Die Ankunft der Klavierexperten – ein Messereignis vor der Scrollstube
Man hörte zunächst ein leises elektrisches Surren.
Dann bog ein Tesla um die Ecke.
Auf dem Dach des Elektrofahrzeugs lag ein Klavier.
Daneben lag eine krumme Leiter.
Niemand wusste, wie beides dort hinaufgekommen war. Niemand wusste, ob die Leiter jemals gerade gewesen war. Und niemand wagte die Frage zu stellen, ob das Klavier während der Fahrt gesichert worden war. Es war schließlich ein Tesla, und Tesla bedeutet Fortschritt. Jedenfalls dann, wenn man nicht genauer hinsieht.
Am Steuer saß Oliver Hardy, genannt Ollie, mit jener Miene, die gewöhnlich ankündigte, dass alles unter Kontrolle sei. Auf dem Beifahrersitz saß Stan Laurel, genannt Stan, und betrachtete die krumme Leiter mit wachsender Besorgnis. Er schien etwas sagen zu wollen, ließ es dann aber bleiben. Stan hatte im Laufe seines Lebens gelernt, dass manche Katastrophen durch Worte nicht mehr aufzuhalten sind.
Vor der Scrollstube standen sämtliche Kinderchen mit ihren Limonadengläsern.
Es wurde still.
Der Butler trat vor. Er trug seine würdevolle Haltung wie einen frisch gebügelten Frack und betrachtete die Dachladung mit jener professionellen Zurückhaltung, die man sich nur durch jahrelange Erfahrung mit unmöglichen Gästen aneignen kann.
„Meine Herren“, sagte er, „wir hatten Sie zum Klaviertransport eingeladen.“
Ollie stieg aus, strich sich die Jacke glatt und blickte zum Dach.
„Selbstverständlich“, sagte er. „Ein Klaviertransport ist eine Angelegenheit, die man mit Sachverstand, Erfahrung und einer gewissen Autorität angehen muss.“
Stan stieg ebenfalls aus. Er blickte auf das Klavier, dann auf die Leiter, dann auf die Dachluke der Scrollstube.
„Ollie“, sagte er vorsichtig, „ich glaube, die Leiter ist krumm.“
Ollie sah ihn an.
„Stan, sie ist nicht krumm. Sie ist den örtlichen Gegebenheiten angepasst.“
In diesem Augenblick erschien Mertens.
Mertens war nicht einfach erschienen. Mertens war mit einem Messgerät erschienen.
Er hielt es mit beiden Händen vor sich, als hätte er soeben eine bislang unbekannte Naturkraft entdeckt. Das Gerät besaß eine Anzeige, mehrere Knöpfe und eine Skala, deren Bedeutung selbst Mertens nur teilweise durchschaute. Trotzdem war er ganz außer sich.
„Nicht bewegen!“, rief er. „Niemand bewegt irgendetwas! Ich muss erst messen!“
Alle erstarrten.
Ein Kindchen hielt die Limonade mitten auf dem Weg zum Mund an. Der Butler zog die Augenbrauen hoch. Stan blieb mit einem Fuß auf dem Trittbrett stehen. Ollie sah aus, als hätte ihm jemand soeben die persönliche Zuständigkeit für die Schwerkraft übertragen.
Mertens näherte sich dem Tesla.
Er maß den Abstand zwischen Klavier und Dachkante. Er maß die Krümmung der Leiter. Er maß die Entfernung zur Dachluke. Anschließend richtete er das Gerät auf den Butler, was dieser mit einer kaum merklichen, aber tief empfundenen Missbilligung quittierte.
„Interessant“, murmelte Mertens.
„Was ist interessant?“, fragte der Butler.
„Das weiß ich noch nicht. Aber das Messgerät reagiert.“
„Worauf?“
Mertens blickte auf die Anzeige.
„Auf die Gesamtsituation.“
Das war ein Satz, der allen einleuchtete und niemandem weiterhalf.
Ollie verschränkte die Arme.
„Nun, Mertens, ich darf doch annehmen, dass Sie uns sagen können, ob das Klavier durch die Dachluke passt.“
Mertens hob den Zeigefinger.
„Das hängt davon ab, ob wir die Dachluke als Öffnung, als Durchgang oder als vorübergehenden Zustand betrachten.“
Stan nickte langsam. Er schien den Satz verstanden zu haben, obwohl er ihn nicht verstand.
Der Butler räusperte sich.
„Darf ich die Herren daran erinnern, dass sämtliche Kinderchen seit geraumer Zeit mit Limonade warten?“
Da kam Bewegung in die Versammlung.
Die Gläser wurden verteilt. Ein Kindchen bot Stan einen Strohhalm an. Stan nahm ihn dankbar entgegen und versuchte, die Limonade zu trinken, ohne dabei das Klavier aus den Augen zu lassen. Ollie hingegen betrachtete die Dachluke, als wolle er ihr durch bloße Autorität beibringen, größer zu werden.
Mertens maß weiter.
Dann ertönte ein Piepen.
Er blickte auf das Gerät.
Noch ein Piepen.
Mertens wurde blass.
„Meine Herren“, sagte er mit bebender Stimme, „wir haben ein Problem.“
Ollie schloss kurz die Augen.
„Stan“, sagte er, „ich wusste, dass es so weit kommen würde.“
Stan sah ihn verwundert an.
„Aber Ollie, wir sind doch gerade erst angekommen.“
Mertens hielt das Messgerät hoch.
„Die krumme Leiter ist nicht das Problem.“
Alle sahen ihn an.
„Das Klavier auch nicht.“
Der Butler legte den Kopf schief.
„Und was ist dann das Problem, Mertens?“
Mertens drehte das Gerät um, betrachtete die Rückseite und flüsterte:
„Ich habe vergessen, was ich eigentlich messen wollte.“
In der Ferne begann jemand zu lachen.
Dann lachten die Kinderchen.
Dann lachte Stan.
Und schließlich lachte sogar der Butler, obwohl er sich alle Mühe gab, es wie ein höfliches Räuspern aussehen zu lassen.
Nur Ollie lachte nicht.
Er blickte auf das Klavier, auf die krumme Leiter und auf die Dachluke.
Dann sagte er den Satz, der in die Geschichte der Scrollstube eingehen sollte:
„Nun gut. Dann werden wir eben improvisieren.“
Stan stellte sein Limonadenglas ab.
Der Butler trat einen Schritt zurück.
Mertens schaltete das Messgerät aus und wieder ein.
Und irgendwo, hoch oben auf dem Tesla-Dach, begann das Klavier ganz leise zu verrutschen.
Fortsetzung folgt.