RIEFUNKE
Der Klaviertransport, Folge VI
Der Klavierstimmer mit Höhenangst und die amtliche Anerkennung des schiefen Tons
Am folgenden Morgen um neun Uhr siebenundzwanzig erschien ein Mann vor der Scrollstube, der sich als Klavierstimmer vorstellte.
Er hieß Herr P. Moll.
Herr Moll war ein schmaler Mann mit einem schmalen Gesicht, schmalen Schuhen und einem Koffer, der so aussah, als enthalte er entweder hochwertiges Werkzeug oder die sterblichen Überreste einer sehr kleinen Schreibmaschine.
Er stellte den Koffer ab, blickte auf den Tesla, blickte auf das Klavier und blickte anschließend auf die Dachluke.
Dann wurde er blass.
„Das muss da hinauf?“, fragte er.
Der Butler nickte.
„Oder hinunter. Wir sind in dieser Frage noch nicht endgültig festgelegt.“
Herr Moll schluckte.
„Ich bin Klavierstimmer.“
„Das sagten Sie bereits.“
„Ich stimme Klaviere.“
„Das ist erfreulich.“
„Ich arbeite nicht auf Dächern.“
Der Butler lächelte.
„Dann haben wir ja bereits eine gemeinsame Grundlage.“
Herr Moll atmete erleichtert auf.
Doch in diesem Augenblick kam Ollie aus der Scrollstube.
„Ah! Der Fachmann! Endlich jemand, der etwas von Klavieren versteht.“
Herr Moll richtete sich ein wenig auf.
„Selbstverständlich, mein Herr.“
„Dann stimmen Sie das Instrument.“
Herr Moll sah zum Dach.
„Von dort oben?“
„Wo sonst?“
„Ich habe Höhenangst.“
Ollie musterte ihn.
„Mein lieber Herr, Sie sind Klavierstimmer. Sie müssen doch nur die Töne stimmen, nicht die Höhe.“
Stan, der hinter Ollie erschienen war, begann zu kichern.
Ollie drehte sich um.
„Was gibt es da zu lachen?“
„Nichts, Ollie. Ich habe nur gerade überlegt, ob man auch die Höhe stimmen kann.“
„Stan!“
„Vielleicht steht das Klavier zu hoch.“
Herr Moll setzte sich auf seinen Koffer.
Er beschloss, seine berufliche Zukunft gründlich zu überdenken.
Mertens begegnet seinem Herausforderer
Mertens hatte inzwischen von der Ankunft des Klavierstimmers erfahren.
Er kam mit zwei Messgeräten, einem Klemmbrett und einer Miene, die deutlich erkennen ließ, dass er die Existenz eines weiteren Fachmanns als persönliche Provokation auffasste.
„Wer ist dieser Herr?“
„Der Klavierstimmer“, sagte der Butler.
Mertens betrachtete Herrn Moll von oben bis unten.
„Und was genau stimmen Sie?“
„Klaviere.“
„Das haben Sie bereits gesagt.“
„Es ist mein Beruf.“
„Aber wie stellen Sie fest, ob ein Ton stimmt?“
Herr Moll öffnete seinen Koffer.
Er nahm eine Stimmgabel heraus.
Mertens wich zurück.
„Was ist das?“
„Eine Stimmgabel.“
„Das sehe ich. Aber wie funktioniert sie?“
Herr Moll schlug die Stimmgabel vorsichtig an.
Ein klarer Ton erklang.
Mertens erstarrte.
Sein Messgerät piepte.
Er schlug auf das Gerät.
Es piepte erneut.
„Unmöglich“, murmelte er.
„Was ist unmöglich?“, fragte der Butler.
„Der Ton.“
„Warum?“
„Weil ich ihn nicht erzeugt habe.“
Herr Moll betrachtete ihn mit professionellem Mitgefühl.
„Das ist der Sinn einer Stimmgabel.“
Mertens sah auf sein Messgerät.
„Dann ist die Stimmgabel möglicherweise ein Konkurrenzprodukt.“
Der Butler drehte sich weg.
Er musste sich dringend sammeln.
Der Sachverständige erscheint
Um zehn Uhr zwölf traf der angekündigte Sachverständige ein.
Er hieß Herr Leiter.
Niemand wusste, ob das sein richtiger Name oder eine berufliche Spezialisierung war.
Herr Leiter trug einen grauen Anzug, einen Aktenkoffer und einen Ausdruck, der bereits vor Beginn der Untersuchung erkennen ließ, dass er mit dem Ergebnis unzufrieden sein würde.
Er stellte sich vor den Tesla.
Er betrachtete die krumme Leiter.
Er betrachtete die Dachluke.
Er betrachtete das Klavier.
Dann öffnete er seinen Aktenkoffer und zog ein Maßband heraus.
Mertens wurde kreidebleich.
„Sie messen?“
Herr Leiter nickte.
„Natürlich.“
„Mit einem Maßband?“
„Ja.“
„Aber das ist doch eine völlig analoge Methode!“
Herr Leiter sah ihn an.
„Das Maßband ist seit Jahrzehnten bewährt.“
„Und wo bleibt der wissenschaftliche Fortschritt?“
„Der Fortschritt“, sagte Herr Leiter, „besteht darin, dass ich nicht jedes Mal ein Messgerät einschalten muss, wenn ich wissen möchte, wie lang eine Leiter ist.“
Der Butler setzte sich.
Diesmal auf den Boden.
Er konnte nicht mehr anders.
Herr Leiter begann mit der Untersuchung.
Er maß die Dachluke.
Er maß die Leiter.
Er maß den Klavierkasten.
Anschließend maß er die Entfernung zwischen dem Klavierkasten und der Dachluke.
Dann steckte er das Maßband ein.
„Das Instrument passt nicht durch die Öffnung.“
Ollie starrte ihn an.
„Sind Sie sicher?“
„Ja.“
„Ganz sicher?“
„Vollkommen.“
Ollie nahm das Maßband aus der Tasche des Sachverständigen.
Er maß selbst.
Er maß ein zweites Mal.
Dann gab er das Maßband zurück.
„Stan.“
„Ja, Ollie?“
„Das Instrument passt nicht durch die Öffnung.“
Stan nickte.
„Das hat der Herr doch gerade gesagt.“
„Ich weiß, was er gesagt hat!“
„Warum hast du dann selbst gemessen?“
Ollie öffnete den Mund.
Er schloss ihn wieder.
Der Sachverständige notierte etwas in seinem Bericht.
Befund: Die Öffnung ist kleiner als das Instrument.
Darunter fügte er hinzu:
Ergebnis unabhängig durch Herrn Hardy bestätigt.
Die revolutionäre Idee des Butlers
Während sich die Fachleute gegenseitig ihre Zuständigkeiten erklärten, hatte der Butler eine Entdeckung gemacht.
Er war in die Scrollstube gegangen und hatte dort eine Schublade geöffnet.
In der Schublade lagen Notizzettel, ein alter Bleistift, ein Knopf, eine Büroklammer und ein Blatt Papier, auf dem stand:
WAS WÄRE, WENN WIR ES EINFACH ANDERSHERUM VERSUCHEN?
Der Butler las den Satz.
Er las ihn noch einmal.
Dann ging er nach draußen.
„Meine Herren“, sagte er.
Niemand hörte zu.
„Meine Herren!“
Mertens diskutierte gerade mit Herrn Moll darüber, ob ein Ton eine messbare oder lediglich eine hörbare Eigenschaft sei.
Ollie erklärte dem Sachverständigen, dass er die Abmessungen des Klavierkastens durchaus verstanden habe.
Stan versuchte, die krumme Leiter mit einem Gartenschlauch zu reparieren, den er irgendwo wiedergefunden hatte.
Der Butler räusperte sich ein drittes Mal.
„Wir müssen das Klavier nicht durch die Dachluke bringen.“
Alle verstummten.
Ollie drehte sich um.
„Was sagen Sie da?“
„Wir müssen das Klavier nicht durch die Dachluke bringen.“
„Aber es muss doch hinein!“
„Ja, Sir.“
„Und die Dachluke ist der einzige Zugang!“
„Das haben Sie mehrfach betont, Sir.“
Der Butler deutete auf das Wäscheklammerkindchen Nr. 2.
„Das Kindchen möchte Klavier spielen. Es möchte nicht unbedingt dabei zusehen, wie wir einen Klavierkasten durch eine Dachluke befördern.“
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 nickte.
„Genau.“
Der Butler fuhr fort:
„Wir könnten das Klavier zerlegen, die Einzelteile hinaufbringen und es oben wieder zusammensetzen lassen.“
Herr Moll hob den Kopf.
„Das wäre technisch möglich.“
Mertens hielt inne.
„Das wäre eine Veränderung des ursprünglichen Zustands.“
Herr Leiter nickte.
„Aber eine zulässige.“
Ollie sah von einem zum anderen.
Zum ersten Mal waren sich die Fachleute einig.
Das machte ihn misstrauisch.
„Und wer baut das Klavier wieder zusammen?“
Alle blickten auf Herrn Moll.
Herr Moll blickte auf seinen Koffer.
Dann auf das Dach.
Dann auf die Dachluke.
„Ich“, sagte er leise. „Aber nur, wenn jemand anders die Einzelteile hinaufträgt.“
Stan sprang auf.
„Das kann ich machen!“
Ollie packte ihn am Ärmel.
„Stan, du kannst nicht einmal einen Gartenschlauch transportieren, ohne dass daraus ein wissenschaftliches Problem wird.“
„Aber Ollie, diesmal ist es doch ganz einfach.“
Stan deutete auf den Tesla.
Das Klavier lag noch immer auf dem Dach.
Die krumme Leiter lehnte daneben.
Der Butler seufzte.
Und genau in diesem Moment ertönte aus dem Inneren des leeren Klavierkastens wieder die geheimnisvolle Melodie.
Alle drehten sich um.
Herr Moll ließ seine Stimmgabel fallen.
Mertens blickte auf seine Messgeräte.
Herr Leiter zog sein Maßband.
Ollie griff nach seinem Hut.
Stan lächelte.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 aber ging langsam zum Instrument, legte die Hand auf das Holz und sagte:
„Ich glaube, das Klavier möchte uns etwas mitteilen.“
Der Butler trat neben das Kindchen.
„Und was könnte das sein?“
Das Kindchen lauschte.
Dann sagte es:
„Dass wir vielleicht erst einmal nachsehen sollten, ob überhaupt jemand zu Hause ist.“
Herr Moll wurde schneeweiß.
Mertens schaltete beide Messgeräte gleichzeitig ein.
Herr Leiter machte einen Schritt zurück.
Ollie flüsterte:
„Stan …“
„Ja, Ollie?“
„Ich fürchte, wir haben ein Klavier mit Bewohner.“
Stan nickte ernst.
„Dann müssen wir wohl klingeln.“
Und er klopfte dreimal auf den leeren Klavierkasten.
Tok.
Tok.
Tok.
Von innen klopfte es zurück.
Tok.
Tok.
Tok.
Der Butler sah auf seine Uhr.
Es war zehn Uhr siebenundvierzig.
Er zog seine Handschuhe an.
„Meine Herren“, sagte er, „ich glaube, wir sollten die Angelegenheit vertagen, bis jemand die Hausordnung geprüft hat.“
FORTSETZUNG FOLGT.
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