Goethe und das Gras
Der Copilot hatte den Autopiloten eingeschaltet. Das Flugzeug flog ruhig nach Süden, und unter ihnen lag eine Wolkendecke, die aussah, als hätte jemand die Erde zugedeckt, damit sie sich von den Menschen erholen könne.
Goethe schwieg lange. Dann deutete er auf die Tragflächen.
„Sagen Sie, mein lieber Herr, womit wird dieses gewaltige Ding eigentlich angetrieben?“
Der Copilot drehte sich halb zu ihm.
„Mit Energie, Herr Goethe. Genauer gesagt: mit Kerosin, einem Treibstoff, der überwiegend aus Erdöl hergestellt wird.“
„Erdöl“, wiederholte Goethe. „Also etwas, das aus der Erde kommt.“
„Ganz richtig.“
„Und wie gelangt es aus der Erde in dieses Flugzeug?“
Der Copilot lächelte. Er war es gewohnt, technische Fragen zu beantworten. Dass ein Mann, der aussah, als sei er gerade aus einem anderen Jahrhundert gestiegen, ihn nach den Grundlagen der modernen Zivilisation fragte, gefiel ihm.
„Man bohrt tief in den Boden, fördert das Öl, transportiert es zu Raffinerien und verarbeitet es dort. Anschließend wird es über die ganze Welt verteilt.“
„Das klingt nach einer beträchtlichen Anstrengung.“
„Das ist es auch.“
Goethe blickte hinaus.
„Und die Menschen benötigen dieses Öl, um zu reisen?“
„Nicht nur. Für Schiffe, Lastwagen, Autos, Flugzeuge. Für die Industrie, für bestimmte Kunststoffe und viele andere Dinge. Unsere ganze Welt hängt in beträchtlichem Maße davon ab.“
Goethe dachte nach.
„Dann muss dieses Erdöl von unschätzbarem Wert sein.“
„Es ist wirtschaftlich sehr wertvoll.“
„Das habe ich nicht gefragt.“
Der Copilot schwieg einen Augenblick.
„Nun ja“, sagte er schließlich, „die Kontrolle über Erdöl und andere Rohstoffe spielt in internationalen Konflikten eine Rolle. Staaten führen aus vielen Gründen Krieg: aus Machtinteressen, aus Sicherheitsbedürfnissen, wegen Gebietsansprüchen und manchmal auch wegen wirtschaftlicher Interessen. Der Zugang zu Rohstoffen kann dabei ein wichtiger Faktor sein.“
Goethe wandte den Kopf.
„Sie sagen also, Menschen töten einander, um an etwas zu gelangen, das tief in der Erde liegt?“
„Das wäre zu einfach als Erklärung für alle Kriege. Aber ja, Rohstoffe können ein Grund für Konflikte sein.“
Goethe sah wieder aus dem Fenster. Die Wolken rissen auf, und für einen Augenblick war die Erde sichtbar, braun und grün, durchzogen von Flüssen und Straßen.
„Merkwürdig“, sagte er. „Die Erde bringt etwas hervor, das den Menschen nützlich ist. Daraufhin erklärt der Mensch es zu seinem Besitz. Dann erklärt er seinen Besitz für so wichtig, dass er bereit ist, andere Menschen dafür zu töten.“
„Die Weltwirtschaft ist kompliziert“, sagte der Copilot.
„Das glaube ich gern. Aber ist die menschliche Natur ebenfalls kompliziert, oder benutzen wir die Kompliziertheit der Welt, um die Einfachheit mancher unserer Fehler zu verbergen?“
Der Copilot hatte darauf keine sofortige Antwort.
Goethe nahm seinen Spazierstock und legte ihn quer über seine Knie.
„Ich erinnere mich an meine vier Pferde vor der englischen Scrollstube. Wissen Sie, was diese Tiere benötigen?“
„Heu und Gras, nehme ich an.“
„Vor allem Gras. Wasser. Pflege. Ein wenig Ruhe. Sie verlangen keine Raffinerie, keinen Tanker, keine Pipeline und keine internationale Konferenz über die Sicherung ihrer Energieversorgung.“
Der Copilot lachte.
Goethe blieb ernst.
„Und sie führen auch keinen Krieg, weil auf der anderen Seite der Wiese das Gras etwas grüner ist.“
„Nun“, sagte der Copilot vorsichtig, „Tiere können durchaus um Nahrung und Revier kämpfen.“
„Gewiss. Ich will die Tiere nicht zu Philosophen erklären. Aber meine Pferde haben wenigstens nicht die Fähigkeit entwickelt, ihre Gier in eine Weltanschauung zu verwandeln.“
Der Copilot sah ihn lange an.
Dann sagte er: „Sie müssen zugeben, Herr Goethe, dass ein Flugzeug mit Gras nicht sehr weit käme.“
„Das gebe ich gern zu. Ich habe nie behauptet, dass man mit Gras ein Flugzeug betreiben könne.“
„Dann brauchen wir das Erdöl also.“
„Wir brauchen Energie“, erwiderte Goethe. „Das ist nicht ganz dasselbe wie die Behauptung, wir müssten für jede Form von Energie so weiterleben wie bisher.“
Er beugte sich ein wenig nach vorn.
„Sagen Sie mir: Wenn ein Mensch erkennt, dass eine Sache ihm nützt, und zugleich erkennt, dass sein Umgang mit dieser Sache anderen Menschen schadet, was sollte er dann tun?“
„Er sollte nach Alternativen suchen.“
„Und wenn diese Alternativen zunächst teurer sind?“
„Dann muss man abwägen.“
„Und wenn die Kosten der bisherigen Methode von anderen getragen werden, die gar nicht gefragt wurden?“
Der Copilot blickte auf die Instrumente. Die Zahlen leuchteten ruhig, als sei die Welt ein ordentliches System, in dem jede Frage irgendwann einen Messwert erhielt.
„Dann“, sagte er, „wird die Abwägung schwieriger.“
„Nein“, sagte Goethe. „Dann wird sie erst ehrlich.“
Eine Weile hörte man nur das gleichmäßige Geräusch der Triebwerke.
Goethe dachte an die Menschen, die er unten in Paris gesehen hatte. An die Schülerinnen und Schüler, die mehr Geld für ihre Schulen forderten und nicht wollten, dass die Zukunft ihrer Generation immer wieder hinter den Bedürfnissen der Gegenwart zurückstehen musste.
„Wissen Sie, was mich an Ihrer Erklärung am meisten erstaunt?“, fragte er.
„Was denn?“
„Dass Sie mir in wenigen Minuten erklären können, wie Erdöl aus dem Boden geholt, verarbeitet und in einem Flugzeug verbrannt wird. Sie können mir die gesamte technische Kette beschreiben. Aber sobald ich frage, warum Menschen einander deswegen bekämpfen, beginnen Sie von der Kompliziertheit der Welt zu sprechen.“
Der Copilot senkte den Blick.
„Vielleicht“, sagte er, „ist die technische Frage leichter zu beantworten als die menschliche.“
„Vielleicht“, erwiderte Goethe. „Oder wir haben uns angewöhnt, die technischen Fragen mit aller Kraft zu lösen, während wir die menschlichen Fragen für unlösbar erklären.“
Er dachte wieder an seine Pferde.
Vier kräftige Tiere standen in seiner Erinnerung vor der englischen Scrollstube. Sie wussten nichts von geopolitischen Interessen. Sie kannten keine Börsenkurse und keine Rohstoffmärkte. Sie warteten auf ihre nächste Mahlzeit, auf Wasser, auf Bewegung und auf die vertraute Hand eines Menschen.
Natürlich waren sie keine Lösung für die Energieversorgung der modernen Welt. Aber sie erinnerten Goethe an etwas, das in all den großen Systemen leicht verloren ging: dass jedes Leben Bedürfnisse hat und dass nicht jedes Bedürfnis unendlich wachsen muss.
„Mein lieber Copilot“, sagte er schließlich, „ich möchte keineswegs zurück in eine Welt ohne Maschinen. Ich sitze ja selbst in einer dieser Maschinen und bin Ihnen dankbar, dass Sie mich nach Nasca bringen.“
„Das freut mich.“
„Aber ich frage mich, ob wir mit unserem technischen Fortschritt auch in unserer Fähigkeit fortgeschritten sind, Maß zu halten.“
Der Copilot sah auf die Tragflächen.
„Das ist eine schwierige Frage.“
„Ja“, sagte Goethe. „Aber wenigstens verbraucht sie kein Erdöl.“
Und zum ersten Mal seit Paris lachte der Copilot so laut, dass er sich rasch wieder dem Cockpit zuwandte.
Goethe lehnte sich zurück.
Das Flugzeug trug ihn weiter über den Atlantik, dem fernen Peru entgegen. Unter ihm lag eine Erde, deren Schätze die Menschen seit Jahrtausenden anzogen. Über ihm war der Himmel, der keinem Staat gehörte und an dem keine Grenze zu erkennen war.
Und irgendwo, weit entfernt, warteten vier Pferde auf Gras.
Sie wussten nicht, dass sie ein Argument waren.
Sie waren einfach Pferde.
Vielleicht, dachte Goethe, lag gerade darin ihre Weisheit.
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