DAS KIND UND HERODES
Ein pazifistisches RIEFUNKE
Dann denkst einer an Herodes.
An Bethlehem. An die biblische Erzählung vom Kindermord. An einen Herrscher, der seine Macht bedroht sieht und dessen Angst sich gegen die Wehrlosesten richtet.
Ein Kind wird geboren.
Und irgendwo beginnt ein Erwachsener, sich vor ihm zu fürchten.
Was für eine Welt ist das, in der ein Kind bereits eine Bedrohung sein kann, bevor es überhaupt sprechen gelernt hat? In der Erwachsene ihre Macht verteidigen, indem sie das Leben der Schwächsten gefährden? In der ein Kind nicht einfach Kind sein darf, sondern zum Gegenstand von Angst, Berechnung und Gewalt wird?
Die Geschichte von Herodes ist eine uralte Erzählung. Aber die Frage, die sie aufwirft, ist nicht alt geworden.
Immer wieder geraten Kinder zwischen die Fronten der Erwachsenen. Sie werden in Kriege hineingeboren, aus ihren Häusern vertrieben, ihrer Familien beraubt und für Entscheidungen bestraft, die sie niemals getroffen haben. Sie kennen die Gründe nicht, mit denen die Mächtigen ihre Gewalt rechtfertigen. Sie wissen nichts von strategischen Interessen, territorialen Ansprüchen oder historischen Rechnungen.
Sie wollen leben.
Sie wollen spielen.
Sie wollen wissen, warum der Himmel blau ist und weshalb die Erwachsenen manchmal so laut werden.
Und sie sollten die Möglichkeit haben, diese Fragen zu stellen, ohne Angst haben zu müssen.
Das Mädchen aus der English Scrollstube
In der English Scrollstube ist ein Mädchen zur Welt gekommen.
Es hat blaue Augen. Es ist genetisch „schuldfrei“. Es ist aus einem gewöhnlichen, unberührten Aldi-Ei aus Bayern hervorgegangen, mittels der geheimnisvollen Energie Symne.
Die Wäscheklammerkinderchen haben seine Ankunft begleitet. Eine Tiketaketokerin hat vorsichtig im übergroßen Hundekorb gesessen. Aldi-Honig wurde gereicht. Der Butler hat seine Pflicht erfüllt. Dr. Wellenberg hat die formalen Voraussetzungen geprüft.
Und Goethe war anwesend.
Alles war ein wenig verrückt, ein wenig komisch und vollkommen RIEFUNKE.
Doch nun liegt das Mädchen da.
Es hat niemandem etwas getan.
Es hat keinen Krieg begonnen, keinen Befehl erteilt, keine Grenze gezogen und keine Macht beansprucht. Es hat keine Feinde. Es weiß nicht einmal, was ein Feind ist.
Seine blauen Augen sehen in eine Welt, die bereits vor seiner Geburt voller Gewalt gewesen ist.
Und gerade deshalb darf dieses Kind nicht zu einer weiteren Begründung für Gewalt werden.
Es darf nicht zum Besitz einer Nation erklärt werden. Es darf nicht zum Symbol einer Partei gemacht werden. Es darf nicht für die Interessen der Mächtigen vereinnahmt werden.
Es muss nicht die Welt retten, um sein Dasein zu rechtfertigen.
Es darf zunächst einfach leben.
Die Angst der Mächtigen
Vielleicht ist das die eigentliche Tragödie des Herodes: dass ein Kind in seiner Vorstellung zur Gefahr werden kann, weil er seine Macht nicht mehr losgelöst von seiner Angst betrachten kann.
Wer um jeden Preis herrschen will, kann selbst in einem Neugeborenen einen Gegner sehen.
Wer glaubt, alles kontrollieren zu müssen, empfindet vielleicht schon das Unbekannte als Bedrohung.
Und wer seine Macht über das Leben anderer stellt, vergisst, dass kein Kind auf die Welt kommt, um die Angst eines Herrschers zu beruhigen.
Das Kind schuldet dem Mächtigen nichts.
Nicht seine Unterwerfung.
Nicht seine Zukunft.
Nicht einmal eine Erklärung dafür, warum es geboren wurde.
Die Verantwortung liegt bei den Erwachsenen.
Sie müssen entscheiden, ob sie eine Welt schaffen wollen, in der Kinder sich vor den Mächtigen fürchten, oder eine Welt, in der die Mächtigen begreifen, dass ihre erste Aufgabe darin besteht, Kinder zu schützen.
Die Wäscheklammerkinderchen wissen es längst
Die Wäscheklammerkinderchen haben sich schon früher gegen den Krieg gestellt.
Sie haben Propeller verbogen, Kanonenrohre mit Erdbeerkaugummi verstopft und Generälen Fragen gestellt, auf die keine Dienstvorschrift eine Antwort bereithielt.
Sie haben gefragt, warum Menschen andere Menschen zu Feinden erklären.
Sie haben gefragt, warum Erwachsene die Zukunft der Kinder zerstören und anschließend von Sicherheit sprechen.
Und sie haben eine einfache Forderung erhoben:
Die Erde gehört uns allen.
Nun ist dieses Mädchen da.
Vielleicht werden die Wäscheklammerkinderchen es eines Tages mit ihren Fragen konfrontieren. Vielleicht werden sie ihm zeigen, wie man über die Mächtigen lacht, ohne das Leid ihrer Opfer lächerlich zu machen. Vielleicht werden sie ihm erklären, dass Frieden nicht bedeutet, alles hinzunehmen, sondern sich der Gewalt entgegenzustellen, ohne selbst die Menschlichkeit zu verlieren.
Aber heute müssen sie ihm nichts erklären.
Heute dürfen sie einfach bei ihm bleiben.
Eines sitzt am Rand des Hundekorbs.
Ein anderes hält die Decke fest.
Das dritte schaut auf die blauen Augen und fragt den Butler:
„Müssen wir es beschützen?“
Der Butler antwortet:
„Sehr wohl.“
Mehr braucht es zunächst nicht.
Eine andere Antwort auf Herodes
Wir können Herodes nicht aus der Geschichte entfernen.
Wir können nicht ungeschehen machen, was Menschen anderen Menschen angetan haben. Wir können die getöteten Kinder nicht zurückholen und den trauernden Familien ihre verlorenen Angehörigen nicht zurückgeben.
Aber wir können uns weigern, die Angst der Mächtigen zum Maßstab unserer Menschlichkeit zu machen.
Wir können Geschichten erzählen, in denen ein Kind nicht als Bedrohung erscheint, sondern als ein Leben, das geschützt werden muss.
Wir können eine Welt denken, in der die Geburt eines Kindes nicht die Frage aufwirft, welcher Herrscher sich vor ihm fürchten könnte, sondern welche Menschen bereitstehen, um es willkommen zu heißen.
Vielleicht beginnt Frieden genau dort.
Nicht bei einer großen Erklärung.
Nicht bei einem neuen Herrschaftssystem.
Nicht einmal bei der Gewissheit, dass dieses Kind die Welt verändern wird.
Sondern bei der Entscheidung, dass sein Leben nicht erst verdient werden muss.
Dass es nicht erst nützlich sein muss.
Dass es nicht erst beweisen muss, dass es ungefährlich ist.
Ein Kind muss nicht beweisen, dass es Frieden verdient.
Die Erwachsenen müssen beweisen, dass sie fähig sind, ihm Frieden zu gewähren.
Und in der English Scrollstube?
Das Mädchen schläft.
Der Butler wacht.
Die Wäscheklammerkinderchen sitzen dicht beieinander.
Dr. Wellenberg hat seine Mappe geschlossen.
Goethe schreibt heute nichts mehr.
Nicole Kidman ist nicht im Begriff, einen Film zu drehen. Der Türsteher muss niemanden abweisen.
Draußen geht die Welt ihren gewohnten Geschäften nach. Es wird gestritten, gehandelt, gedroht und gekämpft.
Aber hier, im übergroßen Hundekorb, ist ein anderer Anfang möglich.
Ein Mädchen ist geboren worden, das nicht mit Hass beginnen soll.
Es ist nicht verantwortlich für die Welt, in die es gekommen ist.
Die Welt ist verantwortlich dafür, was sie aus seiner Zukunft macht.
Und vielleicht werden die Wäscheklammerkinderchen eines Tages auf den großen Bildschirm der Erde schreiben:
ACHTUNG, ERWACHSENE!
HIER IST EIN KIND.
ES IST KEIN FEIND.
ES IST KEINE BEDROHUNG.
ES IST KEIN BESITZ.
ES IST KEIN WERKZEUG EURER MACHT.
ES IST EIN MENSCH.
LASST ES LEBEN.
Dann werden sie ihre Kaugummis hervorholen, ihre Propeller verbiegen und ihre schrägen Friedenslieder singen.
Nicht, weil das Leid der Welt komisch wäre.
Sondern weil die Behauptung, Gewalt sei unvermeidlich, niemals das letzte Wort bekommen darf.
Und irgendwo in der English Scrollstube wird ein kleiner Butler leise sagen:
„Sehr wohl.“
Denn diesmal hat er verstanden, worin seine wichtigste Aufgabe besteht.
Nicht darin, die Macht zu bedienen.
Sondern darin, einem Kind den Raum zu bewahren, in dem es ohne Angst aufwachsen kann.
Made in Riefunke.
Gegen die Angst der Mächtigen. Für das Leben der Kinder.
Und für eine Erde, auf der kein Herodes mehr das letzte Wort hat.
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