GOETHE UND DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN
Nummer 1 bis 8 und der Befehl, der nicht gehorcht werden wollte
Ein pazifistischer RIEFUNKE-Dialog über Gehorsam, Gewissen und den Mut, Nein zu sagen
Goethe saß in seinem Lehnstuhl.
Auf seinem Schoß saßen Nummer 1, Nummer 2, Nummer 3, Nummer 4, Nummer 5, Nummer 6, Nummer 7 und Nummer 8.
Nummer 1 hatte eine Frage.
Nummer 2 hatte gleich drei.
Nummer 3 hatte einen Keks.
Nummer 4 wollte wissen, ob Kekse eigentlich unter das Völkerrecht fielen.
Nummer 5 erklärte sich zum Oberbefehlshaber über sämtliche Krümel.
Nummer 6 widersprach.
Nummer 7 zeichnete einen Schlachtplan für die Verteidigung des Kekstellers.
Nummer 8 saß ganz still und lauschte.
Da klopfte es an der Tür.
Draußen stand ein Soldat.
Er trug eine Uniform und hielt ein Blatt Papier in der Hand.
„Herr Goethe“, sagte er, „ich habe ein Problem.“
Goethe bat ihn herein.
„Was für ein Problem?“
Der Soldat hielt das Blatt hoch.
„Ich habe einen Befehl bekommen. Ich soll ein Dorf räumen lassen. Die Menschen müssen ihre Häuser verlassen, obwohl sie niemandem etwas getan haben. Wer sich weigert, soll mit Gewalt hinausgebracht werden.“
Die acht Wäscheklammerkinderchen hörten auf, über den Keks zu streiten.
Nummer 1 fragte:
„Warum sollen die Menschen weg?“
„Der Befehl nennt militärische Gründe.“
Nummer 2 runzelte die Stirn.
„Welche Gründe?“
„Das weiß ich nicht genau.“
Nummer 3 legte seinen Keks beiseite.
„Und was passiert mit den Menschen, wenn sie ihre Häuser verlassen müssen?“
Der Soldat sah auf den Boden.
„Sie wissen nicht, wohin sie gehen sollen.“
Nummer 8 rückte näher an Goethe heran.
„Und du sollst ihnen trotzdem sagen, dass sie verschwinden müssen?“
Der Soldat nickte.
„Ich bin Soldat. Ich muss Befehle befolgen.“
Goethe strich sich über das Kinn.
„Müssen? Oder hast du gelernt, dass du musst?“
Der Soldat blickte auf.
„Das ist doch dasselbe.“
„Ist es das?“
Nummer 4 schüttelte den Kopf.
„Wenn ich Nummer 5 sage, er soll mir seinen Keks geben, muss Nummer 5 dann gehorchen?“
Nummer 5 presste den Keks an seine Brust.
„Nicht im Traum!“
„Aber ich bin größer als du“, sagte Nummer 4.
„Dann bist du größer. Das macht den Keks noch lange nicht zu deinem.“
Goethe lächelte.
„Ein guter Anfang, Nummer 5.“
Der Soldat aber blieb ernst.
„Bei uns ist das anders. Ein Befehl kommt von oben. Wenn jeder selbst entscheidet, ob er gehorcht, funktioniert die ganze Armee nicht mehr.“
Goethe nickte.
„Du hast recht, dass eine Armee ohne verlässliche Befehlsstrukturen nicht funktionieren kann. Aber daraus folgt nicht, dass jeder Befehl richtig ist.“
Nummer 6 hob die Hand.
„Wenn der Chef befiehlt, dass alle aus dem Fenster springen, muss dann der Letzte auch springen?“
„Nein“, sagte Goethe.
„Auch nicht, wenn der Chef sehr laut schreit?“
„Auch dann nicht.“
Nummer 7 ergänzte:
„Und auch nicht, wenn der Chef einen besonders schönen Hut trägt?“
„Der Hut ist für die Beurteilung des Befehls ohne Belang“, sagte Goethe.
Nummer 3 betrachtete den Soldaten.
„Warum gehorchst du dann?“
Der Soldat schwieg.
Dann sagte er:
„Weil ich Angst habe.“
„Wovor?“, fragte Nummer 8.
„Vor Strafe. Vor meinen Vorgesetzten. Davor, meine Kameraden im Stich zu lassen. Davor, selbst als Feigling zu gelten.“
Nummer 1 sah ihn an.
„Und hast du keine Angst vor dem, was den Menschen im Dorf passieren könnte?“
Der Soldat schloss die Augen.
„Doch.“
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann fragte Nummer 2:
„Welche Angst ist größer?“
Der Soldat antwortete nicht.
Goethe ließ ihm Zeit.
Schließlich sagte der Soldat:
„Ich weiß es nicht mehr.“
Goethe nickte langsam.
„Wenn Menschen lange genug lernen, dass Gehorsam wichtiger sei als ihr eigenes Urteil, kann es geschehen, dass sie ihre Verantwortung kaum noch wahrnehmen. Sie sagen dann: Der Befehl kam von oben. Die Entscheidung lag nicht bei mir.“
Nummer 4 fragte:
„Aber wer hat denn dann entschieden?“
„Derjenige, der den Befehl gegeben hat, trägt Verantwortung. Doch wer ihn ausführt, kann ebenfalls Verantwortung tragen. Wie groß sie ist, hängt unter anderem davon ab, was er wusste, welche Möglichkeiten er hatte und welchem Druck er ausgesetzt war.“
Nummer 5 hob seinen Keks.
„Also kann man die Verantwortung nicht einfach wie einen Keks weiterreichen?“
„Nein“, sagte Goethe. „Und auch nicht wie einen besonders unbeliebten Keks.“
Nummer 3 lachte kurz.
Der Soldat lächelte nicht.
„Ihr versteht nicht, wie schwierig das ist. Ich kann nicht einfach tun, was ich will.“
Goethe sah ihn ernst an.
„Das verlangt auch niemand. Es geht nicht darum, dass jeder Befehl nach persönlichem Geschmack befolgt wird. Es geht darum, dass ein Mensch nicht aufhören darf, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden.“
Nummer 8 fragte:
„Und wenn der Befehl eindeutig Unrecht verlangt?“
„Dann darf man sich nicht hinter dem Befehl verstecken.“
„Auch wenn man dafür bestraft wird?“, fragte Nummer 1.
Goethe schwieg einen Augenblick.
„Ja. Manchmal verlangt das Gewissen einen Mut, dessen Preis man nicht kleinreden darf. Wer unter Zwang handelt, befindet sich möglicherweise in einer furchtbaren Lage. Wir sollten es uns nicht leicht machen, von außen über solche Menschen zu urteilen. Aber die Angst vor Strafe verwandelt Unrecht nicht in Recht.“
Nummer 6 zog die Beine an.
„Das ist ungerecht.“
„Was genau?“, fragte Goethe.
„Dass ein Mensch vielleicht bestraft wird, weil er etwas Richtiges tut.“
Goethe nickte.
„Ja. Auch das ist ungerecht. Darum brauchen wir Institutionen, die Menschen schützen, wenn sie rechtswidrige Befehle verweigern, Missstände melden oder sich gegen Unrecht stellen.“
Nummer 7 schrieb auf einen Zettel:
WER NEIN SAGT, BRAUCHT MANCHMAL SELBST SCHUTZ.
Nummer 2 las den Satz vor.
„Das heißt, wir dürfen nicht nur den Mut bewundern. Wir müssen auch dafür sorgen, dass Menschen diesen Mut überhaupt aufbringen können.“
„Sehr gut“, sagte Goethe.
Nummer 3 sah den Soldaten an.
„Kannst du den Befehl nicht einfach zurückgeben?“
Der Soldat blickte auf das Blatt.
„Ich könnte nachfragen. Ich könnte verlangen, dass mir die Gründe erklärt werden. Ich könnte melden, dass die Menschen dadurch in Gefahr geraten.“
Nummer 4 fragte:
„Und wenn die Antwort lautet: Mach einfach, was man dir sagt?“
„Dann müsste ich weiter überlegen, welche rechtmäßigen Möglichkeiten mir bleiben.“
Goethe nickte.
„Du solltest die konkrete Gefahr für die Menschen ernst nehmen, dich um eine sichere Lösung bemühen und gegebenenfalls rechtlichen Rat oder Hilfe von zuständigen Stellen suchen. Wenn ein Befehl offensichtlich rechtswidrig ist, darfst du ihn nicht allein deshalb ausführen, weil er von einem Vorgesetzten stammt.“
Nummer 5 schob den Keks von einer Hand in die andere.
„Und wenn der Befehl lautet, Menschen zu töten, die niemandem etwas tun?“
Goethe wurde sehr ernst.
„Ein Befehl ist keine moralische Waschmaschine, in die man eine Tat hineinwirft, damit sie hinterher sauber herauskommt.“
Nummer 3 riss die Augen auf.
„Eine moralische Waschmaschine!“
Nummer 7 schrieb sofort mit.
„Das muss in unser Wörterbuch.“
Goethe fuhr fort:
„Wer Kriegsverbrechen begehen soll, darf sich nicht auf Gehorsam berufen, um das Unrecht zu rechtfertigen. Auch das Recht unterscheidet zwischen rechtmäßigen und rechtswidrigen Befehlen. Die genauen Pflichten und Möglichkeiten hängen von der Situation und dem anwendbaren Recht ab.“
Nummer 8 sah den Soldaten an.
„Du könntest also Nein sagen.“
Der Soldat atmete schwer.
„Vielleicht.“
„Und wenn du Nein sagst, bist du dann ein Feigling?“, fragte Nummer 1.
Der Soldat schüttelte langsam den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
Nummer 6 rutschte von Goethes Schoß.
„Dann frage ich anders. Was ist mutiger? Etwas zu tun, weil alle es von dir verlangen? Oder etwas nicht zu tun, obwohl alle es von dir verlangen?“
Der Soldat betrachtete das Kind.
„Manchmal ist das Zweite mutiger.“
„Und manchmal?“, fragte Nummer 4.
„Manchmal muss man gehorchen, weil der Befehl Menschen schützt und eine notwendige Aufgabe erfüllt.“
Goethe lächelte.
„Sehr richtig. Mut bedeutet nicht, grundsätzlich gegen jede Anweisung zu sein. Ein Arzt muss sich an medizinische Standards halten. Ein Feuerwehrmann muss im Einsatz verlässlich mit anderen zusammenarbeiten. Ein Soldat kann verpflichtet sein, rechtmäßige Befehle auszuführen. Aber Verantwortung verschwindet nicht, nur weil jemand eine Rangordnung geschaffen hat.“
Nummer 2 nickte.
„Also brauchen wir nicht weniger Denken, sondern mehr.“
„Genau.“
Nummer 5 sprang auf.
„Ich habe einen Vorschlag!“
„Das lässt sich nicht verhindern“, murmelte Nummer 4.
„Wir schreiben allen Menschen in Uniform einen Zettel.“
Nummer 7 holte Papier.
Nummer 5 diktierte:
LIEBE MENSCHEN IN UNIFORM!
Ihr dürft Befehle entgegennehmen.
Ihr dürft mit anderen zusammenarbeiten.
Ihr dürft eure Aufgaben ernst nehmen.
Aber vergesst niemals, dass auch die Menschen außerhalb eurer Uniform Menschen sind.
Fragt nach, wenn etwas unklar ist.
Prüft, ob ein Befehl rechtmäßig ist.
Schützt Menschen, die in Gefahr sind.
Meldet Unrecht.
Und wenn man von euch verlangt, etwas offensichtlich Unrechtes zu tun, dann denkt daran:
Euer Gewissen ist kein Gegenstand, den ihr beim Dienstantritt an der Garderobe abgeben müsst.
Nummer 8 fügte hinzu:
UND WER NEIN SAGEN WILL, SOLL NICHT ALLEIN GELASSEN WERDEN.
Goethe las den Zettel zweimal.
„Das ist gut.“
Nummer 1 fragte:
„Reicht ein Zettel?“
„Nein“, sagte Goethe. „Aber manchmal ist ein Zettel ein Anfang. Es braucht außerdem klare Gesetze, unabhängige Gerichte, verantwortliche Vorgesetzte und eine Gesellschaft, die Menschen nicht zu Helden erklären muss, nur weil sie sich weigern, Unrecht zu tun.“
Der Soldat stand langsam auf.
„Ich werde zurückgehen und nachfragen. Ich werde versuchen, eine Lösung zu finden, bei der die Menschen nicht einfach schutzlos aus ihren Häusern vertrieben werden.“
Goethe nickte.
„Und wenn du erkennst, dass von dir rechtswidriges Handeln verlangt wird, musst du die entsprechenden rechtlichen Wege nutzen, um es zu verweigern und die Betroffenen zu schützen.“
Nummer 3 gab dem Soldaten den Keks.
„Für unterwegs.“
Der Soldat sah überrascht auf das Gebäck.
„Warum gibst du mir deinen Keks?“
Nummer 3 zuckte mit den Schultern.
„Weil ich möchte, dass du dich daran erinnerst, dass Menschen keine Befehlsnummern sind.“
Der Soldat steckte den Keks vorsichtig ein.
„Danke.“
Dann ging er.
Die acht Wäscheklammerkinderchen blieben auf Goethes Schoß sitzen.
Eine Weile hörten sie nur dem Ticken der Uhr zu.
Schließlich fragte Nummer 8:
„Goethe, warum lernen Menschen eigentlich so lange, Befehle zu befolgen, und so wenig, wann sie Nein sagen müssen?“
Goethe blickte auf seine acht kleinen Gäste.
„Weil Gehorsam häufig bequem ist. Er nimmt uns scheinbar die Last der Entscheidung ab. Wir können sagen, jemand anderes habe entschieden. Doch gerade in schwierigen Zeiten müssen Menschen lernen, dass Verantwortung nicht vollständig an andere abgegeben werden kann.“
Nummer 4 fragte:
„Und wenn jeder nur seinem eigenen Gewissen folgt? Könnte dann nicht jeder behaupten, er habe recht?“
„Deshalb genügt das persönliche Gewissen allein nicht. Wir brauchen überprüfbare Tatsachen, gemeinsame Gesetze, Menschenrechte und unabhängige Institutionen. Gewissen muss sich auch befragen lassen.“
Nummer 7 nickte.
„Also weder blind gehorchen noch blind sich selbst glauben.“
„Ein hervorragender Satz“, sagte Goethe.
Nummer 1 legte den Kopf an Goethes Arm.
„Ich möchte in einer Welt leben, in der niemand Angst haben muss, das Richtige zu tun.“
Nummer 2 nahm Nummer 1 an der Hand.
Nummer 3 holte seinen Keks zurück, weil er sich inzwischen überlegt hatte, dass der Soldat ihn vielleicht doch lieber behalten sollte.
Nummer 4 erklärte, dies sei ein interessanter Fall von nachträglicher Eigentumsrevision.
Nummer 5 fragte, ob man für die Revision eine Kommission brauche.
Nummer 6 sagte, dass es langsam reiche.
Nummer 7 schrieb den Satz von Nummer 1 auf.
Und Nummer 8 fragte:
„Goethe, glaubst du, dass wir irgendwann so weit sein werden?“
Goethe blickte aus dem Fenster.
„Ich weiß es nicht, mein Kind. Aber ich weiß, dass eine friedlichere Welt Menschen braucht, die nicht nur fragen, wer ihnen etwas befohlen hat, sondern auch, was ihre Handlungen bewirken.“
Er nahm die acht Kinderchen in die Arme.
„Und vielleicht beginnt die große Veränderung manchmal mit einem kleinen Satz.“
Nummer 1 fragte:
„Mit welchem?“
Goethe antwortete:
„Ich muss darüber nachdenken, bevor ich es tue.“
Nummer 2 ergänzte:
„Und wenn es Unrecht ist?“
Nummer 8 antwortete:
„Dann muss ich den Mut finden, Nein zu sagen.“
Draußen ging die Sonne unter.
Irgendwo marschierten Soldaten.
Irgendwo schrieben Menschen Befehle.
Irgendwo warteten Familien darauf, dass jemand eine Entscheidung traf, die ihr Leben verändern würde.
Und irgendwo stand ein einzelner Mensch vor einer schwierigen Wahl.
Er konnte sagen: Ich habe nur getan, was man mir befohlen hat.
Oder er konnte fragen: Was geschieht mit den Menschen, wenn ich es tue?
Goethe strich Nummer 8 über den Kopf.
„Meine lieben Wäscheklammerkinderchen, merkt euch: Frieden braucht Menschen, die zusammenarbeiten. Aber er braucht ebenso Menschen, die erkennen, wann Zusammenarbeit zur Beihilfe am Unrecht wird.“
Nummer 5 hob die Hand.
„Goethe?“
„Ja?“
„Wenn du mir befiehlst, den letzten Keks abzugeben, muss ich dann gehorchen?“
Goethe lächelte.
„Nein.“
Nummer 5 atmete erleichtert auf.
„Warum nicht?“
„Weil ich ihn selbst gern essen würde.“
Acht Wäscheklammerkinderchen brachen in schallendes Gelächter aus.
Und Goethe lachte mit.
Denn selbst in der ernstesten Frage der Menschheit darf gelegentlich ein Keks vorkommen.
Nur eines darf niemals fehlen:
Der Mensch, der den Mut hat, selbst zu denken.
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