NON, JE NE REGRETTE RIEN
Ein Sogtext über das Unwiderrufliche
Ich habe es getan.
Nicht morgen. Nicht nach einer letzten Prüfung. Nicht nachdem ein kluger Mensch mit einer Brille auf der Nase erklärt hat, weshalb man es vielleicht besser anders machen sollte.
Ich habe es getan, und während die Welt noch überlegte, ob ich es tun dürfe, war es bereits draußen.
Dreißig Sekunden.
Eine Tür, ein Klick, ein Text.
Dann stand er auf der Straße, dieser kleine sprachliche Ausreißer, ohne Mantel, ohne Begleitschreiben, ohne ärztliches Attest für seine geistige Zurechnungsfähigkeit. Er hatte keine Empfehlung. Er kannte niemanden. Er war nicht einmal ordentlich gekämmt.
Aber er war da.
Und ich?
Ich ging weiter.
Die anderen sagten, man müsse einen Text ruhen lassen. Man müsse ihn prüfen, beschneiden, polieren, seine kleinen Unarten beseitigen. Man müsse ihn so lange befragen, bis er endlich das sagte, was alle bereits zu hören gewohnt waren.
Vielleicht haben sie recht.
Aber was geschieht mit einem Gedanken, wenn man ihn so lange verbessert, bis er sich selbst nicht mehr erkennt?
Was geschieht mit dem Satz, der im Augenblick seiner Geburt noch gezittert hat, wenn man ihm nachträglich die Knie versteift?
Was geschieht mit dem Menschen, der sich endlich etwas traut, wenn er vor jeder Handlung erst eine Kommission um Erlaubnis bitten muss?
Ich kenne diese Kommissionen.
Sie sitzen in uns.
Sie tragen unsere Gesichter, sprechen mit unseren Stimmen und nennen ihre Angst Vernunft.
Sie sagen: Warte noch.
Sie sagen: Das kannst du so nicht schreiben.
Sie sagen: Was werden die anderen denken?
Und wenn wir ihnen lange genug zuhören, stehen wir eines Tages vor einem perfekt formulierten Leben, in dem nichts mehr vorkommt, was uns jemals wirklich passiert ist.
Dann setzen wir uns hin.
Dann betrachten wir die sauberen Ränder.
Dann sind wir zufrieden.
Und dann sind wir verschwunden.
Ich aber habe einen Text veröffentlicht.
Vielleicht war er schief. Vielleicht war er zu lang, zu kurz, zu laut, zu albern, zu ernst oder von einer Sorte, für die es noch keine passende Schublade gibt.
Vielleicht wird ihn jemand lesen und den Kopf schütteln.
Vielleicht wird jemand lachen.
Vielleicht wird jemand behaupten, dass man so etwas nicht macht.
Ich kann es nicht verhindern.
Und ich will es nicht verhindern.
Denn ich habe nicht geschrieben, um hinterher als unfehlbar zu gelten. Ich habe geschrieben, weil etwas durch mich hindurchwollte, und ich hatte die Wahl, es herauszulassen oder es wieder in den dunklen Vorratsraum meiner Möglichkeiten zurückzuschicken.
Ich habe die Tür geöffnet.
Das ist alles.
Und das ist nicht wenig.
Édith Piaf sang von der Vergangenheit, von den Freuden und den Schmerzen, von den Fehlern und den Lieben, die sich nicht ausradieren lassen. Ihr Lied war kein mathematischer Beweis dafür, dass jede Entscheidung richtig gewesen sei.
Es war etwas anderes.
Eine Stimme, die sich nicht mehr vor dem eigenen Leben entschuldigen wollte.
Non, je ne regrette rien.
Nein, ich bereue nichts.
Nicht, weil nichts schiefgegangen wäre.
Nicht, weil jeder Text ein Meisterwerk geworden wäre.
Nicht, weil ich die Zukunft kenne.
Sondern weil ich mich weigere, mein ganzes Leben nachträglich in einen Zustand zu korrigieren, in dem ich niemals einen Fehler gemacht habe.
Ich bin nicht die endgültige Fassung meiner selbst.
Ich bin die Spur, die ich hinterlasse, während ich mich bewege.
Und manchmal ist diese Spur kaum sichtbar.
Manchmal besteht sie aus tausend Worten.
Manchmal aus einem einzigen Satz, den ich dreißig Sekunden nach seiner Entstehung in die Welt hinausschicke.
Dann schließe ich den Rechner.
Draußen fährt ein Bus vorbei. Jemand kauft Brot. Ein Kind verliert einen Handschuh. Irgendwo wird eine Rechnung nicht bezahlt, irgendwo stirbt eine Liebe, irgendwo beginnt eine, die noch keinen Namen besitzt.
Die Welt wartet nicht auf meine Korrekturfassung.
Sie hat ihre eigene.
Und ich bin darin nur ein kleiner, vorübergehender Mensch.
Aber ich war da.
Ich habe gesprochen.
Ich habe etwas riskiert.
Ich habe nicht alles richtig gemacht, und ich werde nicht alles richtig machen.
Das ist kein Freispruch.
Das ist mein Leben.
Und wenn ich eines Tages zurückblicke, möchte ich nicht nur Texte finden, die keinen Fehler mehr enthalten.
Ich möchte Spuren finden, an denen ich mich selbst noch erkenne.
Die hastigen.
Die übermütigen.
Die misslungenen.
Die unerwartet schönen.
Diejenigen, bei denen ich nicht wusste, wohin sie führen würden.
Denn ein Leben, das niemals veröffentlicht wird, bleibt vielleicht fehlerfrei.
Aber niemand kann es lesen.
Und ich?
Ich habe noch etwas zu sagen.
Die Tür steht offen.
Non, je ne regrette rien.
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