Wie ich Goethe auf Tinder traf – Teil 6
Nicole Kidman, der letzte Rotwein und das Wunder von Riefunke
Es war ein Donnerstag, als Riefunke die Nachricht bekam.
Er las sie einmal.
Dann zweimal.
Dann setzte er sich.
„Das ist unmöglich“, flüsterte er.
Goethe legte sein Buch beiseite.
„Was ist geschehen?“
Riefunke reichte ihm das Handy.
Goethe las.
Dann stand er auf, ging zum Fenster und blickte in die Ferne.
„Also doch“, sagte er.
„Was denn?“, fragte ich.
Riefunke sah mich an.
„Nicole Kidman kommt in die English Scrollstube.“
Ich ließ meine Kaffeetasse fallen.
Der Butler ließ den Löffel fallen.
Die acht Wäscheklammerkinderchen ließen gleichzeitig ihre Girlande fallen.
Nur der Hund blieb gelassen. Er hatte offenbar schon Schlimmeres erlebt.
„Warum kommt sie?“, fragte meine Freundin.
Riefunke holte tief Luft.
„Sie hat unsere Geschichte gelesen. Die mit den vier Besuchern und dem Hund.“
Goethe richtete seine Jacke.
„Dann brauchen wir einen roten Teppich.“
„Wir haben keinen roten Teppich“, sagte ich.
„Dann nehmen wir den Vorhang aus dem Salon.“
„Der gehört dem Butler!“
Der Butler räusperte sich.
„Ich möchte festhalten, dass ich dieser Veranstaltung niemals zugestimmt habe.“
Zehn Minuten später lag der Vorhang auf dem Boden.
Der große Empfang
Um 17 Uhr standen wir alle vor der Tür.
Goethe trug seinen besten Mantel.
Riefunke hatte sich für einen unauffälligen schwarzen Pullover entschieden, was bei ihm ungefähr so unauffällig war wie eine Schreibmaschine in einer Bibliothek voller Tablets.
Meine Freundin stand neben mir und hielt meine Hand.
„Bist du nervös?“, fragte sie.
„Ein bisschen.“
„Wegen Nicole Kidman?“
„Nein. Wegen meiner Mutter.“
Sie lachte.
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Eine Frau trat herein.
Elegant. Freundlich. Mit einem Lächeln, das den gesamten Raum heller machte.
„Guten Abend“, sagte sie. „Ich hoffe, ich störe nicht.“
Goethe verbeugte sich.
„Gnädige Frau, Sie kommen gerade rechtzeitig. Wir diskutieren seit einer Stunde über die Zukunft der Literatur.“
Nicole Kidman blickte auf den Hund.
„Und wer ist das?“
Der Butler trat vor.
„Unser wichtigster Leser.“
Sie kniete sich hin und streichelte ihn.
„Dann möchte ich ihn zuerst kennenlernen.“
Riefunke stand daneben und sagte kein Wort.
Zum ersten Mal seit Beginn unserer Geschichte hatte er offenbar keine Pointe vorbereitet.
Und genau deshalb war der Augenblick so schön.
Die Frage an Riefunke
Später saßen wir alle im Salon.
Es gab Kuchen, Kaffee und tatsächlich eine Flasche Rotwein für Goethe.
Nicole Kidman hörte sich die Geschichte der English Scrollstube an. Sie lachte über die Wäscheklammerkinderchen, fragte den Butler nach dem Hund und wollte wissen, warum Goethe eigentlich ständig Rotwein trank.
„Tradition“, antwortete Goethe.
„Aus medizinischen Gründen?“
„Aus literarischen.“
Sie lachte.
Dann wandte sie sich an Riefunke.
„Darf ich Sie etwas fragen?“
Er nickte.
„Warum zeigen Sie sich eigentlich nie? Keine Videos, keine Fotos, kein Gesicht. Wollen Sie nicht berühmt werden?“
Es wurde still.
Riefunke betrachtete sein Glas.
„Vielleicht“, sagte er, „ist ein Gesicht manchmal so laut, dass niemand mehr auf die Worte hört.“
Nicole Kidman nickte langsam.
„Und wenn die Menschen trotzdem wissen wollen, wer Sie sind?“
Riefunke lächelte.
„Dann müssen sie lesen.“
Goethe hob sein Glas.
„Ein guter Satz.“
Ich sah meine Freundin an.
Sie drückte meine Hand.
Und ich dachte darüber nach, wie viele Jahre ich geglaubt hatte, ich müsste jemand anderes werden, um geliebt zu werden.
Dabei hatte ich nur versucht, jemand zu sein, der mir selbst gefiel.
Die letzte Frage meiner Mutter
Es hätte ein perfekter Abend werden können.
Wenn meine Mutter nicht angerufen hätte.
„Mein Junge!“
Ich ging ans Telefon.
„Ja, Mama?“
„Ich habe gehört, Nicole Kidman ist bei euch.“
Ich schloss die Augen.
„Woher weißt du das?“
„Das ist unwichtig. Ich habe eine Frage.“
Natürlich hatte sie eine Frage.
„Mama, bitte nicht.“
„Hat sie Kinder?“
Ich legte auf.
Goethe lachte so laut, dass Nicole Kidman sich zu ihm umdrehte.
„Was ist so lustig?“
„Die Familie“, sagte Goethe. „Sie ist die größte Komödie der Welt.“
Riefunke nickte.
„Und manchmal die beste Literatur.“
Das Ende, das keines ist
Als der Abend zu Ende ging, stand Nicole Kidman an der Tür.
„Danke für die Einladung“, sagte sie. „Ich werde diese Geschichte nicht vergessen.“
Sie verabschiedete sich vom Butler, streichelte den Hund ein letztes Mal und gab Goethe die Hand.
Dann sah sie mich an.
„Und Sie? Was schreiben Sie als Nächstes?“
Ich blickte zu meiner Freundin.
Sie lächelte.
„Vielleicht eine Geschichte über einen Mann, der zehn Jahre lang nach Liebe gesucht hat und irgendwann aufhörte, sich mit anderen zu vergleichen.“
Nicole Kidman nickte.
„Das klingt nach einer guten Geschichte.“
Die Tür schloss sich.
Goethe machte sich auf den Heimweg.
Der Butler brachte den Hund ins Bett.
Die acht Wäscheklammerkinderchen waren eingeschlafen.
Und Riefunke stand am Fenster.
Ich trat zu ihm.
„War das jetzt der große Durchbruch?“
Er schüttelte den Kopf.
„Vielleicht. Vielleicht auch nicht.“
„Und was machen wir jetzt?“
Er sah mich an.
„Wir schreiben weiter.“
Ich ging nach Hause.
Meine Freundin wartete auf mich.
Wir machten uns Tee, setzten uns aufs Sofa und hörten Metallica.
Kein roter Teppich.
Keine Kameras.
Keine Millionen Follower.
Nur wir zwei.
Und plötzlich verstand ich, worum es in all den Geschichten eigentlich gegangen war.
Nicht um Goethe.
Nicht um Nicole Kidman.
Nicht um TikTok.
Und auch nicht um vier Besucher und einen Hund.
Sondern darum, dass das Leben manchmal genau dann beginnt, wenn man aufhört, auf den großen Moment zu warten.
Mein Handy vibrierte.
Eine letzte Nachricht von Riefunke:
„Mein Freund, jede Geschichte braucht ein Ende. Aber nicht jede Liebe.“
Ich legte das Handy weg.
Meine Freundin nahm meine Hand.
Und draußen ging langsam die Sonne unter.
Irgendwo, in einer kleinen English Scrollstube, schenkte Goethe sich noch ein Glas Rotwein ein.
Der Hund schlief.
Der Butler löschte das Licht.
Und Riefunke schrieb die erste Zeile einer neuen Geschichte.
ENDE.
Made in Freiheit. Geschrieben mit Fantasie. Und vielleicht beginnt das wirkliche Leben genau dort, wo die Geschichte aufhört.
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