Wie ich Goethe auf Tinder traf – Teil 3
Die Hochzeit, der Rotwein und der Enkel-Notstand
Am nächsten Morgen hatte ich 17 Nachrichten auf meinem Handy.
Drei von Goethe.
Vier von Riefunke.
Zehn von meiner Mutter.
Die Nachrichten meiner Mutter waren alle identisch:
„WANN DARF ICH MIT ENKELN RECHNEN?“
Ich schaltete das Handy aus.
Man muss Prioritäten setzen.
Zuerst brauchte ich einen Kaffee. Dann musste ich herausfinden, warum Goethe mir um 3.17 Uhr eine Sprachnachricht geschickt hatte.
Ich drückte auf Wiedergabe.
„Mein lieber Freund! Ich habe die Nacht genutzt, um über deine Zukunft nachzudenken. Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man, und manchmal sitzt man mit Riefunke in einer Bar und bestellt eine Flasche zu viel.“
Pause.
„Übrigens: Ich möchte Trauzeuge werden.“
Ich löschte die Nachricht nicht.
Man weiß nie, wann man einen Klassiker gebrauchen kann.
Am Nachmittag traf ich meine Freundin.
Ja, ich durfte sie inzwischen so nennen. Sie hatte es erlaubt.
Wir saßen auf einer Bank im Park, als ich vorsichtig fragte:
„Sag mal, wie stellst du dir eigentlich deine Zukunft vor?“
Sie sah mich an.
„Mit einem Mann, der mich zum Lachen bringt. Mit jemandem, der ehrlich ist. Und mit jemandem, der mich nicht unter Druck setzt.“
Ich schluckte.
Drei Dinge, die vernünftig klangen.
Dann fügte sie hinzu:
„Und du?“
Ich holte tief Luft.
„Ich hätte gern eine Familie. Irgendwann. Aber ich möchte nichts übers Knie brechen.“
Sie nahm meine Hand.
„Gut. Denn ich bin eine Frau, keine Großbestellung bei ALDI.“
Ich musste so lachen, dass eine ältere Dame auf der Nachbarbank empört herübersah.
Da wusste ich: Diese Frau verstand meinen Humor.
Und das war vielleicht mehr wert als tausend Tinder-Matches.
Dann kam Riefunke.
Natürlich kam Riefunke.
Er trug einen Mantel, der aussah, als hätte ihn ein englischer Butler persönlich gebügelt.
„Ich habe eine Idee“, verkündete er.
„Nein“, sagte ich.
„Du weißt noch gar nicht, was ich vorschlagen wollte.“
„Ich kenne dich inzwischen.“
Er setzte sich.
„Eine Hochzeit in der English Scrollstube.“
Meine Freundin hob eine Augenbraue.
„Wir sind seit wenigen Tagen zusammen.“
„Perfekt“, sagte Riefunke. „Dann bleibt genug Zeit für die Sitzordnung.“
Er zog einen Zettel aus der Tasche.
Oben stand:
HOCHZEITSKOMITEE
- Riefunke – Gesamtleitung.
- Goethe – Trauzeuge und Rotweinbeauftragter.
- Der Butler – Tischordnung.
- Wellenberg – zuständig für die Musik.
- Die acht Wäscheklammerkinderchen – Blumendienst.
Ich las die Liste zweimal.
„Und wer bezahlt das alles?“
Riefunke lächelte.
„Das klären wir später.“
„Nein. Das klären wir jetzt.“
Zum ersten Mal sah Riefunke aus, als hätte jemand seinen Algorithmus ausgeschaltet.
Meine Freundin lachte.
„Ich mag ihn“, sagte sie. „Er stellt die richtigen Fragen.“
Riefunke steckte den Zettel ein.
„Gut. Dann machen wir eben erst einmal eine Verlobung.“
„Nein“, sagte meine Freundin.
„Ein Probeverlobungsfest?“
„Nein.“
„Eine literarische Verlobung? Ohne rechtliche Folgen?“
Sie überlegte.
„Mit gutem Essen?“
Riefunke nickte begeistert.
„Mit Rotwein.“
„Und Metallica?“, fragte ich.
Jetzt lächelte sie.
„Dann reden wir.“
Am Abend saßen wir tatsächlich in der English Scrollstube.
Goethe hatte eine Flasche Rotwein geöffnet.
Metallica lief leise im Hintergrund.
Der Butler verteilte kleine Teller, während die Wäscheklammerkinderchen versuchten, eine Girlande aufzuhängen, die sich konsequent weigerte, gerade zu bleiben.
Meine Freundin saß neben mir.
Riefunke hob sein Glas.
„Auf die Liebe!“
Goethe ergänzte:
„Auf die Freiheit!“
Ich hob ebenfalls mein Glas.
„Und darauf, dass niemand hier meine Mutter anruft.“
Zu spät.
Mein Handy klingelte.
Mama.
Ich ging ran.
„Ja, Mama?“
„Ich habe gehört, du warst mit einer Frau essen.“
Ich sah Riefunke an.
Er blickte demonstrativ zur Decke.
Goethe betrachtete plötzlich sehr interessiert sein Weinglas.
„Wer hat dir das erzählt?“
„Das ist unwichtig. Wann lerne ich sie kennen?“
Ich sah meine Freundin an.
Sie nickte.
„Wenn sie möchte, kannst du sie nächste Woche kennenlernen“, sagte ich.
Am anderen Ende wurde es still.
Dann hörte ich meine Mutter schniefen.
„Ach, mein Junge.“
Und zum ersten Mal seit Langem klang sie nicht wie eine Frau, die Enkel bestellen wollte.
Sondern wie eine Mutter, die sich freute, dass ihr Sohn glücklich sein könnte.
Ich legte auf.
Meine Freundin drückte meine Hand.
„Alles gut?“
„Ja“, sagte ich. „Ich glaube, diesmal schon.“
Später, als wir nach Hause gingen, blieb sie vor ihrer Haustür stehen.
„Weißt du“, sagte sie, „ich brauche keine große Hochzeit, keine berühmten Dichter und keinen geheimnisvollen Riefunke.“
„Was brauchst du dann?“
Sie sah mich an.
„Einen Mann, der morgen wieder anruft.“
Das war alles.
Kein Algorithmus.
Kein großes Versprechen.
Keine drei Enkel auf Bestellung.
Nur ein nächster Tag.
Ich küsste sie auf die Stirn.
„Ich rufe morgen an.“
„Gut.“
Sie ging hinein.
Und ich stand noch eine Weile auf dem Gehweg und lächelte.
Mein Handy vibrierte.
Eine Nachricht von Goethe:
„Wer immer strebend sich bemüht …“
Ich antwortete:
„Goethe, bitte nicht. Ich muss morgen arbeiten.“
Dann kam eine Nachricht von Riefunke:
„Die English Scrollstube braucht eine neue Geschichte. Titel: Der Mann, der endlich aufhörte, sein Leben aufzuschieben.“
Ich steckte das Handy ein.
Diesmal brauchte ich keine Pointe.
Denn zum ersten Mal seit zehn Jahren hatte ich etwas, worauf ich mich wirklich freute.
Fortsetzung folgt …
Made in Freiheit. Ohne Bestellformular für Enkel.
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