Goethe über dem Ozean – Was ist Liebe?
Über dem Atlantik war es Nacht geworden.
Das Flugzeug zog seine unsichtbare Linie durch die Dunkelheit. Unter ihnen lag der Ozean, schwarz und unergründlich, hin und wieder vom Mondlicht berührt. Goethe hatte eine Weile geschlafen, den Kopf gegen die Lehne gelegt, den Spazierstock neben sich. Als er die Augen öffnete, stand der Copilot neben seinem Sitz und betrachtete ebenfalls das Meer.
„Herr Goethe?“
„Ja, mein Lieber?“
„Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
„Wenn Sie mich schon über einen Ozean transportieren, sollten Sie die Gelegenheit nutzen.“
Der Copilot lächelte verlegen.
„Was ist Liebe?“
Goethe richtete sich auf.
Er hatte vieles erwartet. Fragen nach dem Erdöl, nach den Kriegen, nach den Schulen in Paris. Vielleicht nach den Linien von Nasca. Aber diese Frage, hier oben, mitten in der Nacht, über einer Wassermasse, die älter war als jede menschliche Erinnerung, kam unerwartet.
„Warum fragen Sie mich das?“, sagte er.
„Weil Sie Goethe sind.“
Goethe seufzte.
„Das ist ein schlechter Grund. Wenn Sie mich fragen, weil ich Goethe bin, erwarten Sie vermutlich eine Antwort, die Sie bereits kennen möchten.“
„Und wenn ich Sie frage, weil Sie ein Mensch sind?“
Goethe sah ihn an.
„Dann haben Sie Ihre Frage verbessert.“
Der Copilot setzte sich auf den freien Platz neben ihm.
Eine Weile schwiegen beide. Das gleichmäßige Rauschen der Triebwerke erfüllte die Kabine. Vor ihnen lag die Dunkelheit, hinter ihnen Europa, irgendwo vor ihnen Südamerika.
„Ich bin verheiratet“, sagte der Copilot schließlich. „Ich habe eine Frau, die ich liebe. Zwei Kinder. Ein Haus, das wir gemeinsam eingerichtet haben. Ich weiß, wann sie morgens aufsteht, wie sie ihren Kaffee trinkt und dass sie manchmal schweigt, wenn sie eigentlich etwas sagen möchte.“
Goethe nickte.
„Sie kennen sie also.“
„Ja.“
„Und dennoch fragen Sie mich, was Liebe ist.“
Der Copilot lächelte traurig.
„Gerade deshalb.“
Goethe blickte hinaus auf den Ozean.
„Dann wollen wir versuchen, die Sache nicht zu einfach zu machen.“
Er legte die Hände auf seinen Spazierstock.
„Als junger Mensch glaubt man häufig, Liebe sei ein Zustand, in den man gerät. Ein Blick, ein Wort, eine Begegnung, und plötzlich scheint die Welt verändert. Alles bekommt eine andere Farbe. Man denkt an einen Menschen, wenn er nicht da ist, und vergisst die Zeit, wenn er da ist.“
„Das kenne ich“, sagte der Copilot.
„Natürlich kennen Sie das. Aber das ist zunächst nur der Anfang. Die Liebe zeigt sich nicht allein darin, wie sehr uns jemand bewegt, wenn er bei uns ist. Sie zeigt sich auch darin, was geschieht, wenn die erste Bewegung nachlässt.“
„Sie meinen den Alltag?“
„Ich meine den Menschen.“
Goethe wandte sich ihm zu.
„Es ist leicht, einen Menschen zu lieben, solange er unseren Vorstellungen entspricht. Solange er uns bewundert, uns versteht, uns Freude bereitet und die Seiten an uns hervorbringt, die wir selbst gern sehen. Schwieriger wird es, wenn dieser Mensch eine eigene Wirklichkeit entwickelt, die nicht mit unserer übereinstimmt.“
Der Copilot blickte auf seine Hände.
„Wenn sie sich verändert?“
„Ja.“
„Wenn sie Dinge möchte, die ich nicht möchte?“
„Auch dann.“
„Und wenn ich sie nicht mehr verstehe?“
Goethe lächelte schwach.
„Mein lieber Freund, vielleicht beginnt die Liebe gerade dort, wo das Verstehen aufhört, ohne dass die Achtung endet.“
Der Copilot ließ den Satz auf sich wirken.
„Aber ist es dann noch Liebe, wenn man nicht mehr versteht, was der andere tut?“
„Das kommt darauf an, was Sie mit Verstehen meinen. Wenn Sie damit meinen, dass Sie die Gründe des anderen vollständig nachvollziehen können, werden Sie bisweilen scheitern. Wenn Sie aber meinen, dass Sie bereit sind, den anderen nicht vorschnell aufzugeben, nur weil seine Gründe Ihnen fremd sind, dann haben Sie vielleicht etwas Wesentliches begriffen.“
Das Flugzeug neigte sich leicht. Unter ihnen zog eine Wolkenbank vorbei, deren Ränder vom Mond silbern beleuchtet wurden.
„Ich habe manchmal Angst“, sagte der Copilot, „dass die Liebe eines Tages verschwindet. Dass zwei Menschen eines Morgens aufwachen und feststellen, dass sie sich fremd geworden sind.“
Goethe schwieg länger als zuvor.
„Ja“, sagte er schließlich. „Das kann geschehen.“
Der Copilot sah ihn überrascht an.
„Sie trösten mich nicht gerade.“
„Ich halte wenig von einem Trost, der auf einer Unwahrheit beruht.“
Goethe rückte seinen Spazierstock zurecht.
„Menschen verändern sich. Sie verlieren sich aus den Augen, sie werden müde, sie tragen Verletzungen davon, die sie nicht aussprechen können. Manchmal endet die Liebe. Manchmal endet nur eine Form, in der sie gelebt wurde. Und manchmal bleibt etwas bestehen, das man nicht mehr mit demselben Namen bezeichnen kann.“
„Was bleibt dann?“
„Das weiß ich nicht für jeden Menschen. Vielleicht eine Erinnerung. Vielleicht Dankbarkeit. Vielleicht Schmerz. Vielleicht die Erkenntnis, dass ein Mensch unser Leben verändert hat, auch wenn er nicht bis zu seinem Ende darin geblieben ist.“
Der Copilot schluckte.
„Das klingt traurig.“
„Es ist traurig. Aber nicht alles, was traurig ist, ist deshalb ohne Wert.“
Goethe sah wieder hinaus.
„Wissen Sie, was ich für einen der größten Irrtümer halte? Dass wir glauben, die Bedeutung einer Liebe lasse sich daran messen, wie lange sie dauert.“
„Woran dann?“
„Daran, was sie aus uns macht. Ob wir durch sie aufmerksamer werden. Ob wir lernen, weniger grausam zu sein. Ob wir einen anderen Menschen nicht nur deshalb schätzen, weil er uns gehört, sondern weil er existiert.“
Der Copilot schwieg.
Draußen lag der Atlantik, grenzenlos und dunkel. Goethe dachte an die Menschen, die er geliebt hatte, an jene, die ihm nahe gewesen waren, und an jene, die er vielleicht erst im Nachhinein wirklich verstanden hatte. Er wusste, dass die Erinnerung gern verschönerte, was verloren gegangen war. Sie machte aus Menschen Gestalten, aus Begegnungen Schicksale und aus Fehlern manchmal notwendige Umwege.
„Darf ich Sie etwas Persönliches fragen?“, sagte der Copilot.
„Sie haben bereits damit begonnen.“
„Haben Sie immer gewusst, was Liebe ist?“
Goethe lachte leise.
„Nein. Und ich wäre misstrauisch gegenüber jedem Menschen, der das von sich behauptet.“
Er dachte einen Augenblick nach.
„Ich habe vieles über die Liebe geschrieben. Aber über etwas zu schreiben ist nicht dasselbe, wie es zu beherrschen. Ein Dichter kann einen Satz finden, der eine Wahrheit berührt, und im nächsten Augenblick an dieser Wahrheit scheitern. Wir sind nicht deshalb weise, weil wir etwas erkannt haben. Wir werden erst dann ein wenig weiser, wenn wir versuchen, danach zu leben.“
„Dann sind Ihre Bücher keine Antworten?“
„Manchmal sind sie Antworten. Manchmal sind sie Fragen, die sich als Antworten verkleidet haben.“
Der Copilot lachte. Goethe lachte mit ihm.
Dann wurde Goethe wieder ernst.
„Sagen Sie, lieben Sie Ihre Frau?“
„Ja.“
„Warum?“
Der Copilot öffnete den Mund, schloss ihn wieder und dachte nach.
„Weil ich bei ihr zu Hause bin“, sagte er schließlich.
Goethe hob die Augenbrauen.
„Das ist ein schöner Anfang.“
„Und weil ich ihr Dinge erzählen kann, die ich sonst niemandem erzähle. Weil sie mich kennt, auch wenn ich mich selbst nicht verstehe. Weil ich manchmal nach einem langen Flug nach Hause komme und sie in der Küche steht, und dann weiß ich, dass ich nicht mehr funktionieren muss.“
Goethe hörte aufmerksam zu.
„Und weil ich Angst habe, sie zu verlieren“, fügte der Copilot hinzu.
„Das gehört dazu“, sagte Goethe. „Aber passen Sie auf.“
„Worauf?“
„Dass Sie die Angst vor dem Verlust nicht mit der Liebe selbst verwechseln. Wer einen Menschen nur deshalb festhält, weil er fürchtet, ohne ihn nicht leben zu können, liebt vielleicht auch seine eigene Sicherheit. Liebe aber muss dem anderen Raum lassen, ein eigener Mensch zu bleiben.“
Der Copilot sah ihn lange an.
„Dann ist Liebe also Freiheit?“
„Nicht nur. Freiheit ohne Verbundenheit kann Gleichgültigkeit werden. Verbundenheit ohne Freiheit kann Besitz werden. Vielleicht liegt die Schwierigkeit darin, beides miteinander auszuhalten: dass ein Mensch Ihnen nahe ist und dennoch niemals vollständig Ihnen gehört.“
Das Flugzeug flog weiter durch die Nacht.
Plötzlich erschien am Horizont ein schmaler heller Streifen. Noch war nicht zu erkennen, ob er zum Mondlicht gehörte oder bereits zum kommenden Morgen.
Goethe bemerkte ihn.
„Sehen Sie“, sagte er, „die Erde wird sich drehen, auch wenn wir hier oben sitzen und über die Liebe sprechen.“
„Das ist nicht gerade romantisch.“
„Im Gegenteil. Ich finde es tröstlich. Die Welt verlangt nicht, dass wir alles verstehen, bevor der Morgen kommt.“
Der Copilot stand auf. Er musste zurück ins Cockpit.
„Herr Goethe?“
„Ja?“
„Wenn Sie nur einen Satz über die Liebe sagen dürften – welchen würden Sie wählen?“
Goethe blickte ihn an. Diesmal antwortete er nicht sofort. Er schien nach einem Satz zu suchen, der groß genug war, um die Frage zu tragen, und bescheiden genug, um nicht so zu tun, als könne er sie endgültig lösen.
Dann sagte er:
„Vielleicht diesen: Liebe ist nicht, dass ein Mensch uns vollständig versteht. Liebe ist, dass wir einander nicht aufhören, als Menschen zu begegnen, auch wenn wir einander nicht mehr vollständig verstehen.“
Der Copilot nickte langsam.
„Das werde ich mir merken.“
„Tun Sie das nicht zu schnell“, sagte Goethe. „Prüfen Sie es zu Hause.“
Der Copilot ging zurück ins Cockpit.
Goethe blieb am Fenster sitzen. Unter ihm lag der Ozean, der keine Antwort gab und keine verlangte. Er dachte an Paris, an die jungen Menschen auf den Straßen, an seine Pferde vor der englischen Scrollstube und an die Menschen, die glaubten, die Welt gehöre ihnen, sobald sie etwas besitzen konnten.
Und er dachte daran, dass Liebe vielleicht das Gegenteil davon war.
Nicht besitzen.
Nicht festhalten.
Nicht den anderen in eine Gestalt verwandeln, die den eigenen Wünschen entsprach.
Sondern einen Menschen sehen, in seiner wirklichen Größe und in seiner wirklichen Begrenztheit, und ihm dennoch begegnen wollen.
Draußen wurde der Horizont heller.
Goethe schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte er das Gefühl, dass er auf seiner Reise nicht nur zu einem Ort unterwegs war.
Sondern zu einer Frage, auf die er keine endgültige Antwort brauchte.
Denn irgendwo am anderen Ende dieses Ozeans warteten Menschen aufeinander.
Und manchmal, dachte Goethe, war das schon sehr viel.