Der Mensch, der nirgendwo ankommt
Der Zug hielt um 23:17 Uhr.
Der Mann stieg ein, wie er es seit elf Jahren jeden Abend tat. Er setzte sich ans Fenster, legte die Hände auf die Knie und wartete, bis die Türen sich schlossen.
Der Zug fuhr an.
Draußen glitten beleuchtete Fenster vorbei. Hinter jedem Fenster ein Zimmer, hinter jedem Zimmer ein Mensch, der glaubte, sein Leben gehöre ihm.
Der Mann kannte diese Strecke. Er kannte die Brücke mit dem fehlenden Geländer, die Fabrik mit den drei roten Lampen und den verwilderten Garten, in dem im Winter ein einzelner Plastikstuhl stand.
Er wusste nicht, wo er wohnte.
Das war kein plötzliches Unglück gewesen. Es gab keinen Unfall, keine Krankheit, keinen Morgen, an dem er aufgewacht wäre und seinen Namen vergessen hätte. Er erinnerte sich an seine Kindheit, an den Geruch nasser Wolle, an die Stimme seiner Mutter, wenn sie ihn zum Essen rief. Er erinnerte sich an eine Frau, die einmal neben ihm eingeschlafen war und im Schlaf seinen Namen gesagt hatte.
Nur die Adresse fehlte.
Er hatte es zunächst für eine Kleinigkeit gehalten. Eine Straße, eine Hausnummer. Man konnte sie herausfinden. Er hatte die Polizei gefragt, später die Behörden, schließlich einen Arzt. Alle hatten ihn freundlich angesehen. Einer hatte ihm geraten, sich auszuruhen.
Also fuhr er Zug.
Nach einigen Wochen bemerkte er, dass die Menschen ihn ansahen.
Nicht lange. Nur kurz, so wie man einen Bekannten betrachtet, dessen Namen man vergessen hat.
Ein älterer Herr nahm einmal seinen Hut ab.
Eine Frau mit einem Kinderwagen lächelte ihm zu und sagte: „Du bist spät dran.“
Er fragte, ob sie ihn kenne.
Sie lachte, als hätte er einen Scherz gemacht.
Am Dienstagabend setzte sich ihm ein kleines Mädchen gegenüber. Es trug einen gelben Mantel und hielt eine Mandarine in beiden Händen.
„Warum kommst du immer wieder?“, fragte es.
Der Mann betrachtete das Kind.
„Wohin?“
„Hierher.“
„Ich fahre nach Hause.“
Das Mädchen schälte die Mandarine. Ein feiner Duft breitete sich zwischen ihnen aus.
„Das sagen alle.“
Dann stieg es aus.
Der Mann sah ihm nach, bis der Zug die nächste Kurve nahm.
Am folgenden Abend beschloss er, nicht einzusteigen. Er blieb auf dem Bahnsteig stehen, während die Türen geöffnet waren. Die Menschen strömten an ihm vorbei. Einige berührten seine Schulter, andere entschuldigten sich.
Dann sah er sie.
Eine junge Frau stand am anderen Ende des Bahnsteigs. Sie trug einen dunklen Mantel und hielt eine Hand vor den Mund. Als sie ihn erkannte, begann sie zu weinen.
Er ging auf sie zu.
„Kennen wir uns?“, fragte er.
Sie nickte.
„Seit wann?“
Sie antwortete nicht sofort. Dann sagte sie: „Seit du gegangen bist.“
„Wohin bin ich gegangen?“
Die Frau schloss die Augen.
In diesem Augenblick öffneten sich hinter ihm die Zugtüren. Das vertraute Signal ertönte. Menschen stiegen ein, Menschen stiegen aus. Der Zug wartete.
„Bitte“, sagte die Frau. „Heute nicht.“
Der Mann sah sie an. Er wollte ihr versprechen, dass er bleiben würde. Er wollte sie fragen, wie sie hieß, wo sie wohnte, warum ihre Stimme ihm so wehtat.
Aber der Zug setzte sich bereits in Bewegung.
Nein.
Nicht der Zug.
Der Bahnsteig begann sich zu entfernen.
Die Frau wurde kleiner. Die Lampen zogen lange gelbe Linien durch die Dunkelheit. Der Mann griff nach der Türklinke, doch seine Hand fand nur Glas.
Und dann begriff er etwas, das er elf Jahre lang nicht hatte begreifen können.
Er saß nicht im Zug.
Er war der Zug.
Er trug die Menschen von einem Ort zum anderen, Nacht für Nacht, ohne selbst irgendwo anzukommen.
Als der Zug um 23:17 Uhr hielt, stieg ein Mann ein.
Er setzte sich ans Fenster, legte die Hände auf die Knie und wartete, bis die Türen sich schlossen.
Der Mann erkannte ihn sofort.
Es war er selbst.
Nur jünger.
Und diesmal wusste der Mann am Fenster, wo er wohnte.
Er beugte sich zu seinem jüngeren Ich und flüsterte die Adresse.
Der Jüngere lächelte.
Dann fragte er:
„Und wer wartet dort auf mich?“
Der Zug fuhr wieder an.
Der Mann hatte keine Antwort.
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