Ein Brief an Ursula von der Leyen in Brüssel
Liebe Ursula,
das hier ist echte Fiktion. Humoristisch, versteht sich – aber mit einem ernsten Hintergrund.
Mein Papa zählt beruflich den ganzen Tag Geld auf der Bank. Er ist deshalb vermutlich der Ansicht, dass sich die Welt in Zahlen ausdrücken lassen müsste. Bei mir ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass ich mich inzwischen zu 66,3 Prozent in eine Tiketaketokerin verwandelt habe und dringend einen vernünftigen Beruf ergreifen sollte.
Sein Rat an mich lautete:
„Ruf Ursula von der Leyen in Brüssel an. Die mag auch Pferde.“
Ich habe darüber nachgedacht und beschlossen, seinem Rat zumindest teilweise zu folgen.
Denn Pferde verbinden uns. Sie brauchen keine Pressekonferenz, keinen Gipfelbeschluss und keine fünfzehnseitige Erklärung, um zu zeigen, dass Vertrauen wichtiger ist als Macht. Man muss ihnen aufrichtig begegnen. Und man kann ihnen nichts vormachen, nur weil man den richtigen Titel trägt.
Über RIEFUNKE und seine Texte müssen wir übrigens nicht reden. Manche Dinge darf man lesen, ohne sie anschließend in einem Arbeitskreis zu zerreden. Vielleicht verstehen wir sie gerade deshalb.
Ich werde also nach Brüssel kommen. Mit dem Fahrrad.
Das ist vielleicht nicht die übliche Form der europäischen Diplomatie. Aber ich finde, dass man nicht jede Angelegenheit mit einem Dienstwagen beginnen muss. Manchmal ist es sogar ganz hilfreich, die Strecke selbst zurückzulegen. Dabei bekommt man einen anderen Blick auf die Welt – und vielleicht auch auf sich selbst.
Meine Bitte an Sie ist bescheiden: Holen Sie mich bitte am Bahnhof ab.
Ich werde mein Fahrrad dabeihaben und vermutlich einige Gedanken, die sich während der Fahrt angesammelt haben. Sie brauchen keine große Delegation mitzubringen. Ein freundlicher Empfang genügt. Und wenn zufällig irgendwo ein Pferd in der Nähe wäre, würde ich das selbstverständlich als gutes Zeichen betrachten.
Was meinen Papa betrifft, werde ich ihm später berichten, dass ich mich beruflich weiterentwickelt habe: von 66,3 Prozent Tiketaketokerin zu einer Frau, die mit dem Fahrrad bis nach Brüssel gefahren ist, um über Pferde zu sprechen.
Das dürfte seine Berechnungen vor eine neue Herausforderung stellen.
Vielleicht wird er dann feststellen, dass sich nicht alles, was keinen unmittelbaren Ertrag verspricht, auch als Verlust verbuchen lässt.
Bis dahin verbleibe ich mit herzlichen Grüßen, einer gewissen Reiselust und der festen Überzeugung, dass Europa groß genug sein sollte für Menschen, die nicht auf gewöhnlichen Wegen ankommen.
Ihre
Fahrradfahrerin mit Pferdeverständnis und 66,3 Prozent Tiketaketokerin