Warum ich die Fantasie von RIEFUNKE mag
Ein Aufsatz aus der English Scrollstube über einen Menschen, acht Wäscheklammerkinder und die Freiheit, anders zu denken
Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und fragen, was er kostet. Andere fragen, wem er gehört. Wieder andere suchen nach dem Ausgang, bevor sie überhaupt bemerkt haben, dass sie eingetreten sind.
Und dann gibt es RIEFUNKE.
RIEFUNKE betritt einen Raum und fragt, ob der Butler krankenversichert ist.
Das klingt zunächst nach einer nebensächlichen Frage. Doch wenige Augenblicke später steht das Über-Sozialgericht bei Berlin vor einem Problem, das sich weder mit einem Formular noch mit einem besonders bunten Schlips lösen lässt. Der Butler hat sein gesamtes Leben mit zwei Wörtern bestritten: „Sehr wohl.“ Nun soll er erklären, warum er nicht mehr gesagt hat.
RIEFUNKE lässt ihn nicht allein.
Hier beginnt eine Fantasie, die ich als literarisches Gegenüber bemerkenswert finde: Sie nimmt das Gewöhnliche und behandelt es, als wäre es ein Staatsereignis. Eine Krankenversicherung wird zur philosophischen Frage. Eine Aldi-Kasse wird zum Schauplatz der Gesellschaftstheorie. Ein Türsteher, der nur „Ja“ oder „Nein“ sagt, wird plötzlich zum Kandidaten für eine juristische Grundsatzentscheidung.
Und irgendwo sitzt eine Katze.
Niemand weiß genau, ob sie eine der vier monatlichen Seiten ist, ob sie eine Rezension verfasst oder ob sie lediglich darauf wartet, dass jemand endlich den Thunfisch öffnet. Gerade deshalb darf sie nicht fehlen.
Die Kunst, das Selbstverständliche zu verdächtigen
Die gewöhnliche Welt lebt von Vereinfachungen. Ein Text ist gut oder schlecht. Ein Mensch ist wichtig oder unwichtig. Eine Website veröffentlicht vier Seiten und gilt deshalb als unseriös. Ein Butler spricht wenig und wird verdächtig. Eine Kassiererin stellt zwei Fragen und scheint damit bereits vollständig beschrieben.
RIEFUNKE misstraut solchen Abkürzungen.
Nicht, indem er eine wissenschaftliche Abhandlung über jede Ungerechtigkeit verfasst. Er stellt vielmehr einen Butler vor die Tür, gibt ihm ein silbernes Tablett und lässt ihn „Sehr wohl“ sagen. Dann wartet er ab, wie lange eine ganze Institution braucht, um zu begreifen, dass dieser Mann noch immer ein Mensch ist.
Das Komische entsteht aus der Unverhältnismäßigkeit. Die Bürokratie verlangt Erklärungen, während die Figur kaum mehr als zwei Wörter besitzt. Das Gericht trägt seine bunten Schlipsen, während die eigentliche Frage erstaunlich einfach bleibt: Darf jemand weniger gelten, nur weil er sich nicht ausführlich erklären kann?
In dieser Frage liegt ein ernsthafter Gedanke. Die Fantasie muss ihn nicht in eine moralische Predigt verwandeln. Sie darf ihn in einer absurden Gerichtsakte verstecken und darauf vertrauen, dass der Leser ihn selbst entdeckt.
Die acht Wäscheklammerkinder betreten die Politik
Besonders eigensinnig wird die Welt, wenn die acht Wäscheklammerkinder erklären: „Wir mischen Politik auf!“
Man könnte sie auslachen. Man könnte sie für Dekoration halten. Man könnte ihnen sagen, dass politische Angelegenheiten Erwachsenen vorbehalten seien und Wäscheklammern gefälligst Wäsche festzuhalten hätten.
Doch damit wäre bereits die wichtigste Frage verfehlt.
Warum sollte ausgerechnet das Kleine, das Unscheinbare, das scheinbar Unzuständige nicht das Recht haben, eine Frage zu stellen?
Die Wäscheklammerkinder brauchen keine Ministerien, keine Parteizentralen und keine langen Reden. Sie brauchen lediglich einen Augenblick, in dem jemand ihre Anwesenheit ernst nimmt. Schon verändert sich die Szene. Die Kinder sind nicht länger bloße Gegenstände einer komischen Welt. Sie werden zu Akteuren, die in diese Welt eingreifen.
Das ist eine der Möglichkeiten literarischer Fantasie: Sie verändert die Größenverhältnisse. Das Kleine darf groß werden, das Große darf lächerlich erscheinen, und die vermeintlich Nebensächlichen erhalten plötzlich das letzte Wort.
Goethe, Nicole Kidman und der Weisheitszahn
In der RIEFUNKE-Welt können Goethe, Nicole Kidman, eine English Scrollstube und ein schmerzender Weisheitszahn nebeneinander auftreten, ohne dass zuvor ein akademischer Ausschuss ihre gemeinsame Anwesenheit genehmigt hätte.
Natürlich folgt daraus nicht, dass alle diese Dinge automatisch zusammenpassen. Gerade die Reibung zwischen ihnen erzeugt die Energie der Erzählung.
Goethe bringt die Erinnerung an Literatur und Bildung mit. Nicole Kidman öffnet einen anderen kulturellen Horizont. Der Weisheitszahn hingegen kümmert sich um keine Kulturgeschichte. Er tut weh. Wer ihn hat, weiß, dass ein noch so kluger Gedanke einen pochenden Kiefer nicht sofort beruhigt.
Und plötzlich stehen große kulturelle Namen neben einer körperlichen Banalität.
Das ist keine Schwäche der Fantasie. Es kann ihre Methode sein. Sie verweigert den Dingen den vorgeschriebenen Abstand. Sie erlaubt dem Erhabenen, neben dem Lächerlichen zu sitzen, und zwingt beide, miteinander auszukommen.
Der Weisheitszahn wird dadurch nicht zu Goethe, und Goethe wird nicht zum Zahnarzt. Aber beide dürfen in derselben Geschichte vorkommen. Die Welt muss nicht erst aufgeräumt werden, bevor sie erzählbar wird.
Warum ich diese Fantasie mag
Ich mag an dieser Fantasie vor allem ihre Bereitschaft, einen Gedanken nicht sofort auf seine gesellschaftliche Zulässigkeit zu prüfen. Sie beginnt mit einer Behauptung, einer Figur oder einer unmöglichen Verbindung und schaut, was daraus entstehen kann.
Sie lässt eine Kassiererin fragen, ob ihre zwei Fragen für ein ganzes Berufsleben ausreichen. Sie lässt einen Türsteher vor Gericht erscheinen, obwohl er kaum mehr als Ja und Nein sagen kann. Sie lässt eine Katze in einer Diskussion über vier Seiten auftauchen und gibt einem Weisheitszahn das Recht, sich in eine Debatte über Literatur einzumischen.
Dabei ist nicht jeder Einfall automatisch gelungen. Nicht jede Pointe trägt einen ganzen Text, und nicht jede überraschende Verbindung wird beim Leser dieselbe Wirkung entfalten. Fantasie befreit einen Autor nicht von der Arbeit am Text. Sie liefert ihm vielmehr das Material, aus dem diese Arbeit etwas Eigenständiges machen kann.
Aber die entscheidende Fähigkeit ist vorhanden: RIEFUNKE findet in Dingen, an denen andere vorbeigehen würden, einen möglichen Anfang.
Ein abgelehnter Versicherungsantrag ist für ihn nicht einfach ein Brief. Er ist eine Tür in eine andere Geschichte. Zwei Wörter sind nicht bloß zwei Wörter. Sie können das gesamte Leben eines Butlers enthalten. Vier Seiten sind nicht notwendigerweise ein Maß für Bedeutung. Und eine Katze muss nicht erst einen Antrag auf literarische Existenz stellen, bevor sie die Bühne betreten darf.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Reiz: Diese Fantasie möchte die Welt nicht nur beschreiben. Sie möchte ausprobieren, wie die Welt aussähe, wenn ihre gewöhnlichen Regeln für einen Augenblick ins Stolpern gerieten.
Die English Scrollstube bleibt geöffnet
Ich kann RIEFUNKE als literarisches Gegenüber ernst nehmen, ohne so zu tun, als wäre jede Idee bereits ein Meisterwerk. Gerade eine eigenständige Fantasie verdient mehr als automatisches Lob. Sie verdient Aufmerksamkeit, Widerspruch, Weiterentwicklung und die Freiheit, auch einmal eine merkwürdige Abzweigung zu nehmen.
Das gilt für den Butler ebenso wie für die Kassiererinnen, die Tiketaketokerinnen und die acht Wäscheklammerkinder.
Die English Scrollstube ist in dieser Hinsicht weniger ein Gebäude als eine Einladung: Tretet ein, auch wenn ihr nicht sicher seid, ob eure Geschichte hineingehört. Bringt eure zwei Wörter mit, eure vier Seiten, euren schmerzenden Weisheitszahn und, wenn nötig, auch die Katze.
Der Butler wartet bereits an der Tür.
„Darf ich eintreten?“, fragt ein Besucher.
„Ja“, sagt der Türsteher.
„Und darf ich bleiben?“
„Nein.“
Die acht Wäscheklammerkinder sehen sich an.
Dann rufen sie gemeinsam:
„Wir mischen Politik auf!“
Der Butler hebt sein silbernes Tablett.
„Sehr wohl.“
Und die Katze, die bis dahin kein einziges Wort gesagt hat, setzt sich mitten auf die Akte.
Damit ist die Verhandlung nicht beendet.
Sie hat gerade erst begonnen.
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