Wie ich Goethe auf Tinder traf – Teil 2
Der erste Kuss, drei Enkel und ein völlig überforderter Riefunke
Am nächsten Morgen wachte ich auf und wusste drei Dinge.
Erstens: Ich hatte mich verliebt.
Zweitens: Goethe hatte meine Telefonnummer.
Und drittens: Meine Mutter durfte unter keinen Umständen erfahren, dass ich mit einem toten Dichter auf Tinder unterwegs gewesen war.
Noch nicht.
Ich griff zum Handy.
Eine Nachricht von ihr.
Von DER Zwillingsschwester.
„Guten Morgen ? War gestern wirklich alles echt?“
Ich setzte mich kerzengerade auf.
Echt?
Wie erklärt man einer Frau, dass man am Vorabend mit Goethe Rotwein getrunken hatte, während Riefunke zwei Zwillinge in eine Bar geführt hatte, in der vermutlich nicht einmal die Gesundheitsbehörde wusste, wer eigentlich für die Toiletten zuständig war?
Ich schrieb:
„Das mit Goethe war echt. Das mit dem Rotwein auch. Und dass ich dich gern wiedersehen würde, ist absolut ernst gemeint.“
Drei Punkte erschienen.
Verschwanden.
Erschienen wieder.
Ich wurde nervös.
Dann kam ihre Antwort:
„Gut. Denn ich würde dich auch gern wiedersehen. Aber bitte ohne Goethe beim ersten Date.“
Ich sprang aus dem Bett.
ES GAB EIN ZWEITES DATE!
Ich rannte in die Küche, wo meine Mutter gerade Kaffee trank.
„Mama!“
Sie sah mich an.
„Du hast eine Freundin?“
„Nein! Also … vielleicht!“
„Wie viele Enkel?“
„Mama, ich bin noch nicht einmal beim zweiten Date!“
Sie stellte ihre Tasse ab.
„Dann wird es Zeit, dass du dich beeilst.“
Ich floh.
Am Abend traf ich meine Auserwählte vor einem kleinen Café.
Sie trug einen roten Mantel und lächelte, als sie mich sah.
Ich hatte mir drei Gesprächsthemen zurechtgelegt:
- Musik.
- Reisen.
- Warum ich Goethe kannte.
Das dritte Thema strich ich vorsichtshalber.
„Du siehst gut aus“, sagte sie.
„Danke. Du auch.“
Eine Pause.
„Ich habe sogar geduscht“, ergänzte ich.
Sie lachte so herzlich, dass ich beschloss, diesen Satz künftig aus meinem gesamten Dating-Repertoire zu streichen.
Wir bestellten Kaffee. Sie erzählte von ihrer Arbeit, ich von meinen Ideen. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht das Gefühl, mich verkaufen zu müssen.
Ich musste sie nicht beeindrucken.
Ich musste einfach nur ich selbst sein.
Dann vibrierte mein Handy.
Eine Nachricht von Riefunke:
„Goethe kommt später vorbei. Er hat eine wichtige Frage.“
Ich schloss die Augen.
„Was ist?“, fragte sie.
„Nichts. Nur ein Dichterproblem.“
„Du hast Probleme mit Dichtern?“
„Seit gestern.“
Sie grinste.
„Dann erzähl.“
Und ich erzählte ihr alles.
Von Tinder. Von Goethe. Von Riefunke. Von der English Scrollstube und von meiner Mutter, die offenbar plante, ihre eigene Enkelproduktion noch vor Weihnachten zu eröffnen.
Sie hörte zu.
Dann sagte sie:
„Weißt du, was ich daran mag?“
„Was?“
„Dass du dich traust, eine völlig verrückte Geschichte zu erzählen, ohne dich selbst dabei zu ernst zu nehmen.“
Ich sah sie an.
„Und weißt du, was ich an dir mag?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Dass du mir zuhörst.“
Für einen Moment war es still.
Dann nahm sie meine Hand.
Und genau in diesem Augenblick flog die Cafétür auf.
Goethe!
Hinter ihm Riefunke.
Und hinter Riefunke die andere Zwillingsschwester, die offenbar ebenfalls beschlossen hatte, dass ein gewöhnliches Date in dieser Geschichte keine Überlebenschance hatte.
Goethe setzte sich ungefragt zu uns.
„Mein lieber Freund“, sagte er, „ich habe nachgedacht.“
„Das klingt gefährlich.“
„Die Liebe ist wie die Literatur. Man kann sie nicht erzwingen.“
Riefunke nickte.
„Aber man kann eine gute Geschichte daraus machen.“
Meine Freundin sah mich an.
„Freundin?“, flüsterte sie.
Ich wurde rot.
„Ich hoffe es.“
Sie drückte meine Hand.
„Dann frag mich doch.“
Goethe hielt den Atem an.
Riefunke grinste.
Die Zwillingsschwester zog ihr Handy heraus.
Und ich sagte:
„Möchtest du mich wiedersehen? Nicht wegen Goethe. Nicht wegen Riefunke. Sondern einfach, weil ich dich mag?“
Sie lächelte.
„Ja.“
Goethe sprang auf.
„Ein historischer Augenblick!“
„Setz dich“, sagte Riefunke. „Wir sind noch nicht beim Happy End.“
Und dann küsste sie mich.
Kein Algorithmus hatte diesen Moment vorausgesagt.
Kein Video hatte ihn produziert.
Kein Like hatte ihn möglich gemacht.
Es war einfach passiert.
Zu Hause wartete meine Mutter noch wach.
„Und?“, fragte sie.
Ich zog meine Jacke aus.
„Mama, ich glaube, ich habe jemanden kennengelernt.“
Sie stand auf.
„WIE VIELE ENKEL?“
Ich ging in mein Zimmer und schrieb die erste Zeile meiner neuen Geschichte:
Manchmal muss man erst Goethe auf Tinder treffen, bevor man merkt, dass die Liebe direkt vor einem sitzen könnte.
Mein Handy vibrierte ein letztes Mal.
Eine Nachricht von Riefunke:
„Teil drei wird kompliziert. Goethe will Trauzeuge werden.“
Ich starrte auf den Bildschirm.
Dann schrieb ich zurück:
„Nur wenn er den Rotwein bezahlt.“
Fortsetzung folgt …
Made in Freiheit. Mit Herzklopfen, Rotwein und einer Mutter, die keine Geduld mehr hat.
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