RIEFUNKE
Der Klaviertransport, Folge IX
Das letzte Wort hat das Wäscheklammerkindchen
Am Montagmorgen versammelte sich die gesamte Gesellschaft erneut vor der Scrollstube.
Der Tesla war inzwischen zurückgegeben worden.
Die krumme Leiter befand sich wieder beim Hausmeister.
Der Schwager war zu seiner Schwester zurückgekehrt, allerdings unter der ausdrücklichen Auflage, künftig nicht mehr in Klavieren zu wohnen.
Herr Leiter hatte seine Rechnung eingereicht.
Herr Moll hatte seine Stimmgabel gereinigt.
Der Butler hatte eine neue Kladde angeschafft.
Der Türsteher hatte die Akte geschlossen.
Und Mertens hatte sein Messgerät zur Überprüfung eingeschickt, nachdem es begonnen hatte, bei jeder Erwähnung des Wortes „Klavier“ die Außentemperatur eines nicht näher bezeichneten Ortes anzuzeigen.
Nur Ollie war noch immer unzufrieden.
Er stand vor der Scrollstube, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und blickte auf die Dachluke.
„Stan“, sagte er.
„Ja, Ollie?“
„Ich habe die Angelegenheit noch einmal durchdacht.“
Stan wurde nervös.
„Das ist meistens der Anfang vom Ende, Ollie.“
„Wir haben eine wesentliche Frage nicht beantwortet.“
„Welche?“
„Wie hätte man das Klavier durch die Dachluke bekommen?“
Stan sah ihn an.
Er blickte zur Dachluke.
Dann zum Himmel.
Dann wieder zu Ollie.
„Aber Ollie, wir haben doch gar kein Klavier mehr.“
„Das ist nicht der Punkt!“
„Was ist dann der Punkt?“
Ollie holte tief Luft.
„Der Punkt ist, dass wir eine Aufgabe übernommen haben und sie nicht zu Ende geführt haben.“
Stan dachte darüber nach.
„Wir haben doch das Wäscheklammerkindchen zum Klavier gebracht.“
„Das ist etwas anderes!“
„Warum?“
Ollie schwieg.
Stan lächelte.
„Vielleicht, Ollie, war die Aufgabe gar nicht, das Klavier durch die Dachluke zu bringen.“
Ollie betrachtete ihn misstrauisch.
„Was war sie dann?“
Stan zuckte mit den Schultern.
„Das Kindchen sollte Musik machen können.“
Ollie sagte nichts.
Er sah zur Dachluke.
Er sah zur Scrollstube.
Dann drehte er sich um und ging hinein.
Stan folgte ihm.
Die letzte Sitzung des Transportausschusses
Der Butler hatte bereits einen Tisch vorbereitet.
Darauf standen eine Kanne Kaffee, mehrere Gläser Limonade und eine Schale mit Keksen.
Mertens war ebenfalls anwesend. Er hatte sein Messgerät zurückerhalten und trug es mit einer gewissen Feierlichkeit vor sich her.
Der Türsteher eröffnete die Sitzung.
„Tagesordnungspunkt eins: Abschluss des Klaviertransportes.“
Ollie erhob sich.
„Ich beantrage, festzustellen, dass der Transport erfolgreich abgeschlossen wurde.“
Mertens sprang auf.
„Einspruch! Es wurde kein Klavier transportiert!“
Herr Leiter, der eigens noch einmal erschienen war, hob die Hand.
„Das stimmt. Es wurde lediglich ein Klavierkasten bewegt.“
Herr Moll ergänzte:
„Und auch der wurde nicht durch die Dachluke gebracht.“
Der Butler schenkte Kaffee ein.
„Das Wäscheklammerkindchen hat inzwischen Zugang zu einem Klavier.“
„Aber nicht durch unseren Transport!“, rief Ollie.
Der Türsteher blätterte in seiner Akte.
„Die ursprüngliche Zielsetzung lautete: Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 soll ein eigenes Klavier bekommen.“
„Richtig“, sagte der Butler.
„Und?“
„Das Kindchen hat Zugang zu einem Klavier.“
„Dann ist die Aufgabe erfüllt.“
Mertens wurde blass.
„Aber die Messungen!“
Der Butler schob ihm einen Keks hin.
„Mertens, essen Sie einen Keks.“
Mertens nahm den Keks.
Er betrachtete ihn von allen Seiten.
Dann maß er ihn.
Der Butler nahm ihm das Messgerät weg.
„Jetzt reicht es.“
Die Rückkehr des Kindchens
In diesem Augenblick kam das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 in die Scrollstube.
Es trug ein kleines Heft unter dem Arm.
„Ich habe etwas gelernt“, verkündete es.
Alle standen auf.
„Was denn?“, fragte Stan.
Das Kindchen legte das Heft auf den Tisch.
„Ich kann schon drei Töne spielen.“
Ollie war beeindruckt.
„Drei Töne?“
„Ja.“
„Und wie lange hast du dafür gebraucht?“
„Nicht lange.“
Ollie nickte anerkennend.
„Stan, wir hätten damals mit drei Tönen anfangen sollen.“
Stan lächelte.
„Wir hatten ja nicht einmal einen.“
Das Kindchen setzte sich an das Klavier im Nebenraum.
Es spielte einen Ton.
Dann einen zweiten.
Dann einen dritten.
Die Melodie war einfach. Sie hatte noch keinen richtigen Anfang und kein richtiges Ende. Aber sie war die Melodie eines Kindes, das etwas Neues entdeckt hatte.
Alle hörten zu.
Der Butler stellte die Kaffeekanne ab.
Der Türsteher schloss sein Notizbuch.
Herr Leiter steckte sein Maßband ein.
Herr Moll lächelte.
Mertens schaltete sein Messgerät aus.
Und Ollie, der sich so lange bemüht hatte, die Angelegenheit durch Autorität, Planung und eine gewisse persönliche Überlegenheit zu lösen, saß einfach da und hörte zu.
Als das Kindchen fertig war, klatschte Stan begeistert.
Ollie klatschte ebenfalls.
Der Butler verneigte sich.
Mertens öffnete den Mund, um eine Messung vorzuschlagen.
Alle sahen ihn an.
Er schloss den Mund wieder.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 stand auf.
„Jetzt weiß ich, wo die Musik herkommt“, sagte es.
„Woher denn?“, fragte der Butler.
Das Kindchen dachte kurz nach.
„Aus dem Klavier.“
Ollie nickte zufrieden.
„Eine ausgezeichnete Antwort.“
„Und aus den Fingern“, fügte das Kindchen hinzu.
Stan lächelte.
„Auch das stimmt.“
„Und aus dem Kopf.“
Mertens hob vorsichtig einen Finger.
Das Kindchen sah ihn an.
„Aber nicht aus dem Messgerät.“
Mertens senkte den Finger.
Der Butler begann zu lachen.
Stan lachte mit.
Ollie schüttelte den Kopf.
Und schließlich lachten alle.
Epilog: Die Dachluke bleibt geöffnet
Am Abend saß der Butler allein vor der Scrollstube.
Die Dachluke stand einen Spalt offen.
Es war ruhig geworden.
Kein Tesla war zu hören, keine Leiter knarrte, und Mertens hatte seine Messgeräte für die Nacht weggeschlossen.
Aus dem Inneren der Scrollstube erklangen drei Töne.
Dann noch einmal drei Töne.
Der Butler lächelte.
Er dachte an den leeren Klavierkasten, an den fremden Tesla, an den Schwager, an die krumme Leiter und an all die Stunden, die man damit verbringen konnte, eine Sache auf die komplizierteste denkbare Weise zu erledigen.
Dann dachte er an das Wäscheklammerkindchen Nr. 2.
Es hatte ein Klavier hören wollen.
Und am Ende hatte es angefangen, selbst Musik zu machen.
Der Butler erhob sich, rückte seine Jacke zurecht und schloss die Tür.
Oben blieb die Dachluke einen Spalt offen.
Man konnte ja nie wissen.
Vielleicht musste irgendwann noch ein Klavier hindurch.
ENDE.
Protokollnotiz von Mertens, nachträglich eingefügt:
Die Messung des Erfolgs war nicht möglich. Der Erfolg selbst wurde jedoch von sämtlichen Anwesenden bestätigt.
Zusatz: Das Messgerät funktioniert wieder.
Zusatz zum Zusatz: Es piept bei Keksen.
Der Butler hat die Angelegenheit für abgeschlossen erklärt.
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