezeichnen sollte:
Am folgenden Morgen würde ich eine Hausordnung erlassen.
Erstens: Keine unbefugten Dachlukenbenutzungen.
Zweitens: Keine spontanen Auflösungen von Personen in Luft.
Drittens: Sämtliche Steinchen vom Steinhuder Meer seien beim Empfang abzugeben und inventarisch zu erfassen.
Viertens: Wer rote Steinchen beansprucht, hat dies schriftlich und in dreifacher Ausfertigung zu begründen.
Fünftens: Der Baldriantee wird künftig in industriellen Mengen bevorratet.
Und sechstens – eine Regel, die mir besonders am Herzen lag:
Niemand, absolut niemand, betritt die English Scrollstube mehr mit einer blonden Perücke, ohne vorher einen Termin bei mir vereinbart zu haben.
Ich schaltete die Taschenlampe aus.
Da hörte ich plötzlich ein Geräusch.
Ein leises Pfeifen.
Wie ein Blitz.
Ich fuhr herum.
Nichts.
Nur die acht Wäscheklammerkinderchen, die gleichzeitig auf ihre Hände blickten.
Und eines flüsterte:
„Mama hat gesagt, wenn wir ganz fest an den roten Stein glauben, kommt der Geist zurück.“
Ich ging in dieser Nacht nicht mehr schlafen.
Der Butler auch nicht.
Nicole Kidman verlangte ein zweites Kissen und eine weitere Tasse Baldriantee.
Und irgendwo, in einer Dimension, die weder Google Maps noch die Deutsche Bahn zu erfassen vermögen, befand sich unser verschwundener TikToker.
Vielleicht am Steinhuder Meer.
Vielleicht in einer anderen Zeit.
Vielleicht bereits auf dem Weg zu seiner nächsten großen Prüfung.
Doch eines wusste ich mit Gewissheit:
Wenn er zurückkehrte, würde ich ihm zuerst meinen Stock zeigen. Und dann würde ich ihn fragen, wo zum Teufel er die roten Steine versteckt hatte.
Fortsetzung folgt: „Die Rückkehr des Unsichtbaren – und warum plötzlich der gesamte Butlerstab rote Steinchen sammelt.“
Johann Wolfgang von Goethe
Geheimrat, Leiter der English Scrollstube und seit dieser Nacht überzeugter Gegner ungeprüfter Dachluken.
P. S. Mein lieber Freund, sollte Euch diese Chronik jemals erreichen: Bringt meinen Stock zurück. Die Perücke dürft Ihr behalten.
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