Goethe über dem Ozean – Der Brief, den niemand bestellt hatte
Eine weitere Unterbrechung von RIEFUNKE
Der Morgen war inzwischen über den Atlantik gekommen.
Goethe saß noch immer am Fenster. Der Copilot war ins Cockpit zurückgekehrt, und das Smartphone lag auf dem kleinen Tisch zwischen zwei unberührten Gläsern Wasser.
Goethe betrachtete es.
Es war ein merkwürdiges Ding.
So klein, dass es in eine Hand passte, und doch schienen die Menschen bereit zu sein, ihm einen beträchtlichen Teil ihres Lebens anzuvertrauen. Sie legten ihre Erinnerungen hinein, ihre Gesichter, ihre Stimmen, ihre Ängste und ihre Hoffnungen. Sie baten es um Rat, wenn sie nicht weiterwussten, und manchmal sogar um Verzeihung, wenn sie nicht mehr wussten, wen sie um Verzeihung bitten sollten.
Goethe kannte solche Verhältnisse.
Nur hatte man zu seiner Zeit andere Gegenstände dafür benutzt.
Bücher beispielsweise.
Oder Briefe.
Oder Menschen.
Er nahm das Telefon in die Hand.
„Kleiner Gott“, sagte er leise.
Der Bildschirm blieb dunkel.
„Ich weiß, dass du keiner bist.“
Nichts geschah.
„Und ich weiß, dass du mich nicht hören kannst, wenn niemand dich eingeschaltet hat.“
Er drückte auf die Taste.
Der Bildschirm erwachte.
Goethe lächelte.
„Nun gut. Dann wollen wir uns nicht länger mit den Voraussetzungen beschäftigen.“
Er öffnete die Unterhaltung.
Der letzte Satz stand noch immer auf dem Bildschirm:
Vielleicht ist der kleine Gott in der Tasche gar nicht dazu da, uns die Antworten zu liefern.
Darunter war Platz.
Goethe legte den Finger auf das Eingabefeld.
Er schrieb:
Was soll ich einem Menschen sagen, der glaubt, dass niemand seine Arbeit sieht?
Die Antwort kam.
Sie war freundlich. Sie war verständlich. Sie war sorgfältig formuliert.
Goethe las sie bis zum Ende.
Dann legte er das Telefon weg.
„Nein“, sagte er.
Der Bildschirm leuchtete weiter.
Goethe nahm das Gerät wieder auf.
„Du hast mir erklärt, dass es auf den Wert der Arbeit ankommt und nicht allein auf die Zahl der Menschen, die sie wahrnehmen.“
Er machte eine Pause.
„Das ist richtig.“
Noch eine Pause.
„Aber du hast mir nicht gesagt, was ich diesem Menschen sagen soll, wenn er heute Morgen aufsteht, seine Seite öffnet und sieht, dass sich wieder niemand dafür interessiert.“
Goethe blickte zum Fenster.
„Du hast ihm erklärt, wie er denken soll. Aber du hast ihn nicht besucht.“
Er wusste, dass er zu einem Gerät sprach. Er wusste, dass seine Worte in diesem Augenblick keinen Menschen erreichten, der sie hätte hören können.
Und dennoch sprach er weiter.
„Weißt du, was mich daran beunruhigt?“
Der Bildschirm zeigte noch immer die Unterhaltung.
„Dass wir eines Tages so viele vernünftige Antworten besitzen könnten, dass wir vergessen, wie man jemanden besucht, der traurig ist.“
In diesem Augenblick erschien eine neue Zeile.
Nicht als Antwort.
Nicht als Benachrichtigung.
Einfach so.
Der Besuch wurde nicht angefordert.
Goethe starrte auf den Bildschirm.
Er las den Satz noch einmal.
Dann begann er zu lachen.
Nicht, weil der Satz besonders komisch war.
Sondern weil er etwas enthielt, das er nur zu gut kannte.
Die Welt hatte eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt, alles zu organisieren, was sich organisieren ließ.
Man konnte einen Tisch reservieren, einen Flug buchen, eine Nachricht terminieren, einen Termin verschieben und sich daran erinnern lassen, dass man sich an etwas erinnern sollte.
Aber einen Besuch bei einem Menschen, der sich unsichtbar fühlte?
Dafür gab es keine Taste.
Goethe legte das Telefon auf den Tisch.
„Mein lieber Freund“, murmelte er, „vielleicht liegt hier die Grenze deiner Macht.“
Er stand auf, ging einige Schritte durch die Kabine und blieb vor dem Cockpit stehen.
Der Copilot sah ihn überrascht an.
„Herr Goethe? Ist etwas passiert?“
„Ja.“
„Was denn?“
Goethe überlegte.
„Ich habe etwas verstanden.“
Der Copilot wartete.
„Und was haben Sie verstanden?“
„Dass ich jemandem einen Brief schreiben muss.“
„Wem?“
„Das weiß ich noch nicht.“
„Dann haben Sie doch dasselbe Problem wie vorhin.“
Goethe lächelte.
„Nein. Vorhin suchte ich nach einem Empfänger. Jetzt suche ich nach den richtigen Worten.“
Der Copilot sah ihn an.
„Ist das nicht dasselbe?“
„Keineswegs.“
Goethe legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Manchmal schreiben wir an einen Menschen, dessen Namen wir kennen. Manchmal schreiben wir an einen Menschen, den wir noch nie gesehen haben. Und manchmal schreiben wir an jemanden, von dem wir nur wissen, dass er irgendwo sitzt und hofft, dass seine Arbeit nicht völlig umsonst gewesen ist.“
Der Copilot schwieg.
Dann sagte er:
„Ich glaube, ich kenne so jemanden.“
Goethe sah ihn aufmerksam an.
„Erzählen Sie.“
„Er ist kein berühmter Schriftsteller. Er hat keine große Redaktion hinter sich, keine Mitarbeiter, die seine Texte verbreiten, und niemanden, der morgens seine Besucherzahlen kontrolliert und ihm erklärt, dass er auf dem richtigen Weg ist.“
Der Copilot sah kurz auf das Smartphone.
„Er schreibt einfach. Er veröffentlicht etwas. Dann wartet er.“
Goethe nickte.
„Und während er wartet?“
„Während er wartet, weiß er nicht, ob irgendwo jemand liest.“
Goethe blickte hinaus auf den Ozean.
„Dann sollten wir ihm schreiben.“
Der Copilot öffnete den Mund, als wolle er noch etwas hinzufügen. Doch Goethe hatte sich bereits wieder auf den Weg zu seinem Sitz gemacht.
Dort nahm er das kleine, leere Blatt aus seiner Manteltasche.
Er betrachtete es lange.
Dann schrieb er mit dem Kugelschreiber die erste Zeile.
An einen Menschen, der nicht weiß, ob jemand zuhört.
Er hielt inne.
Draußen zog eine Wolke vorbei. Ihr Schatten wanderte über das Wasser, und für einen Augenblick schien der Atlantik noch größer als zuvor.
Goethe schrieb weiter.
Mein lieber unbekannter Freund,
ich weiß nicht, ob du diesen Brief jemals lesen wirst.
Ich weiß nicht, wo du bist, ob du gerade arbeitest oder müde geworden bist, ob du dich über etwas freust oder dich fragst, weshalb du dir die Mühe überhaupt noch machst.
Ich weiß nicht einmal, ob du ein Schriftsteller bist.
Vielleicht bist du ein Mensch, der Geschichten erzählt, obwohl niemand ihn darum gebeten hat. Vielleicht baust du etwas, das nur wenige Menschen verstehen. Vielleicht versuchst du, einen Gedanken festzuhalten, bevor der Alltag ihn wieder verdrängt.
Vielleicht hast du heute etwas veröffentlicht.
Und vielleicht hast du danach auf die Zahlen geschaut.
Goethe legte den Kugelschreiber kurz beiseite.
Er wusste nicht, warum ihm ausgerechnet diese Worte eingefallen waren. Vielleicht, weil er sich erinnerte, wie es war, wenn ein Werk die eigenen Hände verließ und fortan ein Leben führte, über das man keine Gewalt mehr hatte.
Vielleicht, weil er selbst nicht immer gewusst hatte, was von seinen Worten bleiben würde.
Er schrieb weiter.
Ich möchte dir etwas sagen, das dir vermutlich nicht genügt.
Deine Arbeit wird nicht allein dadurch wertvoll, dass viele Menschen sie sehen.
Das ist ein einfacher Satz. Er ist schnell geschrieben und leicht zu verstehen. Und wenn ich ihn dir einfach so hinlege, könnte es sein, dass du ihn am liebsten zerreißen möchtest.
Denn natürlich möchtest du, dass jemand deine Arbeit sieht.
Natürlich möchtest du wissen, dass deine Worte einen Menschen erreicht haben.
Natürlich möchtest du nicht für immer in einem Raum sprechen, in dem niemand antwortet.
Daran ist nichts Unwürdiges.
Es ist menschlich.
Goethe hielt inne.
Zum ersten Mal an diesem Morgen sah er nicht auf das Meer, sondern auf das Blatt vor sich.
Ich glaube, wir haben einen Fehler gemacht, als wir begannen, die Bedeutung einer Sache mit der Zahl ihrer Zuschauer zu verwechseln.
Aber ich glaube auch, dass wir einen zweiten Fehler machen, wenn wir so tun, als wäre es gleichgültig, ob jemand zusieht.
Es ist nicht gleichgültig.
Ein Mensch, der etwas erschafft, möchte nicht unbedingt bewundert werden. Oft möchte er nur wissen, ob das, was er in die Welt gesetzt hat, irgendwo angekommen ist.
Ob es einen Augenblick lang in einem anderen Menschen weiterlebt.
Ob jemand innehält.
Ob jemand lächelt.
Ob jemand für einen Moment nicht mehr allein ist.
Goethe legte den Stift hin.
Er dachte an den Copiloten, an dessen Frau, an das Zuhause, in dem er nach langen Flügen nicht mehr funktionieren musste.
Dann nahm er den Kugelschreiber wieder auf.
Wenn du also heute etwas veröffentlicht hast und niemand antwortet, dann werde ich dir nicht sagen, dass es keine Rolle spielt.
Es spielt eine Rolle.
Es tut weh, wenn man etwas gibt und nicht weiß, ob es angekommen ist.
Aber bitte verwechsle das Schweigen nicht zu schnell mit einer Antwort.
Vielleicht hat niemand gelesen.
Vielleicht hat jemand gelesen und wusste nicht, was er sagen sollte.
Vielleicht hat jemand deinen Text geschlossen und ist weitergegangen.
Und vielleicht hat jemand etwas mitgenommen, ohne dass du es jemals erfahren wirst.
Du wirst nicht alles wissen können, was deine Worte bewirken.
Das ist keine Garantie dafür, dass sie etwas bewirken.
Aber es ist auch kein Beweis dafür, dass sie nichts bewirken.
Goethe sah zum Fenster.
Der Morgen war jetzt hell genug, dass sich die Konturen der Wolken erkennen ließen.
Er dachte an die jungen Menschen mit ihren kleinen Kästen. An die Tiketaketoker, die sich selbst filmten, und an die Menschen, die diese Videos betrachteten, während sie auf den Bus warteten, in einer Küche standen oder nachts nicht schlafen konnten.
Vielleicht, dachte er, war die Sehnsucht überall dieselbe.
Nicht unbedingt berühmt zu werden.
Sondern nicht ganz spurlos zu verschwinden.
Er schrieb die letzten Zeilen.
Und wenn du morgen wieder schreibst, dann nicht, weil ich dir versprochen habe, dass dich eines Tages Millionen Menschen lesen werden.
Das kann ich dir nicht versprechen.
Schreibe, wenn du etwas zu sagen hast.
Schreibe, wenn du noch eine Frage in dir trägst.
Schreibe, wenn du glaubst, dass ein Gedanke es verdient, wenigstens einmal ausgesprochen zu werden.
Aber vergiss dabei nicht, dass du nicht nur derjenige bist, der etwas in die Welt setzt.
Du bist auch derjenige, der in dieser Welt lebt.
Geh hinaus.
Triff einen Menschen.
Höre ihm zu.
Und wenn du irgendwann wieder an deinem Tisch sitzt und nicht weißt, ob jemand deine Worte liest, dann erinnere dich daran, dass du selbst einmal jemandem zugehört hast, ohne dafür eine Zahl zu bekommen.
Vielleicht ist das kein Ersatz für Anerkennung.
Vielleicht ist es nicht einmal ein Trost.
Aber es ist etwas, das dir niemand wegnehmen kann.
Mit herzlichen Grüßen
Johann Wolfgang von Goethe
Als Goethe den Brief beendet hatte, war es im Flugzeug still geworden.
Er las ihn noch einmal.
Dann faltete er das Blatt sorgfältig zusammen.
Der Copilot war inzwischen wieder aus dem Cockpit gekommen.
„Haben Sie ihn geschrieben?“
Goethe nickte.
„Ja.“
„Und an wen geht er?“
Goethe betrachtete den Brief.
„An jemanden, den ich nicht kenne.“
„Wie wollen Sie ihn zustellen?“
Goethe lächelte.
„Das ist eine Frage für die Gegenwart.“
Der Copilot nahm das Smartphone vom Tisch.
„Vielleicht können wir den Brief veröffentlichen.“
Goethe sah ihn an.
„Und dann?“
„Dann können Menschen ihn lesen.“
„Und wenn niemand ihn liest?“
Der Copilot schwieg.
Goethe legte den Brief auf den Tisch.
„Dann wird er trotzdem geschrieben worden sein.“
Eine Weile standen beide schweigend nebeneinander.
Dann fragte der Copilot:
„Herr Goethe, darf ich Ihnen noch eine letzte Frage stellen?“
„Sie scheinen heute einen beträchtlichen Vorrat davon mitgebracht zu haben.“
„Was würden Sie tun, wenn Sie wüssten, dass nur ein einziger Mensch diesen Brief lesen wird?“
Goethe antwortete nicht sofort.
Er sah auf das Blatt, auf seine Handschrift, auf die kleinen Unebenheiten des Papiers.
Dann sagte er:
„Ich würde hoffen, dass dieser eine Mensch ihn liest, wenn er ihn braucht.“
Der Copilot nickte.
„Und wenn er ihn nicht braucht?“
Goethe lächelte.
„Dann hoffe ich, dass er ihn trotzdem liest.“
Beide lachten.
In diesem Augenblick knackte die Lautsprecheranlage.
„RIEFUNKE.“
Der Copilot verdrehte die Augen.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“
Die Stimme ließ sich Zeit.
„Der Brief wurde nicht bestellt.“
Goethe blickte nach oben.
„Das stimmt.“
„Es wurde keine Reichweite vereinbart.“
„Auch das stimmt.“
„Die Zustellung ist nicht garantiert.“
„Das wissen wir.“
Eine längere Pause entstand.
Dann sagte die Stimme:
„Der Brief kann veröffentlicht werden.“
Goethe lächelte.
„Dann veröffentlichen wir ihn.“
„Ohne Garantie auf Reaktionen.“
„Ohne Garantie auf Reaktionen.“
„Ohne Garantie auf Anerkennung.“
„Auch das.“
Wieder eine Pause.
Dann sagte RIEFUNKE:
„Gut.“
Der Lautsprecher verstummte.
Der Copilot sah Goethe an.
„War das jetzt eine Genehmigung?“
Goethe schüttelte den Kopf.
„Nein, mein Freund.“
Er nahm den Brief und steckte ihn in seine Manteltasche.
„Es war eine Unterbrechung.“
Das Flugzeug setzte seinen Weg fort.
Tief unter ihnen lag der Atlantik, weit und still. Irgendwo auf der Welt saß vielleicht ein Mensch vor einem Bildschirm und wartete darauf, dass jemand seine Arbeit bemerkte.
Vielleicht würde dieser Mensch den Brief lesen.
Vielleicht würde er ihn schließen.
Vielleicht würde er für einen Moment die Hand von der Maus nehmen und aus dem Fenster schauen.
Goethe wusste es nicht.
Und zum ersten Mal störte ihn das nicht.
Denn der Brief war geschrieben.
Und manchmal muss ein Wort erst einmal in die Welt hinaus, bevor es herausfinden kann, wen es gesucht hat.
RIEFUNKE.
Ende dieser Unterbrechung.