Das Röhrenradio wusste es zuerst
Ein persönlicher Gruß aus dem RIEFUNKE-Universum an Marie Jacquot
Liebe Frau Jacquot,
vielleicht werden wir uns irgendwann einmal persönlich begegnen. Vielleicht auch nicht. Aber falls es tatsächlich dazu kommen sollte, möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen.
Denn ich möchte, dass Sie wissen, wie Sie in mein Leben und schließlich sogar in mein kleines, ziemlich unübersichtliches Universum namens RIEFUNKE geraten sind.
Es begann mit einem Internetausfall.
Fünfzehn Stunden lang war Schluss. Kein Internet, keine YouTube-Videos, keine Suchmaschinen, keine digitale Welt. Zunächst eine eher unerfreuliche Angelegenheit.
Aber dann geschah etwas Merkwürdiges.
Ich schaltete mein Röhrenradio ein.
Und was hörte ich?
Eine Sendung des WDR über Sie!
Ich saß da, hörte zu und war zunehmend begeistert. Nicht nur von Ihrer musikalischen Arbeit, sondern von Ihrer Persönlichkeit. Von Ihrer Art, über Musik zu sprechen, von Ihrem Humor und von dieser besonderen Lebendigkeit, die offenbar auch dann nicht verschwindet, wenn es um die kompliziertesten musikalischen Angelegenheiten geht.
Als das Internet am nächsten Morgen wieder funktionierte, tat ich etwas, das vermutlich jeder neugierige Mensch getan hätte: Ich suchte auf YouTube nach Ihnen.
Und dann war ich endgültig baff.
Ich entdeckte eine Dirigentin, die nicht nur Musik beherrscht, sondern offenbar auch Geschichten liebt. Eine Frau, bei der ich das Gefühl bekam, dass hinter den Noten noch eine ganze Welt wartet.
Und da wurde es für mich persönlich interessant.
Ich betreibe nämlich ein ziemlich eigenwilliges literarisches Universum. Es heißt RIEFUNKE.
Dort gibt es Butler, Raben, merkwürdige Familienverhältnisse, geheimnisvolle Antennen, einen Herrn Mertens, eine internationale Einrichtung namens Scrollstube und inzwischen auch acht Wäscheklammerkinderchen, die gelegentlich politische Forderungen stellen.
Manchmal ist RIEFUNKE philosophisch. Manchmal melancholisch. Sehr häufig vollkommen absurd.
Und jetzt kommen Sie ins Spiel.
Ich habe Ihren Humor entdeckt und musste feststellen, dass sich darin etwas spiegelt, das mir selbst sehr vertraut ist. Dieses Lachen über die kleinen und großen Absurditäten des Lebens. Diese Fähigkeit, Dinge nicht immer bierernst nehmen zu müssen, ohne ihnen deshalb ihre Bedeutung zu nehmen.
Ich hatte plötzlich das Gefühl: Diese Frau könnte sich in meinem Universum durchaus wohlfühlen.
Also habe ich Sie kurzerhand aufgenommen.
Nicht als Gast für einen Nachmittag. Nicht als flüchtige Erwähnung. Sondern als feste Figur in der Scrollstube.
Sie haben dort inzwischen musikalische Aufgaben übernommen, dirigieren gelegentlich 18 Dudelsackspieler und müssen sich mit einem gewissen Johann Wolfgang von Goethe arrangieren, der offenbar beschlossen hat, nebenbei auch noch Komponist zu werden.
Nicole Kidman sitzt derweil an der zusätzlichen Steckdose.
Ich hoffe, Sie verzeihen mir diese literarischen Zumutungen.
Aber wissen Sie, was mich an der ganzen Sache besonders freut?
Dass Sie nicht durch eine gezielte Suche zu mir gekommen sind. Ich habe Sie nicht gesucht. Ich wollte eigentlich nur Radio hören, weil das Internet ausgefallen war.
Manchmal muss die moderne Welt offenbar für fünfzehn Stunden schweigen, damit man etwas entdeckt, das einem sonst vielleicht entgangen wäre.
Und noch etwas Persönliches: Ich habe gelesen, dass Sie später einen Musiker aus Graz geheiratet haben. Ich finde solche biografischen Verbindungen zwischen Menschen aus unterschiedlichen musikalischen Welten durchaus reizvoll. Graz ist übrigens eine Stadt, die in meinem Kopf sofort eine eigene kleine RIEFUNKE-Geschichte auslöst.
Vielleicht ist das alles ein wenig ungewöhnlich. Aber das ist bei mir nicht weiter besorgniserregend. Der Butler hat sich längst daran gewöhnt.
Sollten wir uns eines Tages tatsächlich begegnen, werde ich Ihnen jedenfalls nicht zuerst von den Dudelsackspielern erzählen.
Ich werde Ihnen die Geschichte vom Röhrenradio erzählen.
Denn ohne diesen kleinen technischen Ausfall hätten wir uns möglicherweise nie auf diese merkwürdige Weise begegnet.
Und vielleicht ist das eine der schönsten Eigenschaften von Geschichten: Sie beginnen manchmal genau dort, wo man sie überhaupt nicht erwartet.
Herzliche Grüße aus dem RIEFUNKE-Universum
RIEFUNKE
P.S.: Frau Jacquot, Sie müssen übrigens nicht sofort dirigieren. Die 18 Dudelsackspieler proben noch. Der Butler behauptet, sie seien inzwischen halbwegs synchron. Herr Mertens hält das für eine gewagte Interpretation.
P.P.S.: Das Röhrenradio bleibt eingeschaltet.