RIEFUNKE präsentiert
DAS ROTE GUMMIBAND
Ein transatlantischer Butterbrotkrimi in sieben sicherheitspolitisch bedenklichen Lachsalven
ERSTER AKT: DIE LAGE IST GESPANNT
Es begann mit einem Gummiband.
Nicht mit einer Rakete.
Nicht mit einem Ultimatum.
Nicht mit einer dieser internationalen Krisen, bei denen sich fünfzehn Herren um einen Tisch setzen, sechsundzwanzig Dolmetscher beschäftigen und am Ende erklären, man habe sich auf weitere Gespräche geeinigt.
Nein.
Es begann mit einem roten Gummiband.
Dieses Gummiband hatte ein Butterbrot zusammengehalten.
Das Butterbrot enthielt französischen Schimmelkäse.
Und um das Butterbrot herum hatte ein Oberst einen pazifistischen Text gefaltet.
Damit war die Sache international.
Frankreich war beteiligt.
Bremen war beteiligt.
Die Bundeswehr war möglicherweise beteiligt.
Und RIEFUNKE war beteiligt, ohne davon notwendigerweise Kenntnis zu haben.
Das rote Gummiband allerdings wusste alles.
Es schwieg.
Gummibänder sind dafür bekannt, dass sie unter Spannung stehen, ohne ständig Erklärungen abzugeben.
Im Gegensatz zu manchen politischen Institutionen.
ZWEITER AKT: DIE PARLAMENTARISCHE AUFKLÄRUNG
Am folgenden Morgen trat ein eigens eingesetzter Untersuchungsausschuss zusammen.
Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung mit den Worten:
„Meine Damen und Herren, wir müssen klären, ob das fragliche Gummiband eine zivile, militärische oder käsetechnische Funktion erfüllt hat.“
Ein Abgeordneter hob die Hand.
„Ist bekannt, ob es sich um ein NATO-kompatibles Gummiband handelt?“
Ein anderer fragte:
„War das Gummiband rot, bevor der Frieden darumgewickelt wurde, oder wurde es erst dadurch rot?“
Ein dritter wollte wissen, ob Frankreich über die Verwendung seines Schimmelkäses informiert gewesen sei.
Der Vorsitzende ordnete eine Pause an.
Die Lage war zu angespannt.
Draußen vor dem Gebäude warteten Journalisten.
Einer rief:
„Ist der Weltfrieden in Gefahr?“
Ein anderer:
„Wurde die Abschreckung durch Erdbeerkaugummi ersetzt?“
Ein dritter fragte:
„Wer ist RIEFUNKE?“
Daraufhin brach eine kurze, aber bemerkenswerte Stille aus.
Denn das wusste niemand im Untersuchungsausschuss.
DRITTER AKT: DER OBERST PACKT AUS
In Bremen hatte der Oberst inzwischen sein Büro erreicht.
Er stellte seine Tasche ab.
Er legte die Unterlagen auf den Schreibtisch.
Dann zog er das Butterbrot hervor.
Das rote Gummiband war noch da.
Der Oberst löste es.
Er nahm die Folie ab.
Der Schimmelkäse kam zum Vorschein.
Und mit ihm der Text.
Die Wäscheklammerkinderchen entfalteten sich auf dem Schreibtisch.
Das UFOlein wurde wieder lesbar.
Der Gartenzwerg stand plötzlich auf dem Kopf.
Der Oberst betrachtete das Blatt.
Dann das Brot.
Dann wieder das Blatt.
„Na, wenigstens einer hat heute etwas zu essen“, sagte er.
Es war nicht ganz klar, ob er das Brot meinte oder den Geist.
Jedenfalls biss er hinein.
In diesem Moment klopfte es.
Ein Mitarbeiter trat ein.
„Herr Oberst, wir haben eine Anfrage.“
„Worum geht es?“
„Um ein rotes Gummiband.“
Der Oberst kaute.
„Aha.“
„Es soll sich um ein sicherheitsrelevantes Objekt handeln.“
Der Oberst schluckte.
„Dann sichern Sie es.“
„Das Gummiband?“
„Nein. Den Frieden.“
Der Mitarbeiter notierte etwas.
Dann ging er hinaus.
Er hatte den Eindruck, gerade einen dienstlichen Auftrag erhalten zu haben.
Und vielleicht hatte er das auch.
VIERTER AKT: DIE NATO GERÄT INS SCHLINGERN
In Brüssel war die Nachricht inzwischen eingetroffen.
Ein Oberst hatte ein Friedensgedicht gelesen.
Ein Butterbrot war damit verpackt worden.
Das Gummiband war rot.
Und niemand konnte mit Sicherheit sagen, ob der Vorgang wiederholbar war.
Die Experten kamen zusammen.
Ein Strategieberater erklärte:
„Wir müssen zunächst zwischen dem materiellen Träger und dem ideellen Inhalt unterscheiden.“
Ein zweiter ergänzte:
„Das Brot ist vergänglich. Der Text möglicherweise nicht.“
Ein dritter fragte:
„Was geschieht, wenn weitere Offiziere ihre Butterbrote mit Friedensgedichten umwickeln?“
Niemand antwortete.
Man dachte an die Folgen.
Ein Hauptmann könnte ein Gedicht über Abrüstung in seine Brotdose legen.
Eine Majorin könnte ein Friedensmanifest neben den Apfel platzieren.
Ein General könnte beim Mittagessen plötzlich feststellen, dass die andere Seite ebenfalls Hunger hat.
Das wäre eine Entwicklung von beträchtlicher Tragweite.
Denn wenn Menschen gemeinsam essen, reden sie gelegentlich miteinander.
Und wenn sie miteinander reden, stellen sie mitunter fest, dass die Wirklichkeit komplizierter ist als ihre Feindbilder.
Die Experten waren beunruhigt.
Einer verlangte eine Risikoanalyse.
Ein anderer schlug eine Arbeitsgruppe vor.
Ein dritter wollte wissen, ob man die Sache nicht zunächst vertagen könne.
Da meldete sich das kleinste Wäscheklammerkinderchen.
Es saß unbemerkt auf einem Aktenordner.
„Entschuldigung“, sagte es.
Alle drehten sich um.
„Habt ihr eigentlich schon einmal versucht, miteinander zu reden, bevor ihr euch gegenseitig erklärt, warum ihr euch nicht vertrauen könnt?“
Die Sitzung wurde unterbrochen.
Nicht wegen eines technischen Problems.
Wegen einer Frage.
Das war wesentlich schlimmer.
FÜNFTER AKT: DIE ROTE VERSCHWÖRUNG
Während die Erwachsenen berieten, hatten die Wäscheklammerkinderchen das Gummiband untersucht.
Sie spannten es zwischen zwei Bleistiften.
Sie ließen es schnipsen.
Sie legten es um einen Gartenzwerg.
Sie verwendeten es als Katapult für Papierkügelchen.
Schließlich entdeckten sie etwas Erstaunliches.
Das Gummiband war elastisch.
Man konnte es dehnen.
Aber wenn man es zu weit dehnte, verlor es seine ursprüngliche Form.
„Das ist ja wie bei den Menschen!“, rief ein Kinderchen.
„Wie meinst du das?“, fragte das UFOlein.
„Na, wenn man sie ständig unter Spannung setzt, irgendwann lassen sie los. Oder sie reißen.“
Das UFOlein schwieg.
Es kannte solche Vorgänge aus anderen Galaxien.
Dort hatte man früher ebenfalls geglaubt, dass man Sicherheit herstellen könne, indem man alles und jeden unter möglichst große Spannung setzte.
Bis eines Tages ein Planet geplatzt war.
Nicht durch einen Angriff.
Durch Überdehnung.
Seitdem gab es dort eine intergalaktische Regel:
Wer ein Gummiband bis zum Äußersten spannt, darf sich nicht wundern, wenn es zurückschnellt.
Die Wäscheklammerkinderchen beschlossen, diese Regel der Menschheit mitzuteilen.
Sie schrieben auf ein Plakat:
ABSCHRECKUNG IST KEIN ERSATZ FÜR VERTRAUEN.
Darunter setzten sie:
UND EIN GUMMIBAND IST KEINE WELTORDNUNG.
Dann hängten sie das Plakat an die Tür des Untersuchungsausschusses.
Der Vorsitzende las es.
Er fand die Formulierung unpräzise.
Aber er ließ es hängen.
Manchmal ist das bereits ein Fortschritt.
SECHSTER AKT: DIE INTERNATIONALE BROTZEIT
Am Nachmittag geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Der Oberst traf einen Kollegen.
Sie saßen gemeinsam am Tisch.
Der eine hatte ein Käsebrot.
Der andere hatte eine Banane.
Der Oberst legte den RIEFUNKE-Text zwischen beide.
„Hast du das gelesen?“, fragte er.
Der Kollege las.
Er las über die Wäscheklammerkinderchen.
Über die Generäle.
Über den Krieg.
Über die Frage, warum Menschen Waffen bauen, um sich vor Waffen zu schützen.
Dann legte er das Blatt zurück.
„Nicht schlecht“, sagte er.
Das war keine Revolution.
Es war keine Abrüstungskonferenz.
Es war noch nicht einmal ein Beschluss.
Aber zwei Menschen hatten miteinander gesprochen.
Ohne Befehl.
Ohne Drohung.
Ohne dass jemand ein Gummiband um ihre Gedanken gespannt hatte.
Der Oberst nahm einen Bissen.
Sein Kollege biss in die Banane.
Und für einen kurzen Augenblick war die Welt nicht in Blöcke, Einflusszonen und strategische Räume aufgeteilt.
Sie bestand aus zwei Menschen, einem Tisch, einem Text und einer Mittagspause.
Das UFOlein beobachtete die Szene aus sicherer Entfernung.
„Siehst du?“, sagte es zum kleinsten Wäscheklammerkinderchen.
„Was?“
„Die Menschheit ist nicht unrettbar.“
Das Kinderchen nickte.
„Aber sie ist ziemlich kompliziert.“
„Ja“, sagte das UFOlein.
„Und deshalb braucht sie Humor.“
SIEBTER AKT: DAS URTEIL
Am Abend trat der Untersuchungsausschuss erneut zusammen.
Der Vorsitzende erhob sich.
„Nach eingehender Prüfung aller verfügbaren Erkenntnisse kommen wir zu folgendem Ergebnis.“
Die Mitglieder hielten den Atem an.
„Erstens: Das rote Gummiband ist ein Gummiband.“
Allgemeines Nicken.
„Zweitens: Das Butterbrot war zum Verzehr bestimmt.“
Einige Mitglieder machten sich Notizen.
„Drittens: Der pazifistische Text hat offenbar einen Leser gefunden.“
Hier wurde es still.
„Viertens: Wir können nicht feststellen, ob der Vorgang eine sicherheitspolitische Wirkung entfaltet hat.“
Ein Abgeordneter seufzte erleichtert.
„Fünftens: Wir empfehlen die Einrichtung einer Arbeitsgruppe zur weiteren Beobachtung möglicher friedensfördernder Butterbrotverpackungen.“
Da sprang das kleinste Wäscheklammerkinderchen auf den Tisch.
„NEIN!“
Alle erschraken.
„Keine Arbeitsgruppe! Keine neue Kommission! Keine hundert Seiten Bericht über ein Gummiband!“
Es zeigte auf den Vorsitzenden.
„Wenn ihr Frieden wollt, dann fangt an! Redet miteinander! Hört einander zu! Und hört endlich auf, jede gute Idee so lange zu untersuchen, bis sie tot ist!“
Der Vorsitzende setzte sich.
Er nahm seine Brille ab.
Er blickte auf den Bericht.
Dann strich er den letzten Absatz.
Stattdessen schrieb er:
„Empfehlung: Wir sollten es versuchen.“
Das war der kürzeste Beschluss in der Geschichte des Ausschusses.
Und vielleicht sein vernünftigster.
NACHSPIEL: DAS GUMMIBAND KEHRT ZURÜCK
Am nächsten Morgen lag das rote Gummiband wieder auf dem Küchentisch.
Daneben lag ein neues Butterbrot.
Der Oberst betrachtete beides.
Dann nahm er das Gummiband.
Er spannte es zwischen den Fingern.
Es war noch elastisch.
Dann legte er es beiseite.
Er brauchte es nicht.
Das Brot kam in die Folie.
Der Text kam in die Tasche.
Und der Oberst fuhr zur Arbeit.
Diesmal ohne rote Sicherung.
Denn manche Dinge müssen nicht festgezurrt werden, damit sie zusammenhalten.
Menschen zum Beispiel.
Oder Gedanken.
Oder der Wunsch, dass die eigenen Kinder eines Tages in einer Welt leben, in der sie nicht lernen müssen, andere Kinder zu hassen.
Das UFOlein startete seine Triebwerke.
Die Wäscheklammerkinderchen zogen ihre Mützen zurecht.
Der Gartenzwerg übernahm die Verkehrskontrolle.
Und auf dem großen Bildschirm der Welt erschien die letzte Meldung:
SONDERMELDUNG:
ROTES GUMMIBAND ENTLASTET.
BUTTERBROT VERZEHRT.
FRIEDEN WEITERHIN IN ARBEIT.
Darunter stand in rosa Erdbeerkaugummischrift:
WENN IHR DIE WELT ZUSAMMENHALTEN WOLLT, DANN HÖRT AUF, SIE STÄNDIG AUSEINANDERZUZIEHEN.
Und ganz unten, in winzigen Buchstaben, stand noch ein Hinweis des Gartenzwergs:
„Das Gummiband bitte nicht wegwerfen. Man weiß nie, wann man wieder ein Butterbrot einpacken muss.“
ENDE.
VORLÄUFIG.
Denn irgendwo auf der Welt sitzt bereits ein anderer Mensch an einem Tisch.
Vor ihm liegt ein Butterbrot.
Daneben ein Blatt Papier.
Und auf diesem Blatt steht ein Satz, den er noch nie zuvor gelesen hat.
Vielleicht wird er ihn weglegen.
Vielleicht wird er ihn vergessen.
Vielleicht wird er ihn jemandem zeigen.
Und vielleicht wird er ihn eines Tages mit zur Arbeit nehmen.
Die Wäscheklammerkinderchen jedenfalls sind vorbereitet.
Sie haben neue Gummibänder gekauft.
In Rot.
In Blau.
In Grün.
Und eines in Rosa.
Für den Weltfrieden.
Oder wenigstens für die Frühstückspause.
Man muss schließlich klein anfangen.
Aber man muss anfangen.
RIEFUNKE – ENDE DER LAGEBESPRECHUNG.
BEGINN DER BROTZEIT.
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