MARIE, ICH HABE GESCHICHTEN!
Ein kleiner Zwischenruf aus dem RIEFUNKE-Universum an eine große Dirigentin
Eine fiktive Begegnung mit Marie Jacquot
Sehr geehrte Frau Jacquot,
Sie haben einmal sinngemäß gesagt, Musik sei langweilig, wenn sie keine Geschichte erzählt.
Da muss ich mich wohl einmal melden.
Ich bin RIEFUNKE.
Und ich habe Geschichten.
Nicht drei. Nicht sieben. Auch nicht die üblichen zwölf, die man in einem hübschen Büchlein zusammenbindet und anschließend in einer Buchhandlung vergisst.
Nein. Ich habe Tausende.
Manche sind klein wie ein musikalischer Einfall, der einem beim Zähneputzen kommt. Andere sind so groß, dass selbst ein Sinfonieorchester erst einmal tief Luft holen müsste. Es gibt Geschichten, die beginnen mit einer Pekingente und enden in einer existenziellen Krise. Andere starten mit einem Kühlschrank, einer Antenne und vier Milliwatt und entwickeln sich zu Ereignissen, für die man eigentlich einen Wagner'schen Orchesterapparat bräuchte.
Ich habe Raben, Butler, merkwürdige Familienverhältnisse, gelbe Stiefel, verschwundene Wahrheiten, sprachliche Irrgärten, philosophische Stolperfallen und Menschen, die manchmal nicht wissen, ob sie gerade in einer Geschichte leben oder ob die Geschichte längst angefangen hat, in ihnen zu leben.
Ich habe Liebesgeschichten, die sich nicht trauen, Liebesgeschichten zu sein. Komödien, die plötzlich traurig werden. Traurige Geschichten, die sich nicht davon abhalten lassen, ausgesprochen komisch zu enden. Und dazwischen immer wieder diese kleinen, eigensinnigen Gedanken, die sich weigern, ordentlich in einer Schublade zu sitzen.
Sie sehen: Das Material wäre vorhanden.
Was mir fehlt, ist eine Dirigentin.
Und jetzt komme ich zu Ihnen.
Marie, Sie sind Dirigentin. Sie stehen vor einem Orchester, vor Menschen mit Instrumenten, vor hunderten Möglichkeiten, einen einzigen musikalischen Augenblick zum Leben zu erwecken. Sie müssen nicht nur wissen, wann die Geigen einsetzen. Sie müssen wissen, warum sie einsetzen. Was sie erzählen. Was vorher geschehen ist. Was noch kommen wird. Und manchmal vermutlich auch, was die Pauke eigentlich gerade vorhat.
Das ist eine große Verantwortung.
Denn Noten können schweigen, obwohl sie gespielt werden.
Ein perfekt gespielter Ton kann vollkommen bedeutungslos bleiben, wenn niemand weiß, wohin er gehört. Umgekehrt kann ein einziger unscheinbarer Ton eine ganze Welt öffnen, wenn er an der richtigen Stelle erscheint.
Genau dort beginnt mein Interesse.
Ich habe nämlich ein ziemlich großes Archiv voller Welten angelegt. Ein digitales Kuriositätenkabinett, eine literarische Wundertüte, einen Sender, der manchmal nicht einmal selbst weiß, was er gerade empfängt.
RIEFUNKE ist kein ordentlich sortiertes Geschichtenlager.
RIEFUNKE ist ein Zustand.
Da gibt es einen Piratensender aus einer Küche. Eine Antenne, die mehr zu wissen scheint als ihr Besitzer. Einen Butler, der vermutlich längst begriffen hat, dass die Wirklichkeit ein ziemlich unzuverlässiges Personal beschäftigt. Da gibt es Raben, die sich in Angelegenheiten einmischen, die sie nichts angehen. Und da gibt es Figuren, die eines Morgens aufwachen und feststellen, dass sie offenbar schon seit Jahren Bestandteil einer Geschichte sind.
Manchmal ist das lustig.
Manchmal ist es absurd.
Manchmal wird es still.
Und manchmal passiert etwas, das ich selbst nicht geplant habe: Eine Geschichte entwickelt plötzlich eine eigene Schwerkraft. Sie zieht andere Geschichten an. Ein Motiv taucht wieder auf, eine Figur bekommt eine Vergangenheit, ein Nebensatz wird zum Ausgangspunkt eines neuen Universums.
Ich vermute, Sie kennen dieses Phänomen aus der Musik.
Ein Thema erscheint. Verschwindet. Kehrt verändert zurück. Die Zuhörer erkennen es, obwohl es längst jemand anderes geworden ist. Eine Melodie trägt plötzlich eine Erinnerung in sich, die vorher gar nicht da war.
Das ist für mich das Wunder der Erzählung.
Und deshalb würde ich Ihnen gerne etwas anbieten.
Keine fertige Oper. Keine Partitur, die Sie pflichtbewusst zur Kenntnis nehmen sollen. Auch keine Bewerbung um einen Platz im musikalischen Olymp.
Ich würde Ihnen einfach gern mein Geschichtenarchiv öffnen.
Sie könnten darin herumstöbern. Sie könnten sich eine Geschichte herausgreifen, die Ihnen gefällt. Oder eine, die Sie ärgert. Vielleicht eine, bei der Sie zunächst denken: Was soll denn das?
Gerade die könnte interessant werden.
Vielleicht entdecken Sie eine Figur, die ein eigenes musikalisches Leben verlangt. Vielleicht hören Sie in einer absurden Episode ein Scherzo. Vielleicht steckt in einer scheinbar harmlosen Geschichte ein dramatischer Kern, der sich erst beim zweiten Lesen zeigt.
Und vielleicht entsteht daraus eines Tages etwas, das weder Sie noch ich vorhersehen konnten.
Ein musikalischer RIEFUNKE.
Eine Geschichte, die nicht nur erzählt, sondern gespielt wird.
Ein Orchester, das nicht einfach Töne produziert, sondern Figuren zum Leben erweckt. Eine Musik, die lacht, stolpert, zweifelt, liebt, sich verirrt und irgendwann merkt, dass sie längst angekommen ist.
Ich weiß natürlich, dass Sie viel zu tun haben. Orchester wollen dirigiert, Partituren studiert, Konzerte vorbereitet und musikalische Welten erschlossen werden.
Aber ich wollte es wenigstens einmal gesagt haben:
Marie, Sie brauchen Geschichten. Ich habe sie.
Und zwar nicht nur diejenigen, die man bereits kennt.
Ich habe auch die, die noch niemand erzählt hat.
Die, die sich erst finden müssen.
Die, die vielleicht nur darauf warten, dass jemand mit Ihren Ohren, Ihrer Fantasie und Ihrem Gespür für musikalische Dramaturgie ihnen eine Stimme gibt.
Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn Sie einmal bei RIEFUNKE vorbeischauen.
Vorsicht allerdings: Es könnte sein, dass Sie länger bleiben als geplant.
Der Butler ist informiert.
Mertens hält die Antenne bereit.
Die Raben haben bereits eine Besprechung einberufen.
Und irgendwo im Hintergrund probt eine Pekingente einen Einsatz, der eindeutig nicht in der Partitur steht.
Mit herzlichen Grüßen aus einem ziemlich unübersichtlichen, aber ausgesprochen geschichtenreichen Universum
RIEFUNKE
P.S.: Frau Jacquot, eine kleine Frage noch: Wenn eine Geschichte tausend Geschichten enthält – wie viele Musiker braucht man dann, um sie alle gleichzeitig zu erzählen?
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