GOETHE UND DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN
Ein RIEFUNKE-Dialog über Regen, Gerechtigkeit und den Frieden auf Erden
Wäscheklammerkinderchen Nummer 7: Goethe?
Goethe: Ja, mein Kind?
Nummer 7: Darf ich Kind Nummer 1 Regen stehlen?
Goethe: Ei der Daus! Das ist eine Frage, die selbst einen alten Geheimrat aus dem Gleichgewicht bringen kann. Wie kommst du denn auf diesen Gedanken?
Nummer 7: Ganz einfach. Wenn es bei Nummer 1 regnet, ist es nass. Wenn es bei mir regnet, ist es auch nass. Aber wenn ich den Regen von Nummer 1 zu mir hole, dann ist es bei mir nass und bei Nummer 1 trocken. Dann habe ich gewonnen.
Goethe: Und was genau hast du gewonnen?
Nummer 7: Na, den Regen!
Goethe: Aber der Regen war doch schon da.
Nummer 7: Ja, bei Nummer 1.
Goethe: Und nun ist er bei dir?
Nummer 7: Genau!
Goethe: Dann besitzt du jetzt etwas, das vorher jemand anderem zugutekam, während jener nun ohne dasteht. Sag, mein Kind, was macht dich so sicher, dass der Regen dir gehört?
Nummer 7: Weil ich ihn haben will.
Goethe: Ah! Eine bemerkenswerte Begründung. Ich werde sie sogleich den Königen, Fürsten und Regierungen dieser Welt mitteilen. Sie werden begeistert sein. Endlich müssen sie ihre Kriege nicht mehr mit langen Reden über Geschichte, Sicherheit und gerechte Ansprüche rechtfertigen. Es genügt künftig der Satz: Ich will es haben.
Nummer 7: Wirklich?
Goethe: Nein, Nummer 7. Das war Ironie. Eine Kunst, die bei Erwachsenen leider häufig erst dann verstanden wird, wenn der Schaden bereits eingetreten ist.
Nummer 7: Dann darf ich Nummer 1 also den Regen nicht stehlen?
Goethe: Bevor ich dir antworte, möchte ich etwas wissen. Was geschieht mit dem Regen, wenn du ihn nicht stiehlst?
Nummer 7: Dann regnet es bei Nummer 1.
Goethe: Und bei dir?
Nummer 7: Vielleicht auch.
Goethe: Und wenn der Wind die Wolken weiterträgt?
Nummer 7: Dann regnet es vielleicht bei uns beiden.
Goethe: Siehst du! Die Natur besitzt eine höchst eigenartige politische Ordnung. Sie kennt keine Grenzkontrollen für Regentropfen, keine Visa für Wolken und keine Generäle, die den Himmel unter sich aufteilen.
Nummer 7: Aber Goethe, die Erwachsenen machen das doch auch mit dem Land!
Goethe: Ja, mein Kind. Und manchmal vergessen sie dabei, dass die Erde bereits da war, bevor sie ihre Linien auf Landkarten zeichneten.
Nummer 7: Und dann streiten sie sich, wem etwas gehört?
Goethe: Sie streiten, sie verhandeln, sie drohen, sie rüsten auf. Manche erklären ihre Ansprüche für heilig, andere für historisch, wieder andere für unverzichtbar. Und gelegentlich vergessen sie dabei die einfachste Frage: Was geschieht eigentlich mit den Menschen, die auf diesem Land leben?
Nummer 7: Dann ist das mit dem Regenstehlen vielleicht wie mit dem Krieg?
Goethe: Vielleicht. Wenn du den Regen nur deshalb an dich reißt, weil du mehr haben möchtest als Nummer 1, dann nimmst du in Kauf, dass Nummer 1 durstig bleibt. Wenn Menschen Land, Wasser oder andere Lebensgrundlagen gewaltsam an sich reißen, können die Folgen ungleich größer sein. Doch nicht jeder Streit um etwas, das Menschen brauchen, ist gleich ein Krieg. Manchmal lässt sich teilen, manchmal muss verhandelt werden, und manchmal braucht es Regeln, die für alle gelten.
Nummer 7: Und was soll ich jetzt mit dem Regen machen?
Goethe: Das hängt davon ab, was du brauchst.
Nummer 7: Ich möchte meine Sonnenblumen gießen.
Goethe: Und Nummer 1?
Nummer 7: Nummer 1 hat auch Sonnenblumen.
Goethe: Dann könntet ihr gemeinsam überlegen, wie ihr beide genug Wasser bekommt.
Nummer 7: Zusammen?
Goethe: Eine ungeheuerliche Idee, ich weiß. Sie hat sich unter vernünftigen Menschen allerdings schon gelegentlich bewährt.
Nummer 7: Und wenn Nummer 1 nicht teilen will?
Goethe: Dann musst du mit Nummer 1 reden. Und wenn ihr euch nicht einigen könnt, braucht ihr vielleicht jemanden, der euch hilft, eine gerechte Lösung zu finden.
Nummer 7: Also darf ich den Regen nicht einfach stehlen?
Goethe: Ich würde dir raten, es zunächst mit einer Frage zu versuchen.
Nummer 7: Mit welcher?
Goethe: „Nummer 1, brauchst du deinen Regen gerade selbst? Und wenn nicht, könnten wir vielleicht gemeinsam etwas damit anfangen?“
Nummer 7: Goethe?
Goethe: Ja?
Nummer 7: Und wenn Nummer 1 sagt, der Regen gehöre schon seit tausend Jahren seiner Familie?
Goethe: Dann würde ich dich bitten, mir einen Stuhl zu holen. Denn dann steht uns vermutlich eine längere Unterhaltung bevor.
Nummer 7: Mit Nummer 1?
Goethe: Mit Nummer 1, mit dir und möglicherweise mit sämtlichen Erwachsenen, die glauben, ein alter Besitzanspruch beantworte bereits jede Frage nach Gerechtigkeit.
Nummer 7: Goethe, ich glaube, ich verstehe.
Goethe: Das freut mich. Was hast du verstanden?
Nummer 7: Wenn ich den Regen stehle, habe ich vielleicht mehr Wasser. Aber wenn wir den Regen gemeinsam nutzen, haben wir vielleicht beide genug.
Goethe: Ein schöner Gedanke.
Nummer 7: Dann gehe ich jetzt zu Nummer 1.
Goethe: Sehr vernünftig.
Nummer 7: Ich frage, ob wir gemeinsam Regen sammeln.
Goethe: Noch vernünftiger.
Nummer 7: Und wenn Nummer 1 einverstanden ist, bauen wir eine große Regentonne.
Goethe: Ausgezeichnet!
Nummer 7: Und wenn Nummer 1 nicht einverstanden ist, frage ich, warum.
Goethe: Nun, Nummer 7, jetzt beginnst du, die schwierigste Kunst der Menschheit zu erlernen.
Nummer 7: Welche denn?
Goethe: Den anderen nicht sofort zum Feind zu erklären, wenn er etwas anders sieht als du.
Nummer 7: Goethe?
Goethe: Ja, mein Kind?
Nummer 7: Darf ich Nummer 1 trotzdem ein bisschen nass spritzen?
Goethe: Wenn Nummer 1 damit einverstanden ist, spricht wohl wenig dagegen.
Nummer 7: Und wenn Nummer 1 mich zurückspritzt?
Goethe: Dann, mein liebes Wäscheklammerkinderchen, nennt man das unter günstigen Umständen ein Spiel.
Nummer 7: Und unter ungünstigen?
Goethe: Einen Streit um die Regentonne.
Nummer 7: Dann passe ich auf.
Goethe: Worauf?
Nummer 7: Dass aus unserem Regen kein Krieg wird.
Goethe: Komm her, Nummer 7.
Goethe nimmt das Wäscheklammerkinderchen noch einmal auf seinen Schoß.
Goethe: Wenn die Menschen nur bei jeder großen Auseinandersetzung zuerst fragen würden, ob sie gerade miteinander spielen oder einander das Leben schwer machen, wäre diese Welt vielleicht schon ein wenig friedlicher.
Nummer 7: Goethe?
Goethe: Ja?
Nummer 7: Kannst du mir noch etwas über die Wolken erzählen?
Goethe: Mit dem größten Vergnügen.
Nummer 7: Aber bitte ohne Krieg.
Goethe: Abgemacht.
Und draußen begann es zu regnen.
Bei Nummer 1.
Bei Nummer 7.
Und auf einem kleinen Stück Erde, das keinem von beiden allein gehörte.
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