RIEFUNKE – Der große Dachlukenversuch
Ein Klavier, zwei Herren und die Frage, wer hier eigentlich wen transportiert
Das Klavier bewegte sich.
Nicht viel. Vielleicht zwei Zentimeter. Vielleicht drei. Aber es bewegte sich in jene Richtung, in der sich Dinge gewöhnlich bewegen, wenn niemand möchte, dass sie sich bewegen.
Stan bemerkte es zuerst.
„Ollie?“
„Was ist denn jetzt schon wieder, Stan?“
„Das Klavier.“
„Was ist mit dem Klavier?“
„Es bewegt sich.“
Ollie drehte sich um.
Das Klavier bewegte sich tatsächlich.
Für einen kurzen Augenblick schien die gesamte Welt den Atem anzuhalten. Sogar die Limonade in den Gläsern der Kinderchen lag vollkommen still. Der Butler hob langsam den Kopf. Mertens drückte sein Messgerät an die Brust, als wolle er es vor einer drohenden Katastrophe beschützen.
Dann sagte Ollie: „Stan, warum hast du das Klavier nicht festgebunden?“
Stan sah ihn an.
„Ich dachte, du hättest es festgebunden.“
Ollie schwieg.
Es war ein bedeutendes Schweigen. Ein Schweigen, das in besseren Zeiten ganze Regierungen hätte stürzen können.
„Ich“, sagte Ollie schließlich, „bin davon ausgegangen, dass du davon ausgegangen bist, dass ich es festgebunden habe.“
Stan dachte darüber nach.
„Dann sind wir ja beide davon ausgegangen.“
„Stan!“
„Ja, Ollie?“
„Du sollst nicht denken. Du sollst das Klavier festbinden!“
In diesem Moment rutschte das Klavier erneut.
Der Butler machte einen Schritt nach links. Mertens machte einen Schritt nach rechts. Die Kinderchen machten überhaupt keinen Schritt, denn sie hatten inzwischen erkannt, dass man bei großen historischen Ereignissen am besten dort stehen bleibt, wo man die beste Aussicht hat.
Der Türsteher trat vor.
„Meine Herren“, sagte er, „ich möchte daran erinnern, dass wir das Klavier nicht zum Vergnügen hierherbestellt haben. Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 hat einen musikalischen Wunsch geäußert. Dieser Wunsch ist ernst zu nehmen.“
„Selbstverständlich“, sagte Ollie.
„Natürlich“, sagte Stan.
Beide sahen zum Klavier.
Keiner von beiden wusste, was als Nächstes zu tun war.
Da hob Mertens plötzlich das Messgerät.
„Ich habe eine Idee!“
Alle drehten sich zu ihm um.
Das war ein Fehler.
Denn Mertens war jener Sorte Mensch zugehörig, die eine Idee nicht erst prüfen, sondern sofort ausführen muss. Er eilte zur krummen Leiter, stellte das Messgerät auf eine Sprosse und begann, die Leiter mit großer Aufmerksamkeit zu betrachten.
„Wenn wir die Neigung der Leiter mit der Neigung der Dachluke vergleichen, können wir die Richtung des Klaviertransports berechnen.“
„Und?“, fragte der Butler.
„Wir müssen die Leiter umdrehen.“
„Warum?“
Mertens sah ihn an, als sei die Antwort offensichtlich.
„Weil sie dann andersherum krumm ist.“
Der Butler schloss die Augen.
In der ersten Reihe der Kinderchen begann jemand, ganz leise zu kichern.
Stan hingegen war begeistert.
„Ollie! Das ist genial! Wenn wir die Leiter umdrehen, ist die Krümmung auf der anderen Seite!“
Ollie sah ihn an.
„Stan, ich möchte dich etwas fragen.“
„Ja, Ollie?“
„Wenn du deine Schuhe verkehrt herum anziehst, werden deine Füße dann länger?“
Stan überlegte.
„Nein.“
„Eben.“
Ollie wandte sich dem Butler zu und erklärte, man müsse nunmehr einen Plan entwickeln. Er sprach das Wort Plan mit solcher Entschlossenheit aus, dass für einen kurzen Augenblick sogar die krumme Leiter gerade zu stehen schien.
Der Butler holte einen Klappstuhl.
Mertens holte Papier.
Stan holte noch eine Limonade.
Ollie holte tief Luft.
Und so begann die erste offizielle Planungssitzung zur Einbringung eines Klaviers durch eine Dachluke.
Die Planungskommission
„Punkt eins“, verkündete Ollie. „Wir müssen feststellen, ob das Klavier überhaupt durch die Dachluke passt.“
„Das hätten wir vor der Einladung feststellen können“, sagte der Butler.
Ollie tat, als hätte er nichts gehört.
„Punkt zwei: Wir müssen feststellen, ob die Leiter lang genug ist.“
Mertens hob das Messgerät.
„Bereits geschehen.“
„Und?“
„Das hängt davon ab, von welchem Ende aus man misst.“
„Mertens!“
„Ich wollte nur wissenschaftlich bleiben.“
Der Butler setzte sich auf den Klappstuhl.
„Ich darf höflich darauf hinweisen, dass eine Dachluke keine philosophische Einrichtung ist. Sie hat eine bestimmte Breite und eine bestimmte Länge. Das Klavier ebenfalls. Man könnte die beiden Maße miteinander vergleichen.“
Es trat Stille ein.
Stan starrte den Butler an.
Mertens ließ das Messgerät sinken.
Ollie richtete sich langsam auf.
„Butler“, sagte er, „Sie wollen mir doch nicht ernsthaft erklären, dass wir die Angelegenheit mit einem Maßband lösen könnten?“
„Doch, Sir.“
„Nach all den Vorbereitungen?“
„Ja, Sir.“
„Nach der persönlichen Einladung an zwei international bekannte Klaviertransportspezialisten?“
„Ja, Sir.“
Ollie sah in die Runde.
Dann wandte er sich an Stan.
„Stan, hol das Maßband.“
Stan lief los.
Er kam mit einem Gartenschlauch zurück.
„Stan! Das ist kein Maßband!“
„Aber Ollie, es ist länger.“
Der Butler erhob sich.
Mertens begann wieder zu messen.
Die Kinderchen tranken ihre Limonade.
Und das Wäscheklammerkindchen Nr. 2, das die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte, stellte eine einzige, vollkommen vernünftige Frage:
„Wenn das Klavier nicht durch die Dachluke passt, könnten wir dann nicht einfach ein kleineres Klavier nehmen?“
Alle drehten sich um.
Niemand antwortete.
Es war die Art von Frage, die eine ganze Epoche beenden kann.
Ollie setzte sich.
Stan legte den Gartenschlauch auf den Boden.
Mertens betrachtete sein Messgerät, als habe es ihn persönlich enttäuscht.
Der Butler schenkte sich ein Glas Limonade ein.
Und das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 lächelte.
Denn zum ersten Mal an diesem Nachmittag hatte jemand etwas gesagt, das tatsächlich funktionierte.
Allerdings war da noch das Klavier auf dem Tesla-Dach.
Und die krumme Leiter.
Und die Dachluke.
Und Mertens hatte plötzlich wieder eine Idee.
Fortsetzung folgt.
|