RIEFUNKE-SONDERMELDUNG
DIE 18 SCHNÜRSENKEL SIND VERSCHWUNDEN!
Acht Wäscheklammerkinderchen bringen eine internationale Dirigentin zur Verzweiflung
Eine kriminalistische Komödie aus der English Scrollstube
I. DER MORGEN BEGINNT MIT EINER KATASTROPHE
Es war 7:13 Uhr.
In der English Scrollstube herrschte zunächst friedliche Betriebsamkeit.
Der Butler bereitete Tee zu.
Goethe betrachtete seine neueste Ausgabe der Farbenlehre.
Herr Mertens überprüfte irgendein technisches Gerät, dessen Zweck er selbst nur noch ungefähr kannte.
Die acht Wäscheklammerkinderchen saßen unter dem großen Tisch und tuschelten.
Dann klingelte das Telefon.
Der Butler nahm ab.
„English Scrollstube. Butler am Apparat.“
Eine aufgeregte Stimme meldete sich.
Es war Marie Jacquot.
„Ich habe ein Problem!“
„Gnädige Frau, was ist geschehen?“
„Meine Schnürsenkel sind verschwunden!“
Der Butler schwieg.
„Alle?“
„ALLE!“
„Wie viele?“
„Achtzehn Paar!“
Der Butler ließ beinahe die Teekanne fallen.
„Achtzehn Paar?“
„Ich brauche für meine nächste Dirigentenveranstaltung eine ganz bestimmte neue Schnürsenkelfarbe. Und jetzt ist meine gesamte Sammlung verschwunden!“
Der Butler richtete sich auf.
„Gnädige Frau, ich werde unverzüglich Ermittlungen einleiten.“
Aus dem Hintergrund ertönte ein leises Kichern.
Es kam vom großen Tisch.
Genauer gesagt: von darunter.
II. DIE ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDCHEN WISSEN VON NICHTS
Goethe bemerkte die ungewöhnliche Unruhe.
„Was ist denn hier los?“
Der Butler erklärte die Situation.
Goethe hob die Augenbrauen.
„Achtzehn Paar Schnürsenkel? Das ist ja beinahe eine textilgeschichtliche Katastrophe.“
Kindchen Nummer 3 hob die Hand.
„Wir haben nichts gesehen.“
Kindchen Nummer 5 ergänzte:
„Und wenn wir etwas gesehen hätten, hätten wir es vergessen.“
Nummer 7 sagte:
„Vielleicht liegen sie unter einem Bett.“
Der Butler schaute die Kinderchen an.
„Unter welchem Bett?“
„Das wissen wir nicht.“
Goethe legte seine Brille nieder.
„Ich erkenne hier eine gewisse Unschärfe in der Beweislage.“
Die Kinderchen kicherten.
III. DIE GROSSE SUCHAKTION
Um 9:00 Uhr wurde die internationale Schnürsenkel-Suchaktion ausgerufen.
Auf dem Bildschirm der English Scrollstube erschien folgende Meldung:
ACHTUNG! ACHTUNG!
18 PAAR SCHNÜRSENKEL VERMISST!
Gesucht werden sämtliche Farben.
Von klassischem Schwarz über leuchtendes Rot bis hin zu bisher unbekannten musikalischen Zwischenfarben.
Die gesamte Bevölkerung wird gebeten, unter ihren Betten, hinter ihren Schränken und in verdächtigen Schuhkartons nachzusehen.
Besonders angesprochen sind die Norm-Tiktoker.
Wer etwas findet, möge sich unverzüglich bei der English Scrollstube melden.
Der Butler setzte einen Zusatz darunter:
„Bitte keine einzelnen Schnürsenkel abgeben. Wir benötigen paarweise Lösungen.“
IV. MERTENS ENTWICKELT DEN SCHNÜRSENKEL-DETEKTOR
Herr Mertens hatte inzwischen seine Werkstatt betreten.
Nach drei Stunden kam er mit einem merkwürdigen Gerät zurück.
Es bestand aus einer alten Radioantenne, zwei Taschenlampen, einem Messgerät und einem Stück Gartenschlauch.
„Ich habe einen Schnürsenkel-Detektor entwickelt.“
Wellenberg fragte:
„Wie funktioniert er?“
„Er reagiert auf textile Unregelmäßigkeiten.“
Goethe betrachtete das Gerät.
„Und wenn Sie einen Teppich finden?“
„Dann müssen wir weiterforschen.“
Der Butler schüttelte den Kopf.
„Ich fürchte, Herr Mertens, wir werden auf herkömmliche Weise suchen müssen.“
Das Gerät piepte.
Mertens sprang auf.
„ICH HABE EIN SIGNAL!“
Alle liefen zum Apparat.
Es war ein Wollknäuel.
V. MARIE JACQUOT VERLIERT DIE GEDULD
Am Nachmittag erschien Marie Jacquot persönlich in der English Scrollstube.
Sie trug ihre Konzertkleidung und hatte Kaugummi im Mund.
„Also, meine Lieben. Ich brauche diese Schnürsenkel!“
Die acht Wäscheklammerkinderchen standen ordentlich nebeneinander.
Marie betrachtete sie.
„Ihr habt doch nicht etwa ...?“
„NEIN!“, riefen alle acht gleichzeitig.
„Ich habe noch gar nichts gefragt.“
Kindchen Nummer 3 lächelte.
„Das ist unsere vorbeugende Antwort.“
Marie musste lachen.
Dann wurde sie wieder ernst.
„Ich brauche für meine nächste Dirigentenveranstaltung eine neue Farbe. Eine ganz bestimmte Farbe!“
Goethe trat näher.
„Welche Farbe schwebt Ihnen denn vor?“
Marie überlegte.
„Vielleicht ein kräftiges Blau. Oder ein tiefes Violett. Oder etwas völlig Neues.“
Goethe nickte.
„Die Farbe der Inspiration.“
Der Butler murmelte:
„Die Farbe der fehlenden Schnürsenkel wäre mir zunächst lieber.“
VI. DIE NORM-TIKTOKER WERDEN MOBILISIERT
Die Tiketaketokerin übernahm die internationale Kommunikation.
Innerhalb weniger Stunden verbreitete sich der Aufruf.
WELTWEITE SCHNÜRSENKEL-SUCHE!
Alle Norm-Tiktoker sind aufgerufen, ihre Wohnungen zu durchsuchen.
Jeder darf mitmachen.
Jeder darf suchen.
Jeder darf verdächtige Schuhkartons melden.
Für den entscheidenden Hinweis wird eine besondere Belohnung ausgelobt:
Eine Eintrittskarte für den allerbesten Platz im Konzertsaal bei einer Dirigentenveranstaltung von Marie Jacquot!
Die Karte wird unter allen erfolgreichen Finderinnen und Findern verlost.
Die Tiketaketokerin ergänzte:
„Und bitte: Keine gefälschten Schnürsenkelmeldungen! Wir haben es hier mit einer ernsthaften musikalischen Angelegenheit zu tun.“
VII. GOETHE HAT EINEN VERDACHT
Am Abend saß Goethe nachdenklich vor dem Kamin.
„Ich glaube, ich habe die Angelegenheit durchschaut.“
Der Butler stellte Tee ab.
„Darf ich fragen, Herr Geheimrat?“
„Die Schnürsenkel sind nicht verschwunden.“
„Nicht?“
„Sie befinden sich lediglich an einem anderen Ort.“
Der Butler sah ihn an.
„Das ist eine bemerkenswerte Erkenntnis.“
Goethe fuhr fort:
„Die entscheidende Frage lautet nicht: Wo sind die Schnürsenkel?“
„Sondern?“
„Wer hat ein Interesse daran, dass wir sie suchen?“
Unter dem Tisch begann es verdächtig zu rascheln.
Der Butler drehte sich um.
Acht kleine Gesichter verschwanden gleichzeitig hinter einer Tischdecke.
Goethe lächelte.
„Interessant.“
VIII. DIE ENTHÜLLUNG UNTER DEM BETT
Um 22:41 Uhr geschah es.
Die Rentnerin rollte mit ihrem Rollstuhl durch den Flur.
Sie wollte lediglich nachsehen, ob die Heizung richtig funktionierte.
Dabei bemerkte sie unter einem der Betten eine ungewöhnliche Erhebung.
Sie nahm ihren schwarzen Stock.
Hob die Bettdecke ein wenig an.
Und erstarrte.
Dort lagen sie.
Alle achtzehn Paar Schnürsenkel.
Sorgfältig sortiert.
Nach Farben geordnet.
Mit kleinen handgeschriebenen Etiketten versehen.
ROT.
BLAU.
VIOLETT.
GOLD.
TÜRKIS.
Und eine Farbe, die offenbar noch niemand benannt hatte.
Daneben lag ein Zettel:
LIEBE MARIE!
Wir wollten dir eine Überraschung machen.
Wir haben deine Schnürsenkel nicht gestohlen.
Wir haben sie nur vorübergehend versteckt.
Wir möchten nämlich, dass du bei deiner nächsten Dirigentenveranstaltung eine ganz besondere Farbe trägst.
Sie heißt:
FRIEDENSROSA MIT ERDBEERKAUGUMMI-EFFEKT.
Deine acht Wäscheklammerkinderchen.
P.S.: Bitte nicht böse sein.
P.P.S.: Wir haben auch deine alten Schnürsenkel gewaschen.
P.P.P.S.: Einer ist leider in Goethes Teetasse gelandet.
IX. MARIE MUSS LACHEN
Als Marie Jacquot die Nachricht erhielt, schwieg sie zunächst.
Dann begann sie zu lachen.
„Diese acht kleinen Wesen!“
Sie nahm die Schnürsenkel in die Hand.
Betrachtete die Farben.
Und tatsächlich:
Das Friedensrosa war wunderschön.
„Na gut“, sagte sie schließlich. „Dann werde ich eben mit dieser Farbe dirigieren.“
Die Kinderchen jubelten.
Goethe erhob sein Teeglas.
„Ein historischer Augenblick. Die Musikgeschichte erhält eine neue textile Dimension.“
Der Butler räusperte sich.
„Darf ich daran erinnern, dass wir noch immer eine Konzertkarte verlosen müssen?“
Marie lächelte.
„Natürlich. Die Gewinnerin oder der Gewinner bekommt den besten Platz im Saal.“
Die acht Wäscheklammerkinderchen klatschten.
Kindchen Nummer 3 fragte:
„Und dürfen wir auch kommen?“
„Selbstverständlich!“
„Mit unseren eigenen Schnürsenkeln?“
Marie lachte.
„Unbedingt!“
X. DIE LETZTE SONDERMELDUNG
Am nächsten Morgen erschien auf dem Bildschirm der English Scrollstube:
RIEFUNKE-SONDERMELDUNG
SCHNÜRSENKEL WIEDER AUFGETAUCHT!
Acht Wäscheklammerkinderchen gestehen eine vorübergehende Textilverschiebung.
Marie Jacquot erhält eine neue Schnürsenkelfarbe.
Herr Mertens stellt seinen Schnürsenkel-Detektor vorläufig außer Betrieb.
Goethe fordert die Aufnahme der Farbe Friedensrosa in die Farbenlehre.
Der Butler verlangt eine schriftliche Zusicherung, dass künftig keine Gegenstände mehr unter Betten verschwinden.
Die Rentnerin erklärt die Angelegenheit für erledigt.
Die Tiketaketokerin meldet:
Mehrere tausend Norm-Tiktoker haben inzwischen ihre Schuhschränke durchsucht.
Die Konzertkarte wird verlost.
Und die acht Wäscheklammerkinderchen?
Die sitzen unter dem großen Tisch und planen bereits die nächste Überraschung.
Der Butler hat vorsorglich sämtliche Schuhe abgeschlossen.
XI. DAS RIEFUNKE-FINALE
Es gibt Dinge, die kann man nicht erklären.
Warum eine Dirigentin für jede Veranstaltung eine neue Schnürsenkelfarbe benötigt.
Warum acht Wäscheklammerkinderchen ausgerechnet unter einem Bett eine internationale Textilkrise auslösen.
Warum ein erwachsener Mann namens Mertens einen Schnürsenkel-Detektor baut.
Und warum Goethe plötzlich behauptet, das Friedensrosa sei eine bislang unterschätzte Farbe der europäischen Kulturgeschichte.
Aber eines ist sicher:
Marie Jacquot wird ihre Schnürsenkel wiederbekommen.
Die Konzertkarte wird verlost.
Die Norm-Tiktoker dürfen sich weiterhin an der Suche beteiligen.
Und die acht Wäscheklammerkinderchen?
Die haben bereits eine neue Idee.
Sie wollen die Dirigentenwelt davon überzeugen, dass künftig nicht mehr die Musiker ihre Schuhe an die Musik anpassen müssen.
Sondern die Schnürsenkel an die Musik.
Und ganz oben auf der Liste steht:
EIN PAAR ROSA SCHNÜRSENKEL FÜR DIE NEUNTE SINFONIE.
Goethe ist begeistert.
Der Butler ist erschöpft.
Mertens sucht noch immer sein Messgerät.
Und Marie Jacquot?
Die kaut Kaugummi, lächelt und probiert gerade ihre neue Schnürsenkelfarbe aus.
KRRRRT.
WÄSCHEKLAMMERKINDCHEN ALLER LÄNDER:
VERKNOTET EUCH!
NICHT DIE SCHNÜRSENKEL.
MITEINANDER!
UND WENN IHR ETWAS SUCHT:
SCHAUt ZUERST UNTER DEM BETT NACH.
DORT SITZT MANCHMAL DIE GANZE ZUKUNFT.
RIEFUNKE!
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