DER PASTOR WILL NICHT MEHR VON DER KANZEL HERUNTER!
Ein RIEFUNKE-Kirchen- und Himmelfahrtsspektakel mit 92 Taufgästen, dem Bürgermeisterkind, Symne und einer ausgesprochen besorgten Kirchengemeinde
I. DIE SONNTAGSPREDIGT
Es war Sonntagvormittag in Unterewhresheim.
Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt.
Vorne saß der Bürgermeister mit seiner Ehefrau. Ihr kleines Kind sollte am nächsten Morgen getauft werden.
92 Gäste waren eingeladen.
Der Pfarrer hatte bereits die Taufe vorbereitet.
Das Taufbecken war gereinigt.
Die Taufkerze stand bereit.
Das RIEFUNKEWASSER MIT SYMNE war bereits angekarrt worden.
Der Küster hatte vorsichtshalber drei zusätzliche Kanister in der Sakristei abgestellt.
Man wusste schließlich nie.
Die Predigt begann um 10 Uhr.
Der Pastor sprach über die Nähe Gottes.
Über Demut.
Über das Himmelreich.
Über die Sehnsucht des Menschen nach etwas Höherem.
Dann geschah etwas Ungewöhnliches.
Der Pastor blickte auf die Gemeinde.
Er blickte auf das Kreuz.
Dann blickte er nach oben.
„Liebe Gemeinde“, sagte er plötzlich, „ich glaube, ich bin Gott heute ein kleines Stück näher gekommen.“
Ein Raunen ging durch die Kirche.
„Wie meinen Sie das?“, fragte die Organistin.
Der Pastor breitete die Arme aus.
„Ich stehe auf der Kanzel!“
II. DIE ENTDECKUNG DER HIMMLISCHEN HÖHENLAGE
Der Pastor betrachtete die Gemeinde von oben.
„Hier oben ist alles anders!“
„Was denn?“, rief ein älterer Herr aus der dritten Reihe.
„Die Menschen erscheinen kleiner!“
„Das liegt an der Entfernung!“, rief Frau Krause.
Der Pastor ließ sich nicht beirren.
„Ich habe das Gefühl, dass ich Gott hier näher bin.“
Dann setzte er sich auf den Rand der Kanzel.
„Ich werde vorerst nicht herunterkommen.“
Stille.
Die Organistin ließ die Hände von den Tasten sinken.
Der Küster schaute auf seine Uhr.
Der Bürgermeister flüsterte seiner Frau zu:
„Das kann ja heiter werden.“
III. DIE GEMEINDE GREIFT EIN
Nach einigen Minuten wurde die Situation unübersichtlich.
Der Küster trat vor.
„Herr Pastor, die Predigt ist beendet.“
„Für Sie vielleicht!“
„Aber wir müssen die Kirche vorbereiten.“
„Ich bleibe hier.“
Eine ältere Dame stand auf.
„Kommen Sie jetzt bitte herunter!“
„Nein.“
„Warum denn nicht?“
„Ich bin Gott näher.“
Da erhob sich die gesamte Gemeinde.
Zunächst gingen drei Männer nach vorne.
Dann fünf Frauen.
Schließlich stellte sich eine ganze Gruppe unter die Kanzel.
„KOMM RUNTER!“
„MORGEN IST TAUFE!“
„WIR HABEN 92 GÄSTE!“
Der Pastor hielt sich am Kanzelrand fest.
„Ich kann doch nicht einfach meine himmlische Position aufgeben!“
Der Küster murmelte:
„Das ist jetzt aber wirklich ungünstig.“
IV. DER BÜRGERMEISTER VERLIERT DIE GEDULD
Der Bürgermeister stand auf.
Er war ein ruhiger Mann.
Aber 92 Gäste einzuladen, ohne dass die Taufe stattfinden konnte, war auch für ihn eine Herausforderung.
„Herr Pastor!“
„Ja, Herr Bürgermeister?“
„Morgen wird mein Kind getauft.“
„Das weiß ich.“
„Es kommen 92 Gäste.“
„Das weiß ich ebenfalls.“
„Das RIEFUNKEWASSER MIT SYMNE IST SCHON DA!“
Der Pastor hielt inne.
„Wie bitte?“
„Das Wasser! Es ist bereits angeliefert!“
Der Pastor schaute nach unten.
„Ist es gesegnet?“
Der Küster antwortete:
„Es ist jedenfalls noch nicht ausgelaufen.“
Der Bürgermeister schloss die Augen.
V. SYMNE ERSCHEINT
In diesem Augenblick öffnete sich die Kirchentür.
Symne kam herein.
Sie trug einen kleinen Korb.
Darin lagen acht weiße Schokoladentafeln.
Hinter ihr liefen die acht Wäscheklammerkinderchen.
„Was ist denn hier los?“, fragte Symne.
Die Organistin zeigte nach oben.
„Der Pastor will nicht mehr herunter.“
Symne blickte zur Kanzel.
„Warum nicht?“
Der Pastor erklärte:
„Hier oben bin ich Gott näher.“
Symne dachte nach.
Dann fragte sie:
„Herr Pastor, glauben Sie wirklich, dass Gott nur Menschen hört, die auf einer Kanzel stehen?“
Der Pastor schwieg.
Das kleinste Wäscheklammerkinderchen hob die Hand.
„Dann müsste Gott ja für kleine Menschen besonders weit weg sein.“
Ein anderes ergänzte:
„Und für Würmer erst recht!“
Symne lächelte.
„Vielleicht ist Gott überall dort, wo Menschen einander helfen.“
Die Gemeinde wurde still.
VI. DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN HABEN EINEN PLAN
Das kleinste Wäscheklammerkinderchen trat vor.
„Wir könnten eine Leiter holen.“
Der Pastor erschrak.
„Eine Leiter?“
„Ja.“
„Wozu?“
„Damit Sie wieder herunterkommen.“
„Aber ich möchte doch oben bleiben!“
Das zweite Kindchen fragte:
„Dürfen wir Ihnen wenigstens etwas zu essen bringen?“
„Was habt ihr denn?“
„Weiße Schokolade.“
Der Pastor überlegte.
„Das könnte mich überzeugen.“
Die Rentnerin, die inzwischen ebenfalls eingetroffen war, hob ihren schwarzen Stock.
„Jetzt hören Sie einmal zu, mein lieber Herr Pastor!“
„Ja?“
„Wenn Sie unbedingt höher hinauswollen, dann werden Sie eben Dachdecker! Aber morgen wird getauft!“
Die Gemeinde brach in Gelächter aus.
VII. DER BUTLER UND DAS RIEFUNKEWASSER
Unterdessen hatte der Butler die Taufvorbereitungen überprüft.
Er stand neben den Kanistern.
„Ich muss darauf hinweisen, dass das RIEFUNKEWASSER MIT SYMNE bereits ordnungsgemäß angeliefert wurde.“
Der Bürgermeister nickte.
„Sehr gut.“
„Allerdings gibt es ein kleines Problem.“
„Welches?“
„Der Pastor befindet sich außerhalb der regulären Reichweite des Taufbeckens.“
„Das ist mir bekannt!“
„Dann schlage ich eine organisatorische Lösung vor.“
„Welche?“
„Wir könnten das Taufbecken auf ein kleines Podest stellen.“
Der Küster schaute ihn entsetzt an.
„Dann steht es ja noch höher!“
Der Butler überlegte.
„Das wäre allerdings kontraproduktiv.“
VIII. GOETHE MISCHT SICH EIN
Plötzlich erschien Goethe.
Er hatte eine Flasche Rotwein und eine kleine Schüssel Oliven dabei.
„Was ist denn hier für ein himmlisches Durcheinander?“
Symne erklärte ihm die Situation.
Goethe betrachtete den Pastor.
Dann die Kanzel.
Dann die Gemeinde.
„Mein lieber Herr Pastor“, begann er, „ich darf Ihnen eine philosophische Frage stellen?“
„Bitte.“
„Wenn Sie Gott näher sind, weil Sie höher stehen, müsste dann nicht auch der Küster, wenn er auf eine Leiter steigt, theologischen Fortschritt erzielen?“
Der Pastor schaute ihn an.
Goethe fuhr fort:
„Und wenn der Küster auf das Kirchendach steigt, wäre er dann bereits im Himmel?“
Die Organistin musste lachen.
Der Pastor sah nach oben.
Dann nach unten.
„Das ist eine schwierige Frage.“
Goethe nickte.
„Die meisten guten Fragen sind das.“
IX. DIE ENTSCHEIDUNG
Schließlich wurde eine außerordentliche Kirchenkonferenz einberufen.
Teilnehmer:
Der Pastor.
Der Bürgermeister.
Die Ehefrau des Bürgermeisters.
Der Küster.
Die Organistin.
Symne.
Goethe.
Der Butler.
Die Rentnerin.
Und die acht Wäscheklammerkindchen.
Der Bürgermeister eröffnete:
„Wir müssen eine Lösung finden.“
Symne sagte:
„Vielleicht muss der Pastor gar nicht näher zu Gott kommen.“
„Sondern?“, fragte der Küster.
„Vielleicht muss er einfach wieder näher zu den Menschen kommen.“
Stille.
Das kleinste Wäscheklammerkindchen nickte.
„Wir sind doch alle schon hier.“
Der Pastor blickte auf die Gemeinde.
Dann lächelte er.
„Vielleicht habt ihr recht.“
Er stand auf.
Langsam.
Sehr langsam.
Und stieg von der Kanzel herunter.
Die Gemeinde applaudierte.
Die Rentnerin klopfte mit ihrem Stock auf den Boden.
„NA ALSO!“
X. DIE TAUFE AM MONTAG
Am nächsten Morgen war die Kirche festlich geschmückt.
92 Gäste waren erschienen.
Der Bürgermeister saß in der ersten Reihe.
Die Organistin spielte.
Der Butler hatte das Taufbecken vorbereitet.
Das RIEFUNKEWASSER MIT SYMNE stand bereit.
Die acht Wäscheklammerkindchen saßen in der zweiten Reihe.
Goethe war ebenfalls gekommen.
Er hatte Dijon-Senf mitgebracht.
Niemand wusste warum.
Der Pastor trat vor das Taufbecken.
Er schaute kurz zur Kanzel.
Dann zur Gemeinde.
„Liebe Familie, liebe Gäste, liebe Kinderchen.“
Er machte eine Pause.
„Gestern glaubte ich, ich müsse höher stehen, um Gott näher zu sein.“
Die Gemeinde hörte aufmerksam zu.
„Heute weiß ich: Manchmal muss man einfach herunterkommen, um die Menschen wieder zu sehen.“
Symne lächelte.
Die Taufe begann.
Das Kind des Bürgermeisters erhielt seinen Namen.
Die Gäste applaudierten.
Der Butler reichte ein weißes Tuch.
Die Rentnerin tupfte sich eine Träne aus dem Auge.
Und die acht Wäscheklammerkindchen sangen ein kleines Lied.
XI. DIE LETZTE ÜBERRASCHUNG
Nach der Taufe trat der Bürgermeister zum Pastor.
„Herr Pastor, ich möchte Ihnen danken.“
„Wofür?“
„Dass Sie heute wieder auf dem Boden geblieben sind.“
Der Pastor lächelte.
„Das werde ich mir merken.“
Da meldete sich das kleinste Wäscheklammerkindchen.
„Herr Pastor?“
„Ja?“
„Dürfen wir morgen einmal auf die Kanzel?“
„Natürlich.“
„Und dürfen wir dann auch Gott näher sein?“
Der Pastor beugte sich zu ihm herunter.
„Ihr müsst dafür gar nicht auf die Kanzel.“
Das Kindchen nickte zufrieden.
„Gut. Dann bleiben wir lieber unten. Da gibt es mehr Schokolade.“
XII. DER RIEFUNKE-SCHLUSS
Manchmal stehen Menschen auf Kanzeln und glauben, sie seien dadurch dem Himmel näher.
Manchmal sitzen Menschen im Rollstuhl und haben trotzdem mehr Weitblick als eine ganze Kirchenleitung.
Manchmal braucht es einen Bürgermeister, 92 Gäste, einen Butler, Goethe, Symne und acht Wäscheklammerkindchen, um einen Pastor daran zu erinnern, dass die Kirche kein Aussichtsturm ist.
Und manchmal genügt ein einziges kleines Kind, um eine große theologische Frage zu beantworten:
GOTT MUSS NICHT WEITER OBEN SEIN.
ER DARF AUCH MITTEN UNTER UNS SEIN.
Der Pastor ist wieder unten.
Die Taufe ist vollzogen.
Das RIEFUNKEWASSER MIT SYMNE ist verbraucht.
Der Bürgermeister ist erleichtert.
Der Butler hat seine organisatorischen Pflichten erfüllt.
Goethe hat die Oliven gegessen.
Und die Rentnerin?
Sie hat bereits eine neue Anweisung erteilt:
„HERR PASTOR, NÄCHSTEN SONNTAG PREDIGEN SIE BITTE VOM FUSSBODEN!“
RIEFUNKE!
HÖHER HINAUS IST NICHT IMMER BESSER.
MANCHMAL IST ES VÖLLIG AUSREICHEND, WENN WIR EINANDER AUF AUGENHÖHE BEGEGNEN.
VERKNOTET EUCH!
NICHT GEGENEINANDER.
MITEINANDER.
UND WENN IHR AUF EINER KANZEL STEHT:
VERGESST NICHT, DASS UNTEN AUCH NOCH MENSCHEN SIND.
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