RIEFUNKE
Der Klaviertransport, Folge III
Oder: Mertens entdeckt die siebte Dimension der Dachluke
Es war inzwischen Nachmittag geworden.
Die Limonade war beinahe ausgetrunken, der Butler hatte seinen Klappstuhl an einen strategisch günstigeren Ort versetzt, und Ollie stand mit verschränkten Armen vor dem Tesla. Er betrachtete das Klavier, als sei es ein persönlicher Gegner, der ihn seit seiner frühesten Kindheit beleidigt hatte.
Stan saß auf der Bordsteinkante und knotete den Gartenschlauch zu einer Schleife.
„Was machst du da, Stan?“, fragte Ollie.
„Ich übe.“
„Was übst du?“
„Den Knoten, mit dem wir das Klavier festbinden.“
Ollie sah auf den Schlauch.
„Das ist ein Gartenschlauch.“
„Noch“, sagte Stan.
Ollie beschloss, diese Bemerkung nicht weiterzuverfolgen. Es gab Augenblicke, in denen die Wirklichkeit selbst für ihn zu kompliziert wurde.
Da trat Mertens aus der Scrollstube.
Er hatte sich umgezogen.
Niemand wusste, warum. Er trug nun eine Weste mit zahlreichen Taschen, aus denen Kabel, ein Bleistift, ein kleiner Schraubenschlüssel und etwas herausragten, das verdächtig nach einem zusammengefalteten Pfannkuchen aussah.
In der rechten Hand hielt er das Messgerät.
In der linken hielt er ein zweites Messgerät.
„Meine Damen und Herren“, begann er.
Die Kinderchen erhoben sich.
Der Butler stellte sein Glas ab.
Ollie richtete seine Krawatte.
Stan ließ den Gartenschlauch fallen.
„Ich habe die Situation vollständig neu berechnet.“
„Das ist erfreulich“, sagte der Butler. „Haben Sie dabei auch die Abmessungen der Dachluke berücksichtigt?“
Mertens lächelte überlegen.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil die Dachluke nicht das eigentliche Problem ist.“
Ollie wurde blass.
„Nicht?“
„Nein. Das eigentliche Problem ist die Beziehung zwischen dem Klavier und der Vorstellung, dass ein Klavier irgendwo hineinpassen muss.“
Der Butler setzte sich wieder.
„Ich verstehe.“
Er verstand nichts.
Mertens stellte die beiden Messgeräte nebeneinander auf die Motorhaube des Tesla.
„Wir müssen uns von der rein materiellen Betrachtungsweise lösen. Bisher haben wir gefragt: Passt das Klavier durch die Dachluke? Diese Frage ist falsch gestellt.“
Stan hob vorsichtig die Hand.
„Welche Frage wäre denn richtig?“
Mertens sah ihn an.
„Warum will das Klavier überhaupt hinein?“
Eine Windböe strich über den Platz.
Irgendwo fiel ein Löffel zu Boden.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 trat einen Schritt vor.
„Weil ich darauf spielen möchte.“
Mertens blickte auf das Kindchen.
Dann auf das Klavier.
Dann wieder auf das Kindchen.
Seine Lippen bewegten sich, ohne dass ein Laut herauskam.
Offenbar hatte die Wirklichkeit gerade einen Gegentreffer gelandet.
Die Erfindung des umgekehrten Transports
Ollie fing sich als Erster.
„Gut“, sagte er. „Dann machen wir es eben auf die herkömmliche Weise.“
„Welche herkömmliche Weise?“, fragte Stan.
„Wir bringen das Klavier nach oben, kippen es zur Seite, drehen es um neunzig Grad und schieben es durch die Dachluke.“
„Und wenn es nicht passt?“
„Dann drehen wir es um weitere neunzig Grad.“
„Und wenn es dann immer noch nicht passt?“
Ollie sah ihn streng an.
„Stan, dann haben wir es wenigstens gründlich versucht.“
Der Butler erhob sich.
„Sir, ich muss darauf aufmerksam machen, dass ein Klavier keine Einkaufstüte ist. Man kann es nicht beliebig zusammenfalten.“
„Das weiß ich selbst!“, rief Ollie.
„Gut, Sir.“
„Und hören Sie auf, immer recht zu haben!“
„Sehr wohl, Sir.“
Der Butler trat zurück.
Mertens hingegen hatte begonnen, auf seinem Notizblock Kreise zu zeichnen. Er zeichnete einen großen Kreis, einen kleineren Kreis, ein Dreieck, eine Spirale und schließlich eine Figur, die aussah wie ein erschöpfter Tintenfisch.
„Was ist das?“, fragte Stan.
„Ein Modell.“
„Von was?“
„Vom Transport.“
Stan betrachtete die Zeichnung.
„Ich sehe gar kein Klavier.“
„Das Klavier ist implizit enthalten.“
Stan nickte höflich.
„Ach so.“
Er hatte keine Ahnung, was implizit bedeutete, aber er vermutete, dass es eine Krankheit war, die Mertens sich bei seinen Messungen zugezogen hatte.
Dann geschah etwas Unerwartetes.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 ging zum Tesla, stellte sich neben das Hinterrad und blickte nach oben.
„Ich glaube“, sagte es, „wir sollten das Klavier erst einmal herunterholen.“
Alle sahen es an.
„Und wie?“, fragte Ollie.
Das Kindchen deutete auf die krumme Leiter.
„Mit der Leiter.“
Mertens begann zu zittern.
„Das wäre eine völlig unkontrollierte Intervention in das bestehende Transportsystem!“
„Es ist doch nur eine Leiter“, sagte das Kindchen.
„Nichts ist nur eine Leiter!“, rief Mertens. „Eine Leiter ist eine vertikale Behauptung!“
Der Butler räusperte sich.
„Ich nehme an, das bedeutet, dass Sie gegen die Verwendung der Leiter sind?“
„Ich bin gegen ihre gedankenlose Verwendung.“
Stan stand auf.
„Dann verwenden wir sie eben gedankenvoll.“
Er stellte die Leiter an den Tesla.
Sie rutschte ein wenig.
Er stellte sie erneut an.
Sie rutschte wieder.
Beim dritten Versuch blieb sie stehen, allerdings in einem Winkel, der selbst einem erfahrenen Bergsteiger den Wunsch nach einem Schreibtischjob eingegeben hätte.
Ollie betrachtete das Gebilde.
„Stan, das ist lebensgefährlich.“
Stan lächelte.
„Aber Ollie, jetzt steht sie doch.“
Ollie wollte antworten, doch in diesem Moment klopfte es vom Dach.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Alle blickten nach oben.
Das Klavier hatte sich bewegt.
Nicht nach links.
Nicht nach rechts.
Es hatte sich aufgerichtet.
Niemand wusste, wie das möglich war. Das Instrument stand nun beinahe senkrecht auf dem Tesla-Dach und blickte, soweit ein Klavier blicken kann, direkt zur Dachluke.
Mertens hob beide Messgeräte.
Sie piepten gleichzeitig.
Der Butler zog seine Handschuhe aus.
Ollie flüsterte: „Stan.“
„Ja, Ollie?“
„Ich glaube, das Klavier will hinein.“
Stan sah nach oben.
„Vielleicht hat es die Limonade gerochen.“
Das Konzert beginnt vor dem Konzert
Da öffnete sich die Tastaturklappe.
Ganz langsam.
Ein einzelner Ton erklang.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Nur ein kleiner, sauberer Ton, der über den Platz vor der Scrollstube schwebte und sich in den Gläsern der Kinderchen zu spiegeln schien.
Niemand bewegte sich.
Dann folgte ein zweiter Ton.
Und ein dritter.
Es war eine Melodie, die keiner kannte und die dennoch allen irgendwie vertraut vorkam.
Die Tiketaketokerin trat aus der englischen Scrollstube. Sie hielt ihr Smartphone in der Hand, doch diesmal sah sie nicht auf den Bildschirm. Sie lauschte.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 schloss die Augen.
Mertens senkte langsam seine Messgeräte.
Der Butler nahm seine Haltung ein wenig zurück, als wolle er der Musik den Vortritt lassen.
Und Ollie, der seit seiner Ankunft versucht hatte, die Welt durch Entschlossenheit, Autorität und eine beträchtliche Menge persönlicher Überzeugung in Ordnung zu bringen, stand einfach nur da.
Stan beugte sich zu ihm.
„Ollie?“
„Ja, Stan?“
„Vielleicht müssen wir das Klavier gar nicht transportieren.“
Ollie blickte ihn an.
„Was meinst du damit?“
Stan zeigte auf die Tastatur.
„Vielleicht ist es schon angekommen.“
Ollie öffnete den Mund.
Er schloss ihn wieder.
Er sah zur Dachluke.
Er sah auf die krumme Leiter.
Er sah zu Mertens.
Und zum ersten Mal an diesem Nachmittag hatte er nichts zu beanstanden.
Das Klavier spielte weiter.
Die Kinderchen standen vor der Scrollstube und hörten zu.
Die Limonade war inzwischen warm geworden.
Aber niemand kümmerte sich darum.
Denn manchmal, dachte der Butler, ist ein Transport nicht dann gelungen, wenn ein Gegenstand seinen Bestimmungsort erreicht hat.
Manchmal ist er gelungen, wenn alle Beteiligten für einen kurzen Augenblick vergessen, dass sie ihn überhaupt durchführen wollten.
Mertens notierte diesen Gedanken in sein Messprotokoll.
Darunter schrieb er:
Messwert: nicht bestimmbar.
Und ganz unten, in winziger Schrift:
Eventuell Musik.
Dann verstummte das Klavier.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 öffnete die Augen.
„Ich möchte es trotzdem haben“, sagte es.
Ollie nickte.
„Selbstverständlich.“
Stan nahm den Gartenschlauch.
Der Butler holte das Maßband.
Mertens schaltete seine Geräte wieder ein.
Und der Türsteher, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, trat in die Mitte des Platzes und verkündete:
„Meine Herrschaften. Wir beginnen von vorn.“
Auf dem Tesla-Dach knackte die krumme Leiter.
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