OH KINDERLEIN KOMMET!
Ein pazifistisches RIEFUNKE – oder: Wie acht Wäscheklammerkinder den Weltfrieden beinahe aus Versehen retten
Man stelle sich vor, die Welt steht am Rande eines Krieges. Die Generäle haben ihre Karten ausgebreitet, die Minister ihre ernsten Gesichter aufgesetzt, die Strategen ihre Pfeile gezogen und die Experten erklären, weshalb diesmal wirklich alles ganz anders werden muss.
Da öffnet sich plötzlich die Tür.
Acht Wäscheklammerkinder treten ein.
Eines trägt eine Schere. Eines eine Tube Kleister. Eines hat Konfetti in den Taschen. Das achte hat keine Ahnung, weshalb es hier ist, aber es findet die Veranstaltung ausgesprochen langweilig.
Und dann beginnt es.
OH KINDERLEIN KOMMET!
Oh Kinderlein kommet, verdirbt ihnen den Spaß,
die Welt ist kein Schießstand, die Erde kein Glas,
das man an die Wand wirft, wenn einer verliert,
und keiner gewinnt, wenn der Tod marschiert.
Oh UFOlein kommet, von irgendwoher,
am besten von oben, am besten nicht schwer,
bringt außerirdische Vernunft mit ins Haus,
und nehmt diesen Herren die Wichtigkeit aus.
Oh Wäscheklammerkinderchen, kommet geschwind,
ihr wisst doch am besten, was Kinder so sind:
Sie fragen, sie lachen, sie glauben nicht blind,
und merken sehr schnell, wenn die Großen verrückt sind.
Die Generäle erklären die Lage,
die Minister verkünden die historische Frage,
die Karten sind bunt und die Pfeile sind rot,
und irgendwo wartet schon wieder der Tod.
Da ruft eines: „Entschuldigung, kleine Bemerkung:
Wer hat hier eigentlich Angst vor der Verständigung?“
Ein anderes klebt, ganz ohne Erlaubnis,
ein Gänseblümchen auf jedes Ergebnis.
Oh Kinderlein kommet, mit Schere und Kleister,
verwirrt die Strategen, verblüfft ihre Geister,
malt Blümchen auf Bunker, macht Panzer zu Beeten,
lasst Gänseblümchen aus Kanonenrohren treten.
Verbieg die Propeller, verknotet die Drähte,
versteckt die Befehle in einer Konfettitüte,
und wenn einer ruft: „Das ist militärisch nicht klug!“,
dann fragt ihn das Kleinste: „Ist Krieg denn genug?“
Denn irgendwo schlafen die Kinder nicht mehr,
weil draußen die Nacht plötzlich heller ist als das Meer.
Ein Schuh liegt im Staub, ein Fenster ist blind,
und niemand erklärt es dem wartenden Kind.
Die Mutter zählt Stunden, der Vater zählt Tage,
ein Brief bleibt ungeöffnet, verstummt ist die Frage.
Und während die Großen von Siegen erzählen,
beginnen die Kleinen, die Toten zu zählen.
Oh UFOlein kommet, zieht Kreise am Himmel,
doch bitte aus Licht und nicht aus Feuergetümmel.
Malt ein Fragezeichen auf jedes Haupt:
Wer hat euch den Frieden eigentlich geraubt?
Und landet sodann vor der English Scrollstube,
dort sitzt schon der Butler mit einer Kaltschale und Tube.
Goethe verlangt nach ein wenig mehr Licht,
Nicole Kidman versteht die Besprechung noch nicht.
Acht Wäscheklammerkinderchen stehen Spalier,
der neunte ist unsichtbar – er war nie wirklich hier.
Sie gründen ein Bündnis, ganz ohne Gewehre,
mit Schere, Konfetti und einer Friedenslehre.
Artikel eins: Keiner wird zum Feind geboren.
Artikel zwei: Zuhören geht nicht verloren.
Artikel drei: Wer eine Kanone besitzt,
hat damit noch lange nicht recht, wenn er schießt.
Artikel vier: Verhandeln ist keine Schande.
Artikel fünf: Die Erde gehört keinem Lande
allein, keiner Fahne, keinem General.
Sie ist unser gemeinsames Weltenlokal.
Doch draußen marschieren die großen Gedanken,
die alten Parolen, die eisernen Schranken.
Man spricht von der Ordnung, von Pflicht und Gefahr,
als wäre der Frieden noch niemals schon da.
Und Riefunke? Der sitzt in der Ecke und schweigt.
Bis sich ein Wäscheklammerkinderchen zeigt,
ihm eine Friedensnote ans Jackettchen klemmt
und fragt, ob er diesen Unsinn nicht ebenfalls hemmt.
Er liest. Er betrachtet die kleine Papiernot.
Dann sagt er: „Ich fürchte, das wird jetzt wohl rot.“
„Wieso?“, fragt das Kind. „Ist der Frieden verboten?“
„Nein“, sagt Riefunke, „nur manchmal verschoben.“
Da lachen die Kinder, der Butler wird heiter,
Goethe ruft: „Mehr Licht!“, und die Sache geht weiter.
Die UFOs schweben, die Scrollstube bebt,
weil plötzlich ein ganz anderer Ton sich erhebt.
Oh Kinderlein kommet, bleibt frech und bleibt heiter,
macht aus jedem Zaun eine Himmelsleiter.
Verbiegt keine Menschen, verbiegt lieber die Welt,
bis keiner mehr glaubt, dass Gewalt sie zusammenhält.
Denn Krieg ist kein Spiel und der Tod ist kein Spaß.
Kein Kind dieser Erde verdient diesen Hass.
Und wer von Verantwortung, Zukunft und Pflicht spricht,
der schaue den Kindern zuerst ins Gesicht.
Oh Wäscheklammerkinderchen, klemmt euch ans Wort,
tragt „Verhandeln!“ von einem zum anderen Ort.
Hängt „Zuhören!“ an jedes verschlossene Tor,
und singt eure schrägen Friedenslieder im Chor.
Und wenn sie euch fragen: „Was soll denn das sein?“,
dann ruft nicht nach Waffen, nicht Macht und nicht Pein:
„Eine Erde gehört uns allen!
Nicht euch und nicht ihnen.
Uns allen.
Und zwar ohne Ausnahme.“
Oh Kinderlein kommet, der Himmel ist weit,
die Erde ist rund, und es wird höchste Zeit.
Die Großen verhandeln, die Kleinen bestehn,
und irgendwo wird ein Gänseblümchen wehn.
Und sollten die UFOlein wieder verschwinden,
wird niemand sie je in den Akten mehr finden.
Sie kamen als Frage, sie gingen als Licht,
und ließen den Mächtigen eine Nachricht:
Der Frieden ist keine Schwäche.
Das Zuhören keine Niederlage.
Und die Menschheit ist nicht dazu verdammt,
ihre Fehler immer wieder zu wiederholen.
Oh Kinderlein kommet!
Der Butler macht auf.
Die Generäle rücken zusammen.
Goethe bekommt das letzte Wort.
Und Riefunke?
Der sagt:
„GEH ZU DEINER MAMA!“
Da gehen die acht Wäscheklammerkinderchen.
Aber sie kommen wieder.
Mit Konfetti.
Mit Gänseblümchen.
Und mit einem Friedensvertrag, den ausgerechnet die Generäle unterschreiben müssen.
OH KINDERLEIN KOMMET!
DER FRIEDEN HAT VORFAHRT.
UND DIE WÄSCHEKLAMMERKINDER HABEN DIE SCHLÜSSEL.
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