DIE SUPPENKÜCHE WIRD KONTROLLIERT – DIE SCHNECKE VERLANGT KOST UND LOGIS!
Ein RIEFUNKE-Sonderspektakel mit 300 Brötchen, zwölf akkuerschöpften Norm-Tiktokern, Madame Knister und einem Butler am Rande der Verzweiflung
I. DER GASTRONOMIEVERBAND RÜCKT AN
Es war Montagmorgen.
Vor der English Scrollstube standen bereits 23 Youtuber und 17 Norm-Tiktoker.
Die Suppenküche war geöffnet.
Der große Topf dampfte.
Die Tochter von Madame Knister rührte die Kartoffelsuppe.
Der Butler kontrollierte die Vorräte.
Der bärtige Türsteher fegte den Vorhof.
Alles schien seinen gewohnten Gang zu nehmen.
Bis ein silberner Wagen vorfuhr.
Drei Personen stiegen aus.
Ein Herr mit Krawatte.
Eine Dame mit Klemmbrett.
Und ein junger Mann, der offenbar ausschließlich für das Fotografieren von Suppentöpfen zuständig war.
Der Herr zeigte einen Ausweis.
„Gastronomieverband.“
Der Butler verbeugte sich.
„Sehr wohl.“
„Wir haben eine Beschwerde erhalten.“
„Wegen der Suppe?“
„Unter anderem.“
Die Tochter von Madame Knister stellte den Kochlöffel ab.
„Was stimmt denn nicht?“
Die Dame mit dem Klemmbrett schaute in den Topf.
„Kartoffeln.“
„Ja.“
„Mais.“
„Ja.“
„Erbsen.“
„Ja.“
„Schmalz.“
„Ein wenig.“
„Und Regenwasser?“
„Frisch aufgefangen.“
Die Dame schrieb etwas auf.
„Das müssen wir untersuchen.“
Der Butler wurde blass.
II. DIE SCHNECKE WIRD ZUM RECHTSPROBLEM
In diesem Augenblick kroch eine kleine Schnecke über den Rand der Regentonne.
Sie blieb stehen.
Sie betrachtete die Kontrolleure.
Dann bewegte sie sich langsam in Richtung Suppenküche.
Der junge Mann mit der Kamera entdeckte sie.
„Moment!“
Er fotografierte.
„Ist das die Schnecke?“
Die Tochter von Madame Knister nickte.
„Ja.“
„Die aus der Tonne?“
„Ja.“
„Und warum ist sie nicht in der Suppe?“
„Weil sie kein Tiketaketoker ist.“
Der Herr vom Gastronomieverband schaute auf.
„Was bedeutet das?“
Dr. Konrad Wellenberg trat aus der Scrollstube.
„Eine grundsätzliche Frage der gastronomischen Identität.“
„Wie bitte?“
„Die Schnecke wurde nicht als Lebensmittel eingestuft. Sie ist vielmehr eine ehemalige Bewohnerin der Regenwassertonne.“
Die Schnecke kroch weiter.
Dann blieb sie auf dem Klemmbrett der Kontrolleurin sitzen.
Dr. Wellenberg notierte:
SCHNECKE VERWEIGERT AUSSAGE.
III. MADAME KNISTER BRINGT 300 BRÖTCHEN
Gegen Mittag erschien Madame Knister.
Sie hatte einen großen Lieferwagen dabei.
Darin befanden sich 300 frisch gebackene Brötchen.
„Für die Suppenküche!“, rief sie.
Die Youtuber applaudierten.
Die Norm-Tiktoker hoben ihre Smartphones.
Ein besonders hungriger Youtuber fragte:
„Sind die alle kostenlos?“
Madame Knister lächelte.
„Natürlich.“
„Auch für Nachschlag?“
„Auch.“
Der Butler trat vor.
„Gnädige Frau, das ist eine außergewöhnliche Lieferung.“
„Ach was. Ich habe heute Nacht gebacken.“
„Dreihundert Stück?“
„Dreihundert.“
„Sehr wohl.“
Der Butler bekam feuchte Augen.
Er hatte schon viel erlebt.
Aber noch nie hatte jemand 300 Brötchen geliefert, ohne vorher einen Vertrag über die Innenreinigung einer Limousine abzuschließen.
IV. DER VEGANE YOUTUBER
Nun erschien Kevin.
Er war inzwischen ein bekannter Stammgast der Suppenküche.
Er hatte drei Videos über seine Erfahrungen veröffentlicht.
Sein neuestes Video trug den Titel:
„ICH HABE DREI TAGE GEFegt – WAS DANN PASSIERTE, IST UNGLAUBLICH!“
Kevin stellte sich vor den Suppentopf.
„Ich hätte gern eine vegane Kartoffelsuppe.“
Die Tochter von Madame Knister schaute ihn an.
„Die ist vegan.“
„Mit Schmalz?“
Stille.
Madame Knister schloss kurz die Augen.
„Das ist ein berechtigter Einwand.“
Der Butler holte sein Notizbuch.
„Sehr wohl. Wir benötigen eine alternative Fettversorgung.“
Dr. Wellenberg überlegte.
„Vielleicht Sonnenblumenöl.“
Kevin nickte.
„Das wäre gut.“
Ein Norm-Tiktoker hob die Hand.
„Kann man das filmen?“
Die Köchin antwortete:
„Nur wenn du vorher den Vorhof fegst.“
Kevin nahm sich ein Brötchen.
„Ich helfe.“
V. ZWÖLF NORM-TIKTOKER SUCHEN EINE STECKDOSE
Am Nachmittag traf eine Gruppe von zwölf Norm-Tiktokern ein.
Sie hatten alles dabei.
Smartphones.
Ringlichter.
Ladekabel.
Powerbanks.
Aber keine Steckdose.
Sie standen vor der Suppenküche.
„Wir brauchen Strom!“
Der Butler zeigte auf die Wand.
„Dort befindet sich eine Steckdose.“
„Die ist belegt.“
„Womit?“
„Mit dem Staubsauger.“
Der Butler wurde ernst.
„Der Staubsauger hat Vorrang.“
„Warum?“
„Weil die Dienst-Limousine gereinigt werden muss.“
Ein Norm-Tiktoker schaute auf sein Handy.
„Mein Akku hat noch vier Prozent.“
Die Tochter von Madame Knister reichte ihm eine Schüssel Suppe.
„Dann iss erst einmal.“
„Aber mein Video!“
„Das läuft dir nicht weg.“
Dr. Wellenberg schrieb:
AKKUNOTSTAND DURCH SUPPENAUFNAHME VORÜBERGEHEND STABILISIERT.
VI. DER BUTLER FINDET EINEN ZWEITEN SCHUH
Die Limousine war inzwischen wieder an der Reihe.
Der Butler öffnete den Kofferraum.
Er fand nichts.
Er öffnete die hintere Tür.
Auch nichts.
Dann kniete er sich auf den Boden und schaute unter den Beifahrersitz.
Dort lag etwas.
Ein Schuh.
Ein einzelner, brauner Herrenschuh.
Der Butler zog ihn hervor.
„Sehr wohl.“
Der bärtige Türsteher kam näher.
„Was ist das?“
„Ein Schuh.“
„Das sehe ich.“
„Er ist nicht der erste.“
„Wie bitte?“
„Wir hatten bereits einen.“
Der Türsteher schaute auf den Schuh.
Dann auf den ersten Schuh, der inzwischen im Fundbüro der Scrollstube lag.
„Dann haben wir jetzt ein Paar.“
Dr. Wellenberg eilte herbei.
„Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung.“
„Warum?“, fragte Mertens.
„Weil wir nun erstmals eine vollständige Schuheinheit besitzen.“
Der Butler legte beide Schuhe nebeneinander.
„Sehr wohl.“
VII. DIE SCHNECKE FORDERT KOST UND LOGIS
Am späten Nachmittag ereignete sich etwas Ungewöhnliches.
Die Schnecke war wieder aufgetaucht.
Sie saß auf dem Fensterbrett der Suppenküche.
Neben ihr lag ein winziger Zettel.
Die Tochter von Madame Knister nahm ihn vorsichtig hoch.
Darauf stand:
ANTRAG AUF KOST UND LOGIS.
Alle schauten sich an.
„Wer hat das geschrieben?“, fragte Mertens.
Dr. Wellenberg untersuchte den Zettel.
„Die Schrift ist ungewöhnlich.“
Der Butler betrachtete die Schnecke.
„Sehr wohl.“
Die Tochter von Madame Knister fragte:
„Was möchte sie denn?“
Wellenberg las weiter.
„Sie beansprucht eine dauerhafte Unterkunft in der Nähe der Regenwassertonne. Außerdem verlangt sie tägliche Versorgung mit Salatblättern.“
Die Rentnerin, die gerade eingetroffen war, hob ihren schwarzen Stock.
„Na, die hat ja Ansprüche!“
Die Schnecke kroch langsam über den Zettel.
Dann blieb sie stehen.
Dr. Wellenberg nickte.
„Sie beharrt auf ihrem Antrag.“
VIII. DIE VERHANDLUNG MIT DEM GASTRONOMIEVERBAND
Am nächsten Morgen wurde eine außerordentliche Sitzung einberufen.
Teilnehmer:
Der Gastronomieverband.
Madame Knister.
Ihre Tochter.
Der Butler.
Dr. Konrad Wellenberg.
Mertens.
Der bärtige Türsteher.
Kevin.
Zwölf Norm-Tiktoker.
Und die Schnecke.
Die Vorsitzende des Gastronomieverbandes begann:
„Wir müssen feststellen, ob diese Suppenküche den geltenden Anforderungen entspricht.“
Madame Knister antwortete:
„Unsere Gäste bekommen etwas zu essen.“
„Das ist nicht die einzige Anforderung.“
Die Tochter nickte.
„Wir wissen.“
Der Butler stellte eine Schüssel Kartoffelsuppe auf den Tisch.
„Darf ich Ihnen etwas anbieten?“
Die Vorsitzende zögerte.
„Was ist darin?“
„Kartoffeln, Mais, Erbsen und Sonnenblumenöl.“
„Und das Wasser?“
„Trinkwasser.“
„Nicht Regenwasser?“
„Nicht in dieser Charge.“
Die Vorsitzende probierte.
Sie nahm einen zweiten Löffel.
Dann einen dritten.
Schließlich fragte sie:
„Gibt es noch?“
Der Butler lächelte.
„Sehr wohl.“
IX. DIE NEUE SATZUNG DER SUPPENKÜCHE
Nach langen Verhandlungen wurde eine neue Satzung verabschiedet.
Sie enthielt folgende Bestimmungen:
- Jeder hungrige Mensch erhält eine warme Mahlzeit.
- Niemand muss für seine erste Schüssel Suppe bezahlen.
- Wer kann und möchte, darf bei den Arbeiten helfen.
- Niemand wird wegen seines Berufs, seiner Plattform oder seines leeren Akkus ausgelacht.
- Vegane Suppe wird gesondert zubereitet.
- Die Dienst-Limousine bleibt sauber.
- Die Schnecke erhält einen geschützten Platz neben der Regentonne.
- Madame Knister darf jederzeit Brot liefern.
- Der Butler darf weiterhin „Sehr wohl“ sagen.
- Niemand darf die Suppenküche als bloße Kulisse für ein Video benutzen, ohne sich auch für die Menschen zu interessieren.
Die Vorsitzende des Gastronomieverbandes unterschrieb.
Der Butler ebenfalls.
Die Schnecke setzte einen kleinen Punkt unter das Dokument.
Dr. Wellenberg erklärte ihn zur offiziellen Unterschrift.
X. DIE ERSTE SCHNECKENWOHNUNG
Der Butler hatte inzwischen eine kleine Holzkiste organisiert.
Sie wurde neben der Regentonne aufgestellt.
Darin lagen ein trockenes Tuch, einige Salatblätter und ein kleines Schild:
SCHNECKENWOHNUNG – BEWOHNT.
Die Schnecke kroch hinein.
Dann wieder hinaus.
Dann wieder hinein.
Der Butler beobachtete sie.
„Sehr wohl.“
Die Tochter von Madame Knister lächelte.
„Ich glaube, sie ist zufrieden.“
Die Rentnerin nickte.
„Dann ist ja alles geregelt.“
Doch plötzlich kroch eine zweite Schnecke über den Rand der Regentonne.
Dann eine dritte.
Dann eine vierte.
Der bärtige Türsteher wurde blass.
„Nicht schon wieder!“
Dr. Wellenberg holte sein Notizbuch.
„Wir müssen die Kapazitäten überprüfen.“
XI. DIE LETZTE ÜBERRASCHUNG
Am Freitagabend saßen alle vor der English Scrollstube.
Die Suppenküche war geschlossen.
Der Topf war leer.
Die Brötchen waren verteilt.
Die Limousine glänzte.
Kevin hatte seinen Besen ordentlich zurückgestellt.
Die zwölf Norm-Tiktoker hatten ihre Smartphones aufgeladen.
Die Schnecken saßen friedlich neben ihrer Holzkiste.
Madame Knister brachte noch einmal einen Korb mit Brot.
Da fragte ein kleiner Youtuber:
„Warum macht ihr das eigentlich?“
Die Tochter von Madame Knister schaute ihn an.
„Was meinst du?“
„Warum gebt ihr uns kostenlos Essen?“
Sie überlegte.
Dann antwortete sie:
„Weil niemand mit leerem Magen darüber nachdenken sollte, ob er noch zur Gesellschaft gehört.“
Stille.
Der Butler schaute auf den Boden.
Dr. Wellenberg schloss sein Notizbuch.
Selbst der bärtige Türsteher sagte nichts.
Dann hob die Rentnerin ihren schwarzen Stock.
„SO. UND JETZT GIBT ES KARTOFFELSALAT!“
Die acht Wäscheklammerkindchen jubelten.
XII. RIEFUNKE-SCHLUSS
Eine Suppenküche ist kein Restaurant.
Eine Suppenküche ist kein Fernsehstudio.
Eine Suppenküche ist kein Ort, an dem Menschen erst beweisen müssen, dass sie etwas wert sind.
Sie ist ein Ort, an dem jemand einen Topf aufstellt und sagt:
„Setz dich. Du bekommst etwas Warmes.“
Vielleicht ist das eine der einfachsten Formen von Menschlichkeit.
Man braucht dafür keine großen Reden.
Keine Orden.
Keine Kameras.
Und auch keine 300 Brötchen.
Obwohl 300 Brötchen natürlich sehr hilfreich sind.
Die Tochter von Madame Knister hat den Topf.
Madame Knister hat die Bäckerei.
Der Butler hat die Limousine.
Dr. Wellenberg hat sein Notizbuch.
Kevin hat seinen Besen.
Die Norm-Tiktoker haben endlich Steckdosen gefunden.
Die Schnecken haben eine Wohnung.
Und die Suppenküche?
Die bleibt geöffnet.
Denn morgen könnte wieder jemand kommen, der Hunger hat.
Und dann soll niemand vor einer verschlossenen Tür stehen.
RIEFUNKE!
WER HUNGER HAT, BEKOMMT SUPPE.
WER SATT IST, DARF MITHELFEN.
WER NICHT FEGEN KANN, DARF TROTZDEM BLEIBEN.
UND WER EINE SCHNECKE IST, BEKOMMT BITTE KEINEN STAUBSAUGER.
ENGLISH SCROLLSTUBE – ERST DIE MENSCHEN. DANN DIE LIMOUSINE.
KRRRRT.
|