DIE BUNDESWEHR WILL UNSERE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN!
Ein RIEFUNKE-Rekrutierungsspektakel mit Dijon-Senf, Rollstuhl und einer ausgesprochen wehrhaften Rentnerin
I. Der fiktive Zwischenfall bei REWE. Gelesen? FIKTIV
Es sollte eigentlich ein ganz gewöhnlicher Einkauf werden.
Goethe hatte französischen Dijon-Senf verlangt.
Nicht irgendeinen Senf.
Dijon.
Aus Frankreich.
„Ein Dichter“, hatte Goethe erklärt, „muss auch beim Essen auf die Herkunft seiner Gedanken achten.“
Der Butler hatte daraufhin den Einkaufszettel geschrieben.
Dijon-Senf.
Oliven.
Rotwein.
Weiße Schokolade für die Wäscheklammerkinderchen.
Und etwas Wärmendes für seine rheumatischen Gelenke.
Der Winter stand vor der Tür.
Der Butler war schließlich auch nicht mehr der Jüngste.
Die acht Wäscheklammerkinderchen begleiteten ihren Herrn.
Sie hatten gute Laune.
Eines sang.
Eines kaute Erdbeerkaugummi.
Eines trug eine Mütze, die ihm ungefähr dreimal zu groß war.
Die übrigen fünf hatten sich vorgenommen, im REWE nach Sonderangeboten Ausschau zu halten.
Doch am Eingang wartete eine Überraschung.
Ein Menschenauflauf.
Ein Bundeswehrstand.
Ein Oberst.
Zwei Rekrutierungsoffiziere.
Ein Tisch mit Informationsmaterial.
Und ein großes Plakat:
DEINE ZUKUNFT. DEIN DIENST. DEINE BUNDESWEHR.
Der Oberst entdeckte die acht Wäscheklammerkinderchen.
Er betrachtete sie.
Dann lächelte er.
„Na, ihr acht! Ihr seht gut aus!“
Die Kinderchen blieben stehen.
„Danke“, sagte das kleinste.
„Habt ihr schon einmal über eine militärische Laufbahn nachgedacht?“
Das zweite Wäscheklammerkinderchen fragte:
„Gibt es dort weiße Schokolade?“
Der Oberst räusperte sich.
„Es geht hier zunächst um Disziplin und Gemeinschaft.“
„Und Erdbeerkaugummi?“
„Das ist nicht vorgesehen.“
„Dann wird es schwierig“, sagte das dritte.
II. Der Oberst macht einen Vorschlag
Der Oberst ging in die Hocke.
„Hört einmal zu. Ihr könntet beim Appell vorangehen. Eine ausgesprochen repräsentative Aufgabe.“
Das vierte Wäscheklammerkinderchen fragte:
„Müssen wir dabei geradeaus laufen?“
„Natürlich.“
„Und wenn wir lieber im Kreis laufen?“
„Warum sollte man im Kreis laufen?“
„Weil wir dann alle wieder zusammenkommen.“
Der Oberst schaute zu seinem Rekrutierungsoffizier.
Der Rekrutierungsoffizier schaute auf seine Unterlagen.
Dort stand nichts über Kinder, die aus philosophischen Gründen im Kreis laufen wollten.
Der Oberst versuchte es erneut.
„Ihr könntet Vorbilder sein!“
Das fünfte Wäscheklammerkinderchen hob den Finger.
„Wir sind bereits Vorbilder.“
„Ach ja?“
„Wir haben noch nie jemanden erschossen.“
Der Oberst wurde etwas still.
III. Die Rentnerin erhebt ihren Stock
Und dann geschah es.
Aus der Nähe der Einkaufswagen ertönte eine Stimme.
„JETZT IST ABER MAL SCHLUSS!“
Eine ältere Dame saß in ihrem Rollstuhl.
Sie trug einen dunklen Mantel, eine gestrickte Mütze und hatte einen schwarzen Gehstock neben sich.
Sie hob den Stock.
Langsam.
Sehr langsam.
Dann führte sie ihn bis unmittelbar vor die Nase des Obersten.
„Hören Sie mir einmal gut zu, mein Herr!“
Der Oberst erstarrte.
Die Dame sagte:
„Die RIEFUNKEKINDERCHEN vertragen keine Gewalt!“
Der Oberst wollte etwas erwidern.
Die Dame ließ ihn nicht.
„Die bleiben in Oberhavensheim!“
Sie holte Luft.
„Und überhaupt: Was glauben Sie eigentlich? Dass Sie hier einfach unsere kleinen Friedensstifter mitnehmen können?“
Der Oberst sah zu den acht Kindern.
Die acht Kinder sahen zur Dame.
Das kleinste flüsterte:
„Das ist unsere neue Verteidigungsministerin.“
Die Rentnerin nickte.
„Ganz genau.“
IV. Die Sache mit dem Gewehrholz
Nun trat Goethe hinzu.
Er hatte inzwischen den Dijon-Senf gefunden.
„Was geht hier vor?“
Die Rentnerin erklärte die Situation.
Goethe hörte aufmerksam zu.
Dann betrachtete er den Oberst.
„Mein Herr, ich möchte Ihnen einen Vorschlag unterbreiten.“
„Welchen?“
„Wenn Sie schon so viel Holz für Gewehre benötigen, könnten Sie es doch sinnvoller verwenden.“
Der Oberst runzelte die Stirn.
„Wie meinen Sie das?“
Goethe antwortete:
„Die English Scrollstube benötigt dringend Brennholz.“
Der Butler trat vor.
„Sehr wohl, Herr Geheimrat. Der Winter wird hart.“
Er rieb sich vorsichtig das Knie.
„Mein Rheuma macht mir zu schaffen.“
Die Rentnerin nickte.
„Sehen Sie! Da haben wir es. Der Butler muss es warm haben!“
Das kleinste Wäscheklammerkinderchen rief:
„WIR VERFEUERN DAS GEWEHRHOLZ IN DER SCROLLSTUBE!“
Ein anderes ergänzte:
„UND AUS DEN GEWEHRKOLBEN MACHEN WIR STUHLBEINE!“
Ein drittes:
„UND AUS DEN HELMEN BLUMENTÖPFE!“
Goethe lächelte.
„Eine bemerkenswerte Umwandlung militärischer Ressourcen in friedliche Gebrauchsgüter.“
Der Oberst schaute aus, als habe ihm gerade jemand seine gesamte Dienstvorschrift in französischen Dijon-Senf getaucht.
V. Nicole Kidman erscheint
In diesem Augenblick fuhr ein Wagen vor.
Nicole Kidman stieg aus.
Sie hatte erfahren, dass die Wäscheklammerkinderchen in Schwierigkeiten waren.
In ihrer Hand befand sich eine große Tüte.
Weiße Schokolade.
Für alle acht.
„Was ist denn hier los?“, fragte sie.
Die Rentnerin deutete auf den Oberst.
„Der will unsere Kinderchen einziehen!“
Nicole betrachtete den Oberst.
Dann die Kinderchen.
Dann die Schokolade.
„Das kommt überhaupt nicht infrage.“
Sie verteilte die Tafeln.
Das kleinste Wäscheklammerkinderchen bekam zwei Stücke.
„Warum zwei?“, fragte es.
Nicole lächelte.
„Weil du heute besonders mutig warst.“
Goethe trat näher.
„Gnädigste, ich darf doch hoffen, dass auch für mich etwas vorgesehen ist?“
„Natürlich, Johann Wolfgang.“
„Sehr erfreulich.“
VI. Der Butler beantragt Winterhilfe
Der Butler hatte inzwischen die gesamte Situation analysiert.
Er trat vor den Obersten.
„Mein Herr, ich hätte eine bescheidene Bitte.“
„Welche?“
„Falls Sie tatsächlich überschüssiges Holz besitzen sollten, wäre ich Ihnen für eine kleine Lieferung dankbar.“
„Für welchen Zweck?“
„Heizung.“
„Heizung?“
„Ja. Ich leide an Rheuma.“
Der Oberst sah ihn an.
„Sie wollen also militärisches Holz für Ihre Heizung?“
„Nicht unbedingt militärisches Holz. Aber Holz, das nicht mehr militärisch gebraucht wird.“
Die Rentnerin hob erneut ihren Stock.
„Und wenn Sie schon dabei sind, können Sie gleich noch ein paar Säcke Briketts mitbringen!“
Der Oberst schluckte.
„Ich bin hier eigentlich zur Nachwuchsgewinnung.“
„Dann gewinnen Sie doch einmal etwas Vernünftiges!“, sagte die Rentnerin.
„Zum Beispiel?“
„Einen Heizkostenzuschuss für den Butler!“
VII. Die Verhandlungen
Es wurde eine außerordentliche Konferenz auf dem Parkplatz einberufen.
Teilnehmer:
Der Oberst.
Die Rentnerin.
Goethe.
Nicole Kidman.
Der Butler.
Die Tiketaketokerin.
Symne.
Und die acht Wäscheklammerkinderchen.
Der Oberst eröffnete:
„Wir müssen feststellen, dass hier offenbar ein Missverständnis vorliegt.“
Die Rentnerin antwortete:
„Das glaube ich auch.“
„Die Bundeswehr sucht Nachwuchs.“
„Dann suchen Sie ihn bitte dort, wo er freiwillig gesucht werden möchte.“
Goethe nickte.
„Eine durchaus vernünftige Grundlage.“
Der Oberst schaute zu den Wäscheklammerkinderchen.
„Und ihr wollt wirklich nicht zur Bundeswehr?“
Alle acht schüttelten den Kopf.
Das kleinste sagte:
„Wir wollen zur Friedenswehr.“
„Was ist das?“
„Eine Armee, die keine braucht.“
Der Oberst schwieg.
Symne nahm seine Hand.
„Sie können doch auch etwas anderes machen.“
„Was denn?“
„Zum Beispiel helfen, dass niemand Angst haben muss.“
Der Oberst sah das kleine Mädchen an.
Dann schaute er auf seine Uniform.
Er wusste nicht recht, was er sagen sollte.
VIII. Die neue Oberhavensheimer Friedensordnung
Am Abend wurde in der English Scrollstube eine neue Vereinbarung getroffen.
Die acht Wäscheklammerkinderchen erhielten den Titel:
EHRENMITGLIEDER DER OBERHAVENSHEIMER FRIEDENSBRIGADE.
Die Rentnerin wurde zur Oberbefehlshaberin ohne Befehl ernannt.
Goethe übernahm die Abteilung für philosophische Angelegenheiten.
Nicole Kidman wurde zuständig für die weiße Schokoladenversorgung.
Die Tiketaketokerin kümmerte sich um die internationale Kommunikation.
Symne erhielt das Ressort für unbequeme Fragen.
Und der Butler?
Der Butler wurde zum obersten Heizungsbeauftragten ernannt.
Mit uneingeschränkter Befugnis, sämtliche verfügbaren friedlich verwertbaren Brennmaterialien anzufordern.
Sein erster Erlass lautete:
DER WINTER WIRD KALT. DER FRIede MUSS TROTZDEM WARM BLEIBEN.
IX. Die letzte Begegnung mit dem Oberst
Am nächsten Morgen erschien der Oberst noch einmal vor dem REWE.
Er hatte einen kleinen Anhänger dabei.
Darin lagen Brennholz, Briketts und ein Sack Anzündholz.
Die Rentnerin betrachtete die Lieferung.
„Na also. Geht doch.“
Der Oberst lächelte verlegen.
„Ich wollte mich noch einmal mit den Kindern unterhalten.“
Die acht Wäscheklammerkinderchen kamen aus der Scrollstube.
Das kleinste trat vor.
„Haben Sie sich jetzt entschieden?“
„Wofür?“
„Ob Sie lieber Menschen beschützen oder Menschen einziehen möchten.“
Der Oberst antwortete nicht sofort.
Dann sagte er:
„Ich werde darüber nachdenken.“
Goethe legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Das ist ein Anfang, mein Herr.“
Der Butler verstaute das Holz.
„Sehr wohl. Es wird uns gute Dienste leisten.“
Und die Rentnerin?
Sie hob ihren schwarzen Stock ein letztes Mal.
„Und jetzt fahren Sie nach Hause, Herr Oberst. Wir haben hier noch Kartoffeln zu schälen.“
X. Die Durchsage aus Oberhavensheim
Am Abend erschien auf dem Bildschirm der English Scrollstube eine neue Nachricht.
SONDERMELDUNG: BUNDESWEHR VERLIERT ACHT REKRUTEN AN DIE FRIEDENSBRIGADE OBERHAVENSHEIM.
Darunter:
RENTNERIN MIT SCHWARZEM STOCK ERHÄLT EHRENORDEN FÜR BESONDERE ZIVILE STANDHAFTIGKEIT.
Und ganz unten:
BUTLER MELDET AUSREICHENDE HOLZVERSORGUNG. RHEUMA VORERST UNTER KONTROLLE.
Die Wäscheklammerkinderchen jubelten.
Nicole verteilte die letzte weiße Schokolade.
Goethe öffnete den Dijon-Senf.
Der Butler legte Holz nach.
Und Symne fragte:
„Ist jetzt Frieden?“
Die Rentnerin antwortete:
„Für heute schon, mein Kind.“
Dann schaute sie auf den Oberst, der noch immer am Eingang stand.
„Aber wir passen auf!“
XI. Ein letzter Satz für die Welt
Es gibt Dinge, die man nicht einziehen kann.
Die Fantasie.
Die Menschlichkeit.
Das Recht auf ein friedliches Leben.
Und acht kleine Wäscheklammerkinderchen, die beschlossen haben, dass sie lieber spielen als marschieren.
Es gibt Menschen, die keinen Orden brauchen, um mutig zu sein.
Manchmal sitzen sie im Rollstuhl.
Manchmal haben sie einen schwarzen Stock.
Manchmal sind sie alt.
Und manchmal reicht ein einziger Satz, um einen ganzen Parkplatz daran zu erinnern, dass Menschlichkeit keine Uniform braucht.
DIE WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN BLEIBEN IN OBERHAVENSHEIM.
Der Winter kommt.
Der Butler braucht Wärme.
Goethe braucht Dijon-Senf.
Nicole braucht einen Schokoladenvorrat.
Und die Menschheit?
Die könnte dringend ein bisschen mehr von dieser alten Dame gebrauchen.
RIEFUNKE!
WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN ALLER LÄNDER:
VERKNOTET EUCH!
NICHT GEGENEINANDER.
MITEINANDER.
UND LASST EUCH NICHT EINZIEHEN.
HÖCHSTENS ZUM ABENDESSEN.
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