RIEFUNKE
Der Klaviertransport, Folge VII
Der unbekannte Bewohner, die Hausordnung und die Sache mit dem zweiten Türsteher
Tok.
Tok.
Tok.
Von innen klopfte es zurück.
Tok.
Tok.
Tok.
Stan wich einen Schritt zurück und versteckte sich hinter Ollie. Das war insofern bemerkenswert, als Ollie erheblich breiter war als Stan und deshalb als Versteck durchaus geeignet erschien.
„Ollie“, flüsterte Stan, „da ist jemand drin.“
„Unsinn.“
Tok.
Ollie machte einen Schritt zur Seite.
Stan stand plötzlich allein da.
„Ollie!“
„Stan, ich muss die Situation überblicken.“
„Du überblickst gerade meinen Rücken!“
Der Butler trat vor. Er hatte inzwischen seine weißen Handschuhe angezogen, die er gewöhnlich für außergewöhnliche Ereignisse reservierte: Staatsbesuche, Trauerfälle und besonders schwierige Korken.
„Meine Herren“, sagte er, „bevor wir weitere Maßnahmen ergreifen, sollten wir uns vorstellen.“
Er beugte sich zum Klavierkasten.
„Guten Morgen. Butler. Ich bin für den geordneten Ablauf zuständig. Dürfte ich fragen, mit wem wir die Ehre haben?“
Stille.
Dann eine Stimme.
„Wer fragt?“
Der Butler richtete sich auf.
„Der Butler.“
„Welcher Butler?“
Der Butler blickte zum Türsteher.
Der Türsteher blickte zum Butler.
Es war eine ausgezeichnete Frage.
Denn in der Scrollstube gab es inzwischen zwei Butler, einen Türsteher, einen stellvertretenden Türsteher, drei Sachverständige und Mertens, der sich selbst für eine Art übergeordnete Messinstanz hielt.
„Der Butler der Scrollstube“, antwortete der Butler schließlich.
Von innen kam ein Seufzen.
„Ach so. Ich dachte schon, es sei der andere.“
Stan riss die Augen auf.
„Ollie! Es gibt noch einen anderen Butler!“
„Stan, es gibt überall andere Butler. Das ist kein Grund zur Aufregung.“
„Aber wo wohnt der?“
„Stan!“
1. Die erste Eigentümerversammlung im Klavier
Der Türsteher holte sein Notizbuch.
„Ich muss feststellen, ob die Person im Klavier über eine gültige Aufenthaltsberechtigung verfügt.“
Mertens hob das Messgerät.
„Ich kann die Anwesenheit einer Person bestätigen.“
„Wie?“
„Durch die Messung einer nicht näher bestimmten Reaktion auf das Klopfen.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist aber ein Messwert.“
Der Türsteher wandte sich wieder dem Klavier zu.
„Haben Sie einen Namen?“
„Ja.“
„Wie lautet er?“
„Den habe ich vergessen.“
Mertens wurde aufmerksam.
„Das ist interessant.“
Der Butler schloss die Augen.
„Mertens, bitte.“
„Ein Bewohner ohne Namen, innerhalb eines Instruments ohne Tasten, auf einem Fahrzeug unbekannter Eigentümerschaft. Das ist eine bemerkenswerte Häufung.“
„Es ist vor allem eine bemerkenswerte Häufung Ihrer Bemerkungen“, sagte der Butler.
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 trat näher.
„Warum wohnst du in einem Klavier?“
Es raschelte im Inneren.
Dann antwortete die Stimme:
„Weil ich keine Wohnung gefunden habe.“
Für einen Moment wurde es still.
Sogar Ollie schwieg.
„Und warum gerade ein Klavier?“, fragte das Kindchen.
„Weil die Miete dort nicht so hoch ist.“
Stan setzte sich auf den Boden.
Er lachte so sehr, dass er kaum noch Luft bekam.
Ollie sah ihn streng an.
„Stan, das ist eine ernste Angelegenheit.“
„Ich weiß, Ollie. Aber stell dir vor, wir müssten in einem Klavier wohnen! Wo würden wir schlafen?“
„Auf der Bank.“
„Und wo würden wir kochen?“
Ollie dachte nach.
„Auf dem Herd.“
Stan starrte ihn an.
„Ollie! Ein Klavier hat keinen Herd!“
Ollie wurde rot.
„Dann eben auf der Klavierbank!“
Der Butler räusperte sich.
„Ich möchte darauf hinweisen, dass wir uns hier nicht in einer Wohnungsbesichtigung befinden.“
Aus dem Klavier kam eine Stimme:
„Gibt es wenigstens einen Keller?“
Der Butler setzte sich.
2. Mertens erfindet die Wohnklangmessung
Mertens hatte inzwischen eine neue Theorie entwickelt.
Er kniete vor dem Klavierkasten und legte sein Messgerät an die Seitenwand.
„Ich werde jetzt feststellen, ob die Wohnung über eine ausreichende akustische Infrastruktur verfügt.“
Der Sachverständige Herr Leiter trat neben ihn.
„Sie wollen die Wohnqualität eines Klaviers messen?“
„Nicht eines Klaviers. Einer Wohneinheit innerhalb eines Klaviers.“
„Und wie unterscheiden Sie die beiden?“
Mertens hielt inne.
Er blickte auf sein Messgerät.
Er blickte auf den Klavierkasten.
Dann sagte er:
„Durch die Wohnklangmessung.“
Herr Leiter nahm sein Maßband heraus.
„Ich messe zunächst die Wohnfläche.“
Er legte das Maßband an.
Mertens piepte.
Herr Moll schlug seine Stimmgabel an.
Stan klopfte auf den Kasten.
Ollie rief: „Ruhe!“
Der Türsteher rief: „Bitte der Reihe nach!“
Der Butler rief überhaupt nichts mehr.
Und aus dem Klavier ertönte eine Stimme:
„Könnte vielleicht jemand die Heizung einschalten?“
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 überlegte.
„Ein Klavier hat doch gar keine Heizung.“
„Eben“, sagte die Stimme. „Es ist furchtbar kalt hier.“
Mertens notierte:
Wohnklangmessung: Temperatur möglicherweise unzureichend.
Darunter schrieb er:
Heizkörper nachrüsten.
Der Butler riss ihm das Klemmbrett aus der Hand.
„Wir rüsten hier gar nichts nach! Wir haben noch nicht einmal geklärt, wem das Instrument gehört!“
3. Der Eigentümer erscheint
In diesem Augenblick ertönte hinter ihnen eine ruhige Stimme.
„Entschuldigen Sie bitte. Gehört das Klavier Ihnen?“
Alle drehten sich um.
Vor der Scrollstube stand ein älterer Herr mit einem Regenschirm, einer Einkaufstasche und einem Gesicht, das aussah, als hätte er schon wesentlich größere Katastrophen erlebt.
Ollie trat vor.
„Das ist eine komplizierte Frage.“
„Wieso?“
„Weil das Klavier auf unserem Tesla liegt.“
Der Herr betrachtete den Tesla.
„Das ist nicht Ihr Tesla.“
Ollie erstarrte.
Stan ließ den Gartenschlauch fallen.
Mertens schaltete sein Messgerät aus.
Der Butler stand langsam auf.
„Wie bitte?“, fragte Ollie.
„Der Wagen gehört meiner Nichte. Sie hat ihn mir geliehen.“
„Und das Klavier?“, fragte der Türsteher.
Der Herr blickte zum Dach.
„Das Klavier gehört der Musikschule gegenüber.“
Es folgte eine Stille, die so vollständig war, dass man das leise Surren des Tesla hören konnte.
Dann sagte der Herr:
„Und die Leiter gehört dem Hausmeister.“
Alle blickten zur krummen Leiter.
Der Butler atmete tief ein.
„Dann bleibt nur noch eine Frage.“
„Welche?“, fragte der Herr.
„Wem gehört der Bewohner im Klavier?“
Der ältere Herr dachte nach.
„Ach, der.“
Alle rückten näher.
„Das ist mein Schwager.“
Ollie schloss die Augen.
Stan setzte sich wieder auf den Boden.
Mertens öffnete sein Notizbuch.
Der Türsteher schlug eine neue Seite auf.
Der Butler blickte zur Dachluke.
„Und warum“, fragte er mit äußerster Beherrschung, „wohnt Ihr Schwager in einem Klavier?“
Der ältere Herr zuckte mit den Schultern.
„Er hat sich mit meiner Schwester gestritten.“
Von innen kam eine Stimme:
„Sie hat angefangen!“
Der ältere Herr seufzte.
„Das behauptet er immer.“
4. Die diplomatische Lösung
Der Butler nahm seine Handschuhe ab.
„Meine Herren, wir haben es offenbar mit einem familiären Konflikt zu tun, der sich in ein Transportproblem verwandelt hat und nunmehr die Form einer ungeklärten Wohnungsangelegenheit angenommen hat.“
Mertens nickte begeistert.
„Eine Mehrfachproblematik.“
„Nein, Mertens. Eine Familienangelegenheit.“
Das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 trat zum Klavier.
„Du kannst herauskommen“, sagte es. „Wir haben Limonade.“
Lange geschah nichts.
Dann hörte man ein Rascheln.
Ein Deckel bewegte sich.
Ein Fuß erschien.
Dann ein zweiter Fuß.
Und schließlich kletterte aus dem Klavierkasten ein kleiner, zerzauster Mann mit einer Fliege, einem karierten Hemd und einer Socke, die ihm bis zum Knie heruntergerutscht war.
Er blickte in die Runde.
„Ist die Limonade kalt?“
Der Butler richtete sich auf.
„Sie war kalt.“
„Und jetzt?“
„Jetzt ist sie ein historisches Dokument.“
Der Mann nickte, als verstehe er das vollkommen.
Dann nahm er ein Glas.
Er trank.
Er seufzte zufrieden.
„So“, sagte er. „Jetzt kann ich wieder nach Hause.“
Der ältere Herr deutete auf ihn.
„Du kommst mit.“
„Nein.“
„Doch.“
„Ich wohne jetzt im Klavier.“
„Du wohnst nicht im Klavier.“
„Ich habe mich eingerichtet.“
Der Butler blickte auf den Klavierkasten.
„Wie lange wohnen Sie schon dort?“
Der Mann überlegte.
„Seit Dienstag.“
„Heute ist Freitag“, sagte Stan.
„Dann ist es ja noch eine ganz junge Wohnung.“
Mertens hielt sich die Stirn.
Der Türsteher klappte sein Notizbuch zu.
Der Sachverständige Herr Leiter packte sein Maßband ein.
Herr Moll nahm seine Stimmgabel.
Und Ollie, der inzwischen vollständig vergessen hatte, weshalb er ursprünglich eingeladen worden war, sah das Wäscheklammerkindchen Nr. 2 an.
„Nun“, sagte er, „ich glaube, wir können das Klavier jetzt hineinbringen.“
Das Kindchen lächelte.
„Aber Ollie.“
„Ja?“
„Das ist doch gar nicht mein Klavier.“
Ollie wurde kreidebleich.
Stan fiel rückwärts von der Bordsteinkante.
Der Butler blickte zum Himmel.
Mertens ließ sein Messgerät fallen.
Und der kleine Mann mit der Fliege stellte sein leeres Glas ab und sagte:
„Wenn Sie ein Klavier suchen, sollten Sie vielleicht einmal bei der Musikschule nachfragen.“
FORTSETZUNG FOLGT.
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