DIE MENSCHHEIT HAT DEN KRIEG NICHT GEHEIRATET!
Eine RIEFUNKE-Revolution in siebenundzwanzig unerhört friedlichen Zwischenfällen
I. Die außerordentliche Sitzung
Es war ein Dienstag.
Dienstage eignen sich besonders gut für Weltrevolutionen, weil montags die meisten Menschen noch mit sich selbst beschäftigt sind und freitags ohnehin niemand mehr richtig zuhört.
Im großen internationalen Konferenzsaal saßen die üblichen Verdächtigen.
Generäle.
Minister.
Strategen.
Sicherheitsexperten.
Drei Herren mit besonders wichtigen Krawatten.
Ein Herr mit besonders unwichtigem Gesichtsausdruck.
Und Dr. Wellenberg, der vorsorglich sieben Aktenordner mitgebracht hatte.
Auf der Tagesordnung stand:
DIE ZUKUNFT DER MENSCHHEIT UNTER BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DER MÖGLICHKEIT, SIE WEITERHIN NICHT AUSZULÖSCHEN.
Der Vorsitzende eröffnete die Sitzung.
„Meine Damen und Herren, wir müssen realistisch bleiben.“
In diesem Augenblick ging die Tür auf.
Die Wäscheklammerkinderchen marschierten herein.
Sie trugen ein Transparent.
Darauf stand:
WIR SIND AUCH REALISTISCH. WIR WOLLEN TROTZDEM LEBEN.
Hinter ihnen kam die Tiketaketokerin.
Sie schob einen übergroßen Hundekorb.
Darin saß Symne.
Das kleine Mädchen hatte inzwischen gelernt, dass Erwachsene erstaunlich viel reden können, ohne eine einzige vernünftige Frage zu beantworten.
Sie betrachtete die Konferenz.
Dann fragte sie:
„Warum habt ihr eigentlich so viele Waffen?“
Der Vorsitzende räusperte sich.
„Zur Sicherung des Friedens.“
Symne dachte nach.
„Und wer sichert den Frieden vor euren Waffen?“
Dr. Wellenberg ließ seinen Kugelschreiber fallen.
Goethe, der sich aus unerfindlichen Gründen ebenfalls im Konferenzsaal befand, schrieb diesen Satz sofort auf.
II. Die Abteilung für unvermeidliche Kriege
Im Untergeschoss des Gebäudes befand sich die Abteilung für unvermeidliche Kriege.
Dort arbeiteten 438 Menschen.
Ihre Aufgabe bestand darin, täglich nachzuweisen, warum ein Krieg, den niemand wollte, leider trotzdem stattfinden müsse.
Es gab dort Formulare für Grenzstreitigkeiten.
Formulare für historische Verletzungen.
Formulare für strategische Notwendigkeiten.
Formulare für die gegenseitige Angst.
Und ein besonders umfangreiches Formular für den Fall, dass beide Seiten behaupteten, eigentlich nur Frieden zu wollen.
Die Wäscheklammerkinderchen schlichen sich hinein.
Sie fanden einen Aktenschrank mit der Aufschrift:
FRIEDEN – DERZEIT NICHT ZUSTÄNDIG.
Sie öffneten ihn.
Leer.
Sie öffneten einen zweiten Schrank.
Darin lagen 14.000 Dokumente über die Gründe, warum Frieden schwierig sei.
Aber kein einziges darüber, warum man ihn nicht trotzdem versuchen sollte.
„Das ist ja merkwürdig“, sagte das kleinste Wäscheklammerkinderchen.
„Was?“
„Für den Krieg haben sie einen ganzen Schrank voller Gründe. Für den Frieden nicht einmal einen Ordner.“
Es holte einen rosa Buntstift hervor und schrieb auf die Schranktür:
AB HEUTE ANDERSHERUM.
III. Die große Verwechslung
Unterdessen hatte ein General eine wichtige Pressekonferenz einberufen.
Er erklärte:
„Wir dürfen nicht vergessen, dass Frieden Stärke voraussetzt.“
Ein Journalist fragte:
„Welche Stärke meinen Sie?“
„Militärische Stärke.“
„Und menschliche Stärke?“
Der General sah ihn an.
„Was soll das sein?“
In diesem Augenblick erschien auf der Leinwand hinter ihm ein Video.
Es zeigte zwei Kinder.
Eines lebte in einem Land, das als verbündeter Staat galt.
Das andere lebte in einem Land, das als feindlicher Staat bezeichnet wurde.
Beide waren ungefähr acht Jahre alt.
Beide mochten Schokoladeneis.
Beide hatten Angst vor Gewittern.
Beide wollten später einmal Astronaut werden.
Beide hatten eine Mutter.
Und beide verstanden nicht, weshalb Erwachsene Landkarten betrachteten und darin Menschen in gute und schlechte einteilten.
Der Journalist fragte:
„Herr General, welches dieser Kinder ist der Feind?“
Der General schwieg.
„Und welches darf später sterben, damit das andere sicher leben kann?“
Der General nahm sein Wasserglas.
Er trank.
Das Glas war leer.
Es war ein historischer Augenblick.
Zum ersten Mal hatte ein General Durst, aber keine Antwort.
IV. Das internationale Ministerium für menschliche Vernunft
Am folgenden Morgen wurde ein neues Ministerium gegründet.
Es hieß:
MINISTERIUM FÜR MENSCHLICHE VERNUNFT UND DIE VERHINDERUNG VON DUMMHEIT MIT INTERNATIONALER REICHWEITE.
Die erste Ministerin war eine ehemalige Grundschullehrerin.
Ihr Stellvertreter war ein Gärtner.
Die Pressesprecherin war eine Frau, die jahrzehntelang zwischen streitenden Nachbarn vermittelt hatte.
Der Sicherheitsberater war ein ehemaliger Sanitäter.
Und die wichtigste Beraterin war Symne.
Sie bekam einen kleinen Schreibtisch.
Darauf standen ein Glas Wasser, drei Buntstifte und eine Schale mit Erdbeeren.
Ihre erste Amtshandlung bestand darin, einen Erlass zu verfassen:
Kein Mensch darf die Vernichtung eines anderen Menschen als politischen Erfolg verbuchen.
Ihre zweite Amtshandlung war schwieriger.
Sie ließ sämtliche Politiker, Generäle und Strategen zu einem gemeinsamen Frühstück einladen.
Es gab Brötchen.
Marmelade.
Käse.
Tee.
Kaffee.
Und eine große Schüssel mit Erdbeerkaugummis.
„Was soll das?“, fragte ein Minister.
„Frühstück“, sagte Symne.
„Aber wir müssen verhandeln!“
„Dann essen Sie erst einmal etwas.“
Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass internationale Verhandlungen mit vollem Mund und ohne Drohungen begannen.
V. Die Revolution der gewöhnlichen Menschen
Die eigentliche Revolution begann allerdings nicht in einem Ministerium.
Sie begann in Küchen.
In Schulen.
In Krankenhäusern.
In Werkstätten.
In Bussen.
Auf Marktplätzen.
In den Wohnzimmern jener Menschen, die morgens aufstehen, arbeiten, ihre Kinder versorgen, ihre Angehörigen pflegen und abends hoffen, dass die Welt am nächsten Morgen noch dieselbe ist.
Eine Mutter sagte:
„Ich möchte nicht, dass mein Sohn lernt, andere Menschen zu hassen.“
Ein Lehrer sagte:
„Ich möchte meinen Schülern beibringen, Fragen zu stellen, statt Befehle blind zu übernehmen.“
Eine Krankenschwester sagte:
„Ich möchte Menschen heilen. Ich möchte nicht irgendwann die Folgen einer politischen Entscheidung behandeln müssen, die niemand mehr rückgängig machen kann.“
Ein alter Mann sagte:
„Ich habe einen Krieg überlebt. Ich möchte nicht, dass meine Enkel herausfinden müssen, wie sich das anfühlt.“
Ein junger Mensch sagte:
„Ich möchte meine Zukunft planen können, ohne vorher wissen zu müssen, wo der nächste Einschlag stattfinden wird.“
Und ein kleines Wäscheklammerkinderchen sagte:
„Ich möchte einfach draußen spielen.“
Da wurde es still.
Denn plötzlich war Frieden keine abstrakte Angelegenheit mehr.
Er hatte Gesichter.
Namen.
Wohnungen.
Schulranzen.
Geburtstage.
Und eine Menge ungeöffneter Eispackungen im Gefrierschrank.
VI. Die Abschaffung des Feindes
Es war Symne, die schließlich auf die entscheidende Idee kam.
„Warum“, fragte sie, „nennt ihr Menschen eigentlich Feinde?“
Der Außenminister erklärte:
„Weil sie uns bedrohen können.“
„Sind dann alle Menschen Feinde, die euch bedrohen könnten?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
Der Außenminister überlegte.
„Weil wir sie nicht alle kennen.“
Symne nickte.
„Dann kennt ihr eure Feinde vielleicht einfach nicht gut genug.“
Goethe hob den Kopf.
„Ein bemerkenswerter Gedanke.“
Der Butler brachte Tee.
Die Wäscheklammerkinderchen holten ihre Schilder.
Eines zeigte:
EIN MENSCH IST KEINE GRENZE.
Das zweite:
EINE SPRACHE IST KEINE BEDROHUNG.
Das dritte:
EINE ANDERE FLAGGE IST KEIN GRUND ZUM TÖTEN.
Symne betrachtete die drei Schilder.
Dann fügte sie hinzu:
„Und wenn jemand wirklich etwas Schlimmes tut, muss man das verhindern. Aber man muss deshalb nicht alle anderen Menschen gleich mit hassen.“
Der Außenminister legte seine Unterlagen beiseite.
Vielleicht, dachte er, könnte man tatsächlich einmal damit anfangen, zwischen Menschen und den Entscheidungen ihrer Regierungen zu unterscheiden.
VII. Die neue Sicherheitsdoktrin
Inzwischen hatte das internationale Ministerium seine Arbeit aufgenommen.
Die erste große Untersuchung ergab ein erstaunliches Ergebnis:
Die Menschen fühlten sich nicht nur dann sicher, wenn andere Angst vor ihnen hatten.
Sie fühlten sich auch sicher, wenn sie Zugang zu sauberem Wasser hatten.
Wenn Krankenhäuser funktionierten.
Wenn ihre Kinder zur Schule gehen konnten.
Wenn sie nicht hungern mussten.
Wenn sie eine Wohnung hatten.
Wenn sie ihre Meinung sagen durften.
Wenn ihre Nachbarn nicht als Bedrohung galten.
Wenn Konflikte gelöst werden konnten, ohne dass Menschen sterben mussten.
Ein Sicherheitswissenschaftler betrachtete die Ergebnisse.
„Das ist ja eine völlig andere Definition von Sicherheit.“
Die ehemalige Grundschullehrerin nickte.
„Nein. Vielleicht ist es einfach die Definition, die wir viel zu lange vergessen haben.“
Die Wäscheklammerkinderchen verteilten daraufhin neue Aufkleber.
Darauf stand:
SICHERHEIT IST, WENN MAN KEINE ANGST HABEN MUSS. NICHT, WENN ANDERE ANGST VOR EINEM HABEN.
VIII. Der General und das kleine Mädchen
Am Nachmittag besuchte ein General Symne.
Er war ein großer Mann.
Seine Uniform war makellos.
Seine Orden glänzten.
Seine Stimme klang, als sei sie eigens für große Räume erfunden worden.
„Kleines Mädchen“, sagte er, „du musst verstehen, dass die Welt kompliziert ist.“
Symne nickte.
„Das glaube ich.“
„Manchmal muss man Entscheidungen treffen, die niemandem gefallen.“
„Das glaube ich auch.“
„Und manchmal muss man Gewalt anwenden, um Schlimmeres zu verhindern.“
Symne sah ihn lange an.
„Darf ich Sie etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Wenn Sie so viel über den Krieg wissen, wer bringt Ihnen eigentlich bei, wie Frieden geht?“
Der General antwortete nicht sofort.
Symne nahm eine Erdbeere aus ihrer Schale.
„Wissen Sie“, sagte sie, „ich glaube, Sie haben sehr viel über Waffen gelernt. Aber vielleicht hat Ihnen niemand genug über Menschen erzählt.“
Der General setzte sich.
Er nahm seinen Hut ab.
Und zum ersten Mal an diesem Tag hörte er zu.
Nicht weil er besiegt worden war.
Sondern weil er für einen Augenblick bereit war, etwas zu lernen.
IX. Die Weltkonferenz der Ungehörten
Ein Jahr später fand eine neue internationale Konferenz statt.
Diesmal saßen nicht nur Staatsoberhäupter auf den vorderen Plätzen.
Dort saßen auch Kinder.
Flüchtlinge.
Friedensforscher.
Ärztinnen.
Lehrer.
Menschenrechtsverteidiger.
Menschen, die Kriege überlebt hatten.
Menschen, die Angehörige verloren hatten.
Menschen, die sich weigerten, ihre Hoffnung aufzugeben.
Es gab keine einheitliche Meinung.
Es gab Streit.
Es gab schwierige Fragen.
Es gab unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie Sicherheit organisiert werden müsse und wie man Menschen schützen könne, die unmittelbar bedroht waren.
Aber es gab eine neue Regel:
Niemand durfte über den Frieden sprechen, ohne auch den Menschen zuzuhören, die den Krieg bezahlen.
Und noch eine:
Wer eine militärische Lösung vorschlug, musste auch erklären, welche diplomatischen, politischen und zivilen Möglichkeiten geprüft worden waren.
Die Konferenz war nicht perfekt.
Aber sie war menschlicher geworden.
X. Die letzte Rede
Am Ende der Konferenz trat Symne ans Rednerpult.
Sie war inzwischen ein wenig größer geworden.
Die blauen Augen waren dieselben geblieben.
Sie sah in den Saal.
Dann begann sie:
„Liebe Erwachsene.
Ihr habt unglaublich viel erfunden.
Ihr habt Flugzeuge gebaut, die über Ozeane fliegen.
Ihr habt Computer erfunden, die schneller rechnen als ihr denken könnt.
Ihr habt Krankheiten besiegt, Menschen zum Mond gebracht und Bilder von Galaxien gemacht, die niemand vorher gesehen hat.
Ihr könnt miteinander sprechen, obwohl ihr auf verschiedenen Kontinenten lebt.
Ihr könnt Wissen teilen, Musik hören und Freunde finden, die ihr noch nie getroffen habt.
Aber wenn ihr euch streitet, greift ihr manchmal immer noch nach den ältesten Dingen, die ihr kennt.
Nach Drohungen.
Nach Gewalt.
Nach Rache.
Nach Waffen.
Warum eigentlich?
Ist euch die Fantasie ausgegangen?
Habt ihr vergessen, dass auch die anderen Menschen sind?
Habt ihr vergessen, dass jedes Kind irgendwo auf dieser Welt dieselben Fragen stellt?
Wer bin ich?
Warum bin ich hier?
Werde ich geliebt?
Werde ich morgen noch leben?
Ich möchte nicht, dass meine Zukunft davon abhängt, ob Erwachsene rechtzeitig lernen, miteinander zu sprechen.
Ich möchte nicht, dass irgendein Kind auf dieser Erde erst erwachsen werden muss, um zu verstehen, warum seine Eltern Angst hatten.
Und ich möchte nicht, dass ihr den Krieg irgendwann für normal haltet.
Denn Krieg ist nicht normal.
Dass Menschen miteinander streiten, ist normal.
Dass Menschen unterschiedliche Interessen haben, ist normal.
Dass Menschen Fehler machen, ist normal.
Aber dass wir daraus organisierte Vernichtung machen, ist keine Naturgesetzlichkeit.
Das ist eine Entscheidung.
Und Entscheidungen kann man ändern.“
Symne hielt inne.
Dann fügte sie hinzu:
„Ich weiß, dass Frieden schwierig ist.
Aber ich bin noch klein.
Vielleicht könnt ihr mir ja erklären, warum ihr euch vor etwas so sehr fürchtet, das ihr eigentlich alle braucht.“
Niemand klatschte sofort.
Nicht aus Ablehnung.
Sondern weil manche Sätze erst einmal im Raum bleiben müssen.
Dann begann ein Mensch zu applaudieren.
Ein zweiter.
Eine dritte.
Und schließlich erhob sich der ganze Saal.
Der General saß in der ersten Reihe.
Er applaudierte ebenfalls.
XI. Die Revolution bleibt unvollendet
Am Abend fragte die Tiketaketokerin Symne:
„Glaubst du, dass jetzt alles anders wird?“
Symne kuschelte sich in ihre Decke.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil morgen wieder jemand streiten wird.“
Die Tiketaketokerin lächelte.
„Und was machen wir dann?“
Symne dachte nach.
„Dann müssen wir wieder versuchen, dass niemand deswegen sterben muss.“
Der Butler stellte eine Tasse Tee auf den Tisch.
Goethe schrieb einen letzten Satz in sein Notizbuch:
Vielleicht besteht die größte Revolution nicht darin, die Welt zu beherrschen, sondern endlich aufzuhören, sie beherrschen zu wollen.
Die Wäscheklammerkinderchen hatten inzwischen ein neues Transparent gemalt.
Es hing über der Tür.
Darauf stand:
DIE REVOLUTION IST NICHT FERTIG. SIE HAT GERADE ERST ANGEFANGEN.
Darunter klebte ein rosa Erdbeerkaugummi.
Niemand wusste, wer ihn dort befestigt hatte.
Aber alle waren sich einig, dass er bleiben durfte.
XII. Die Erklärung der Menschlichkeit
Und nun, liebe Menschheit, kommt der Teil, den wir nicht an Generäle, Präsidenten, Minister, Parlamente oder irgendwelche internationalen Konferenzsäle delegieren können.
Denn Frieden ist keine Dienstleistung, die man bei anderen bestellt.
Er ist keine Ware.
Kein Wahlversprechen.
Keine militärische Doktrin.
Keine schöne Rede am Jahrestag einer Katastrophe.
Frieden ist eine Aufgabe.
Eine tägliche.
Eine politische.
Eine gesellschaftliche.
Eine zutiefst menschliche.
Er verlangt Mut.
Den Mut, Feindbilder infrage zu stellen.
Den Mut, auch mit Menschen zu sprechen, denen man nicht vertraut.
Den Mut, Unrecht zu benennen, ohne ganze Bevölkerungen zu verurteilen.
Den Mut, Menschen zu schützen, ohne die Gewalt zum höchsten Maßstab menschlicher Stärke zu erklären.
Den Mut, nicht jeden Konflikt mit einem Sieg beenden zu wollen.
Und den Mut, sich eine Welt vorzustellen, die noch nicht existiert.
Wir müssen nicht so tun, als gäbe es keine Aggressoren, keine Verbrechen, keine Bedrohungen und keine schwierigen Entscheidungen.
Aber wir dürfen uns weigern, daraus eine ewige Erlaubnis zum Krieg zu machen.
Wir dürfen verlangen, dass Diplomatie nicht erst dann beginnt, wenn die Waffen schweigen.
Wir dürfen zivile Konfliktlösung, internationale Zusammenarbeit, Abrüstung, Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit zu den Maßstäben wirklicher Sicherheit machen.
Wir dürfen uns weigern, die Zukunft unserer Kinder als militärisches Schachbrett zu behandeln.
Und wir dürfen endlich wieder eine Frage stellen, die so einfach ist, dass sie beinahe revolutionär erscheint:
Was wäre, wenn wir unsere ganze menschliche Intelligenz nicht länger dafür einsetzen würden, einander möglichst wirksam zu bedrohen, sondern dafür, miteinander leben zu können?
Vielleicht wäre das die größte technische, politische, kulturelle und philosophische Revolution der Menschheitsgeschichte.
Vielleicht müssten wir dafür nicht einmal neue Maschinen erfinden.
Vielleicht müssten wir nur lernen, unsere bereits vorhandene Menschlichkeit endlich ernst zu nehmen.
XIII. Eine letzte Durchsage aus der English Scrollstube
Es ist Mitternacht.
Der Butler hat den Tee abgeräumt.
Goethe schläft über seinem Notizbuch.
Dr. Wellenberg hat seine Akten geschlossen.
Nicole Kidman ist aus dem VIP-Raum gekommen und betrachtet die Weltkarte.
Die Tiketaketokerin hält Symne im Arm.
Die Wäscheklammerkinderchen haben sich vor dem großen Bildschirm versammelt.
Ein UFOlein schwebt draußen am Fenster.
Plötzlich erscheint eine Nachricht.
SONDERMELDUNG: AUF DEM PLANETEN ERDE WURDE EINE NEUE FORM VON VERNUNFT ENTDECKT.
Darunter steht:
MENSCHEN HABEN BEGONNEN, FRIEDEN NICHT MEHR ALS SCHWÄCHE, SONDERN ALS GEMEINSAME VERANTWORTUNG ZU BETRACHTEN.
Das UFOlein liest die Meldung zweimal.
Dann fragt es:
„Ist das jetzt die Revolution?“
Symne lächelt.
„Nein.“
„Was dann?“
„Der Anfang.“
Die Wäscheklammerkinderchen springen auf.
Eines holt die Kaugummis.
Eines holt die Wäscheklammern.
Eines holt das große Transparent.
Und gemeinsam hängen sie es an den Himmel.
Darauf steht:
MENSCHHEIT ALLER LÄNDER, VEREINIGT EUCH!
NICHT ZUM KRIEG. ZUM LEBEN!
Und ganz unten, in besonders großen, rosa Erdbeerkaugummibuchstaben:
WIR SIND NICHT AUF DIE WELT GEKOMMEN, UM EINANDER ZU VERNICHTEN. WIR SIND AUF DIE WELT GEKOMMEN, UM HERAUSZUFINDEN, WAS WIR MITEINANDER WUNDERBARES ANFANGEN KÖNNEN.
Das UFOlein nickt.
Der General schaut aus dem Fenster.
Goethe lächelt im Schlaf.
Und Symne?
Symne ist inzwischen eingeschlafen.
Sie hat noch einen kleinen Erdbeerkaugummi in der Hand.
Morgen wird sie wieder Fragen stellen.
Viele Fragen.
Sehr unangenehme Fragen.
Und das ist gut so.
Denn eine Menschheit, die keine Fragen mehr stellt, braucht irgendwann keine Antworten mehr.
Nur noch Befehle.
RIEFUNKE ENDE?
Aber nein.
RIEFUNKE fängt gerade erst an.
FRIEDEN IST KEIN KINDERSPIEL. ABER OHNE DIE FANTASIE DER KINDER WIRD ER WOHL AUCH KEIN ERWACHSENENPROJEKT.
WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN ALLER LÄNDER:
VERKNOTET EUCH!
NICHT GEGENEINANDER.
MITEINANDER.
UND LASST DIE MENSCHHEIT ENDLICH MENSCHHEIT SEIN.
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