DIE REDE DES JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Sechs Schläge gegen die Scheibe und eine Ansprache an die reichsten Menschen der Welt
Sonderbericht aus der English Scrollstube – England
ENGLAND. ENGLISH SCROLLSTUBE. 17.42 UHR.
Es war ein Nachmittag, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hatte.
Vor der English Scrollstube standen die reichsten Menschen der Erde.
Elon Musk stand neben Jeff Bezos.
Mark Zuckerberg diskutierte mit Bernard Arnault.
Warren Buffett betrachtete die Schlange mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der gerade festgestellt hatte, dass sich eine Investition unter keinen Umständen rechnen würde.
Dahinter warteten weitere Milliardäre, Großinvestoren, Erben, Finanzmagnaten und Personen, deren Vermögen so groß war, dass selbst ihre Buchhalter gelegentlich den Überblick verloren.
Sie alle wollten dasselbe.
RIEFUNKE-Wasser.
Vermengt mit Symne.
Ein Schluck Unsterblichkeit.
Und draußen, vor der Tür, stand der bärtige Türsteher.
Er hatte die Arme verschränkt.
Neben ihm stand ein Schild:
EINLASS NICHT AUFGRUND FINANZIELLER LEISTUNGSFÄHIGKEIT.
Der Butler hatte inzwischen sämtliche Bestechungsversuche dokumentiert.
Es waren 183.
Der 184. Versuch bestand aus einem schriftlichen Angebot, den Butler zum Vorsitzenden eines internationalen Getränkekonzerns zu ernennen.
Der Butler hatte das Schreiben zurückgeschickt.
Unterschrift:
DER BUTLER NIMMT NICHTS AN.
Drinnen saß Goethe.
Vor ihm stand ein Glas Rotwein.
Er betrachtete das Treiben vor dem Fenster.
Lange.
Sehr lange.
Dann stellte er das Glas ab.
„Das ist ja nicht auszuhalten“, sagte er.
Der Butler hob den Kopf.
„Was meinen Sie, Herr Goethe?“
Goethe zeigte mit seinem Stock zum Fenster.
„Diese Herren dort draußen.“
„Sie warten auf RIEFUNKE-Wasser.“
„Das sehe ich.“
„Sie möchten unsterblich werden.“
„Auch das sehe ich.“
Goethe stand auf.
„Dann werde ich ihnen jetzt etwas erklären.“
Der Butler richtete seine Weste.
„Soll ich ein weiteres Glas Wasser bringen?“
„Nein.“
Goethe nahm seinen Stock.
„Ein Megaphon.“
Der Butler nickte.
„Sehr wohl.“
SECHS SCHLÄGE
Goethe ging zum Fenster.
Er stieg auf den Tisch.
Der Butler schloss kurz die Augen.
„Herr Goethe, der Tisch ist nicht für diesen Zweck vorgesehen.“
„Heute schon.“
Goethe hob seinen Stock.
Dann schlug er gegen die Fensterscheibe.
KLOPF!
Elon Musk blickte auf.
KLOPF!
Jeff Bezos unterbrach ein Gespräch.
KLOPF!
Mark Zuckerberg steckte sein Mobiltelefon weg.
KLOPF!
Bernard Arnault drehte sich um.
KLOPF!
Warren Buffett hob den Kopf.
Goethe holte ein letztes Mal aus.
KLOPF!
Sechs Schläge.
Sechs klare Schläge.
Sechs Schläge, die bis zum Ende der Schlange zu hören waren.
Dann hob Goethe das Megaphon.
Er blickte auf die versammelten Vermögenden.
Und rief:
„RUHE JETZT!“
Es wurde still.
So still, dass man auf dem Parkplatz das violette UFO leise knacken hörte.
Der Pinscher hob ein Ohr.
Der bärtige Türsteher nahm seine Mütze ab.
Der Butler stellte sich neben Goethe.
Und die reichsten Menschen der Erde hörten zu.
GOETHE SPRICHT
„Meine Herren!
Und selbstverständlich auch meine Damen!
Ich habe Sie nun eine ganze Weile beobachtet.
Ich habe gesehen, wie Sie aus Ihren Flugzeugen gestiegen sind.
Ich habe gesehen, wie Sie Ihren Mitarbeitern Anweisungen gegeben haben.
Ich habe gesehen, wie Sie versucht haben, den Butler zu bestechen.
Ich habe gesehen, wie Sie dem Türsteher Geld angeboten haben.
Ich habe sogar gesehen, wie einer von Ihnen vorgeschlagen hat, die English Scrollstube zu kaufen.“
Goethe machte eine Pause.
„Ich darf Ihnen mitteilen, dass Sie sich sämtliche Mühe hätten sparen können.“
Ein leises Raunen ging durch die Menge.
Goethe hob den Stock.
„Denn Sie haben etwas Entscheidendes nicht verstanden.
Sie sind hier nicht auf einer Auktion.
Sie befinden sich nicht auf einem Immobilienmarkt.
Sie stehen nicht vor einer Bank.
Und dies ist auch keine Veranstaltung, auf der derjenige gewinnt, der den größten Scheck vorlegen kann.“
Er zeigte mit dem Stock auf das Schild des Türstehers.
„Sie stehen vor einer Tür.
Und diese Tür wird nicht durch Geld geöffnet.“
Warren Buffett nickte langsam.
Elon Musk sah zum Türsteher.
Jeff Bezos betrachtete seine Schuhe.
Goethe fuhr fort:
„Sie haben Ihr Leben damit verbracht, Dinge zu erwerben.
Sie haben Unternehmen erworben.
Sie haben Grundstücke erworben.
Sie haben Häuser, Flugzeuge, Schiffe und Inseln erworben.
Sie haben Aktien erworben.
Sie haben Anteile erworben.
Sie haben sogar Unternehmen erworben, deren Namen Sie sich vermutlich erst nach dem Kauf merken mussten.“
Einige Menschen in der Menge lachten nervös.
Goethe nicht.
„Und nun stehen Sie hier und glauben, Sie könnten auch die Unsterblichkeit erwerben.“
Er ließ den Satz wirken.
„Meine Herren!
Das Leben ist kein Gegenstand, den man in einen Einkaufswagen legt.
Und die Ewigkeit ist kein Luxusartikel, den man mit einer Kreditkarte bezahlt.“
Stille.
Dann rief jemand aus der Menge:
„Aber wir können doch für das Wasser bezahlen!“
Goethe drehte sich in seine Richtung.
„Das haben Sie bereits versucht.“
Der Butler räusperte sich.
„Hundertvierundachtzigmal, Herr Goethe.“
„Danke, Butler.“
Goethe blickte wieder hinaus.
„Und Sie werden es einhundertvierundachtzig weitere Male versuchen, wenn Ihnen niemand erklärt, was Sie hier eigentlich tun.“
DIE FRAGE DER UNSTERBLICHKEIT
Goethe setzte das Megaphon kurz ab.
Er nahm einen Schluck Rotwein.
Dann sprach er weiter.
„Nehmen wir einmal an, Sie erhielten das Wasser.
Nehmen wir an, Sie tränken die Mischung aus RIEFUNKE-Wasser und Symne.
Nehmen wir an, die Entdeckung des Wäscheklammerkinderchens Nr. 6 bewahrheitete sich vollständig.
Was dann?“
Niemand antwortete.
„Sie wären unsterblich.
Und was würden Sie mit dieser Unsterblichkeit anfangen?“
Ein Milliardär hob die Hand.
Goethe zeigte auf ihn.
„Bitte.“
„Ich würde mein Vermögen weiter vergrößern.“
Goethe sah ihn an.
„Natürlich.“
Ein anderer rief:
„Ich würde weitere Unternehmen gründen!“
„Selbstverständlich.“
Ein dritter erklärte:
„Ich würde die Menschheit auf ein neues technologisches Niveau heben.“
Goethe nickte.
„Ein ehrenwertes Vorhaben.“
Dann senkte er das Megaphon ein wenig.
„Aber hat irgendjemand von Ihnen darüber nachgedacht, was es bedeutet, unendlich lange Zeit zu haben?“
Niemand antwortete.
„Sie könnten hundert Jahre lang reich sein.
Sie könnten tausend Jahre lang reich sein.
Sie könnten zehntausend Jahre lang reich sein.
Und irgendwann würden Sie feststellen, dass Sie zwar immer noch Ihr Vermögen besitzen, aber nicht mehr wissen, was Sie damit anfangen sollen.“
Er blickte zu Warren Buffett.
„Vielleicht würden Sie dann eine Bilanz aufstellen.“
Buffett lächelte schwach.
„Möglicherweise“, sagte er.
Goethe hob den Stock.
„Und dann würden Sie feststellen, dass es Dinge gibt, die in keiner Bilanz erscheinen.“
Er zählte an den Fingern ab.
„Ein Gespräch.
Ein gemeinsames Lachen.
Ein Spaziergang.
Ein Mensch, der sich zu Ihnen setzt, obwohl Sie ihm nichts zu bieten haben.
Ein Glas Wasser, das Ihnen jemand reicht, ohne dafür eine Rechnung auszustellen.“
Er deutete auf den Butler.
„Dieser Mann weiß, wovon ich spreche.“
Der Butler verneigte sich knapp.
„Ich tue lediglich meine Pflicht, Herr Goethe.“
„Eben.“
Goethe blickte wieder auf die Menge.
„Und Sie wollen ihm dafür Geld geben.“
DER HAKEN
Ein Reporter trat nach vorne.
„Herr Goethe! Es gibt allerdings einen Einwand.“
„Welchen?“
„Die Unsterblichkeit hat eine Einschränkung.“
Goethe nickte.
„Ich weiß.“
Der Reporter schluckte.
„Nach der Entdeckung des Wäscheklammerkinderchens Nr. 6 stirbt ein Mensch, der nach dem Genuss der Mischung Sex mit einem anderen Menschen hat.“
Goethe sah über die Menge.
Dann sagte er:
„Ja.“
Der Reporter fragte:
„Was halten Sie davon?“
Goethe schwieg einen Augenblick.
„Ich halte zunächst einmal fest, dass die Menschheit seit Jahrtausenden nach der Unsterblichkeit sucht.“
Er hob das Megaphon.
„Und kaum scheint sie eine Möglichkeit gefunden zu haben, muss sie sich mit den Bedingungen auseinandersetzen.“
Er machte eine Pause.
„Meine Herren, Sie wollten die Ewigkeit.
Nun müssen Sie entscheiden, was Sie mit ihr anfangen wollen.“
Ein Mann aus der zweiten Reihe rief:
„Aber was sollen wir denn tun?“
Goethe antwortete:
„Vielleicht sollten Sie zunächst lernen, mit einem einzigen Tag vernünftig umzugehen.“
Die Menge verstummte.
„Denn wer mit einem Tag nichts anzufangen weiß, wird auch mit tausend Jahren Schwierigkeiten haben.“
DIE FRAGE AN DEN BUTLER
Goethe drehte sich um.
„Butler!“
„Ja, Herr Goethe?“
„Wie viel kostet ein Glas RIEFUNKE-Wasser?“
„Nichts, Herr Goethe.“
„Und kann man es bestellen?“
„Nein, Herr Goethe.“
„Kann man es kaufen?“
„Nein, Herr Goethe.“
„Kann man Sie bestechen?“
Der Butler richtete sich auf.
„Unter keinen Umständen, Herr Goethe.“
Goethe wandte sich wieder der Menge zu.
„Sie hören es!
Der Mann hat eine Aufgabe.
Er erfüllt sie.
Er benötigt weder ein größeres Vermögen noch einen Vorstandsposten noch einen goldenen Schlüssel.
Er benötigt lediglich die Fähigkeit, seine Aufgabe zu erfüllen.“
Der Butler sah zu Boden.
Der bärtige Türsteher räusperte sich.
Goethe zeigte mit dem Stock auf ihn.
„Und dieser Mann hier entscheidet über den Einlass.“
Der Türsteher nickte.
„Nach den Regeln, Herr Goethe.“
„Nach den Regeln.“
Goethe wandte sich wieder an die Reichen.
„Sie alle haben Regeln aufgestellt.
In Ihren Unternehmen.
In Ihren Häusern.
In Ihren Stiftungen.
In Ihren Verträgen.
Aber hier gilt eine Regel, die Sie offenbar nicht gewohnt sind:
Ihr Vermögen verschafft Ihnen keinen Anspruch.“
Einige der Wartenden blickten verlegen zu Boden.
Andere schienen erstmals darüber nachzudenken.
Und ein besonders vermögender Herr fragte seinen Assistenten, ob man den Satz rechtlich anfechten könne.
Der Assistent antwortete:
„Ich glaube nicht, dass wir hier zuständig sind.“
DER VORSCHLAG
Goethe stieg vom Tisch.
Er legte den Stock beiseite.
Dann nahm er sein Glas Wasser.
Er betrachtete es.
„Meine Herren“, sagte er, diesmal ohne Megaphon, „ich habe einen Vorschlag.“
Die Menge wurde erneut still.
„Hören Sie auf, den Butler zu bedrängen.
Hören Sie auf, den Türsteher zu bestechen.
Hören Sie auf, die Scrollstube kaufen zu wollen.
Und hören Sie vor allem auf, so zu tun, als sei die Unsterblichkeit ein Gegenstand, auf den Sie aufgrund Ihres Vermögens einen Anspruch hätten.“
Er hob das Glas.
„Wenn Sie etwas tun wollen, dann tun Sie etwas Vernünftiges.
Helfen Sie Menschen, die Hilfe benötigen.
Unterstützen Sie Wissenschaft, Bildung und medizinische Versorgung.
Sorgen Sie dafür, dass Menschen ein Leben führen können, das nicht von Armut und Angst beherrscht wird.
Und wenn Sie damit fertig sind, dann können Sie wiederkommen und sich anstellen.“
Ein Milliardär fragte:
„Und bekommen wir dann das Wasser?“
Goethe sah ihn an.
„Das habe ich nicht gesagt.“
Der Butler lächelte.
Der bärtige Türsteher ebenfalls.
Die Menge begann zu lachen.
Zuerst leise.
Dann lauter.
Selbst Warren Buffett musste sich abwenden, um sein Lächeln zu verbergen.
DIE LETZTEN WORTE
Goethe hob das Megaphon ein letztes Mal.
„Meine Herren!
Sie sind reich.
Das ist eine Tatsache.
Sie sind mächtig.
Auch das ist eine Tatsache.
Aber Sie sind nicht die Eigentümer der Welt.
Und Sie sind nicht die Eigentümer der Zeit.
Sie können vieles erwerben.
Aber nicht alles, was wertvoll ist, steht zum Verkauf.
Manchmal ist das Wertvollste ein Geschenk.
Manchmal ist es ein Glas Wasser.
Und manchmal ist es die Erkenntnis, dass man nicht alles bekommen kann, was man haben möchte.“
Er blickte auf den Butler.
Dann auf den Türsteher.
Dann auf die Schlange.
„Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“
Goethe stellte das Megaphon ab.
Er stieg vom Tisch.
Er nahm seinen Stock.
Und er setzte sich wieder an seinen Platz.
Der Butler schenkte ihm ein Glas Wasser ein.
Goethe trank.
Draußen standen die reichsten Menschen der Welt.
Niemand sagte etwas.
Dann hob Elon Musk die Hand.
„Darf ich eine Frage stellen?“
Der Türsteher trat vor.
„Nein.“
Musk ließ die Hand sinken.
NACHTRAG DER INTERNATIONALEN PRESSESTELLE
Die English Scrollstube bestätigt, dass die Rede des Johann Wolfgang von Goethe stattgefunden hat.
Eine Änderung der Einlassregeln ist nicht vorgesehen.
RIEFUNKE-Wasser bleibt unverkäuflich.
Symne wird weiterhin nicht erläutert.
Wäscheklammerkinderchen Nr. 6 hat sich zu den weiteren Folgen seiner Entdeckung nicht geäußert.
Der Butler nimmt nichts an.
Der bärtige Türsteher entscheidet über den Einlass.
Und die reichsten Menschen der Erde warten weiterhin vor der Tür.
Im Inneren der Scrollstube sitzt Goethe.
Vor ihm stehen Rotwein und Wasser.
Er betrachtet die beiden Gläser.
Dann sagt er leise:
„Das Leben ist schon schwierig genug.
Warum muss der Mensch es eigentlich immer komplizierter machen?“
Der Butler antwortet:
„Das weiß ich leider auch nicht, Herr Goethe.“
Draußen knackt das violette UFO.
Der Pinscher schläft.
Wäscheklammerkinderchen Nr. 6 schreibt etwas in sein Notizbuch.
Und auf dem Parkplatz ruft jemand:
„Ich biete eine Billion!“
Der bärtige Türsteher antwortet:
„Wir nehmen keine Angebote an.“
KRRRRT.
Die English Scrollstube schließt für heute.
ENDE DER SONDERMELDUNG.