DIE SCHMETTERLINGE RUFEN:
ALLE KINDER AUF UNS DRAUF!
Eine pazifistische Mission der acht Wäscheklammerkinder – auf der Suche nach einem Ort ohne Kriege
Es begann mit einem ganz gewöhnlichen Fensteröffnen.
Kaum hatte sich das Fenster geöffnet, flatterten plötzlich zwei Schmetterlinge ins Zimmer.
Der Butler erstarrte.
Goethe hob den Kopf.
„Was ist denn das?“, fragte er und legte seine Feder beiseite.
„Mit Verlaub, Herr Goethe, ich glaube, wir haben Besuch.“
„Besuch? Um diese Uhrzeit? Und ohne vorherige Ankündigung?“
„Es sind Schmetterlinge, Herr Goethe.“
„Das sehe ich selbst, lieber Butler. Ich bin zwar Dichter, aber nicht blind.“
Die beiden Schmetterlinge drehten eine elegante Runde durch das Zimmer. Einer setzte sich auf Goethes Manuskript, der andere auf die frisch gebügelte Schulter des Butlers.
„Das wird ja immer bunter“, murmelte dieser.
Da erhob der Schmetterling auf dem Manuskript seine Stimme.
„Wir kommen im Auftrag der acht Wäscheklammerkinder.“
Goethe blinzelte.
„Acht Wäscheklammerkinder? Das klingt nach einer Angelegenheit von einiger Bedeutung.“
„Ist es auch“, antwortete der Schmetterling. „Sie haben eine Mission.“
„Eine Mission?“, fragte der Butler misstrauisch.
„Eine pazifistische Mission. Sie suchen einen Ort ohne Krieg.“
Goethe lehnte sich zurück.
„Ein Ort ohne Krieg! Welch wunderbarer Gedanke. Fast schon Größenwahn.“
„Mit Verlaub, Herr Goethe“, sagte der Butler, „Größenwahn ist bekanntlich eine Angelegenheit, die selten mit guten Manieren einhergeht.“
„Mein lieber Butler, vielleicht ist gerade ein wenig Größenwahn nötig, wenn die Welt so klein denkt.“
Die beiden Schmetterlinge flatterten aufgeregt.
„Die acht Wäscheklammerkinder haben beschlossen, dass es nicht länger genügt, über Frieden zu reden. Sie wollen ihn suchen. Und wenn sie ihn nicht finden, dann werden sie ihn eben selbst erfinden.“
„Das gefällt mir“, sagte Goethe.
Der Butler seufzte. Er ahnte bereits, dass sein geregelter Tagesablauf damit endgültig beendet war.
In diesem Augenblick klopfte es.
Nicht an der Tür.
An der Welt.
Draußen, auf der Wäscheleine, erschienen sie: die acht Wäscheklammerkinder.
Jedes hatte eine andere Farbe, einen anderen Charakter und eine ganz eigene Vorstellung davon, wie man die Welt retten könnte.
Sie trugen ein Transparent.
Darauf stand:
WIR SIND KLEIN. ABER DER FRIEDEN IST GRÖSSER!
Der Butler öffnete die Tür.
„Guten Tag“, sagte das erste Wäscheklammerkinderchen. „Wir suchen einen Ort ohne Krieg.“
„Da sind Sie hier leider falsch“, entgegnete der Butler reflexartig.
Dann hielt er inne.
Er sah die acht kleinen Gestalten an. Sah Goethe. Sah die Schmetterlinge.
Und zum ersten Mal in seinem Berufsleben beschloss er, eine Auskunft nicht nach den Tatsachen, sondern nach den Möglichkeiten zu erteilen.
„Aber“, sagte er langsam, „vielleicht können wir einen solchen Ort gemeinsam erschaffen.“
Die acht Wäscheklammerkinderchen nickten.
Goethe stand auf und verkündete:
„Dann müssen wir wohl handeln! Mit Sprache, mit Fantasie und mit einer gehörigen Portion Unvernunft.“
„Und was ist mit den Waffen?“, fragte der Butler.
„Die werden wir nicht brauchen.“
„Und die Armeen?“
„Die schicken wir nach Hause.“
„Und die Generäle?“
„Die bekommen eine neue Aufgabe.“
„Welche denn?“
Goethe lächelte.
„Sie sollen Schmetterlinge zählen. Das dürfte sie eine Weile beschäftigen.“
Die Wäscheklammerkinder quietschten vor Vergnügen.
Doch dann wurde das erste von ihnen ernst.
„Wir müssen den Menschen erklären, dass Frieden nicht bedeutet, dass alle einer Meinung sind. Frieden bedeutet, dass niemand den anderen umbringen muss, nur weil er anders denkt.“
Der zweite fügte hinzu:
„Und dass man streiten darf, ohne gleich alles kaputtzumachen.“
Das dritte sagte:
„Und dass kein Kind Angst haben sollte, wenn es nachts schlafen geht.“
Da wurde es still im Zimmer.
Selbst der Butler schwieg.
Goethe nahm seine Feder wieder zur Hand und schrieb auf ein großes Blatt Papier:
DIE ERSTE REGEL DER FRIEDENSREPUBLIK:
Kein Mensch ist zu klein, um etwas zu verändern.
DIE ZWEITE REGEL:
Kein Streit ist so groß, dass man nicht versuchen sollte, ihn mit Worten zu lösen.
DIE DRITTE REGEL:
Wer Schmetterlinge vertreibt, hat die Poesie noch nicht verstanden.
Der Butler betrachtete das Papier.
„Und was geschieht nun, Herr Goethe?“
„Nun“, sagte Goethe, „beginnt die Reise.“
Die acht Wäscheklammerkinder sprangen auf die Fensterbank. Die beiden Schmetterlinge breiteten ihre Flügel aus.
Und draußen begann der Wind, eine Melodie zu spielen, die noch niemand zuvor gehört hatte.
Sie machten sich auf den Weg, um einen Ort zu finden, an dem kein Kind vor Bomben davonlaufen musste, an dem keine Mutter um ihre Kinder weinen musste und an dem kein Vater erklären musste, warum Menschen einander töten.
Einen Ort, an dem die größten Explosionen aus Seifenblasen bestanden und die gefährlichsten Geschosse aus Konfetti.
Einen Ort, an dem man nicht fragte, welcher Nation jemand angehörte, sondern ob er vielleicht Lust auf einen gemeinsamen Kuchen hatte.
Und wenn jemand fragte, ob acht kleine Wäscheklammerkinder die Welt verändern könnten, dann antworteten sie:
„Natürlich nicht allein. Aber wir können anfangen.“
Goethe nickte zufrieden.
Der Butler holte tief Luft.
Und die Schmetterlinge flogen voraus.
Denn manchmal beginnt eine Revolution nicht mit einem Knall, sondern mit einem geöffneten Fenster.
Und manchmal braucht die Welt keine neuen Waffen, sondern einfach nur ein paar Menschen, die den Mut haben, das Unmögliche für möglich zu halten.
Die acht Wäscheklammerkinder hatten ihren Entschluss gefasst:
Sie würden nicht aufhören, bis jedes Kind auf dieser Erde einen Ort gefunden hätte, an dem es unbeschwert spielen, lachen, träumen und Schmetterlinge zählen kann.
Und Goethe?
Der schrieb noch einen letzten Satz unter sein Manuskript:
„Wenn die Menschheit endlich begriffe, dass der Frieden kein Geschenk, sondern eine gemeinsame Aufgabe ist, dann hätten vielleicht sogar die Schmetterlinge weniger zu tun.“
Der Butler faltete das Papier sorgfältig zusammen.
„Herr Goethe?“
„Ja, lieber Butler?“
„Ich glaube, ich werde auch mitkommen.“
Goethe lächelte.
„Das wurde aber auch Zeit.“
Und so zogen sie los.
Acht Wäscheklammerkinder, zwei Schmetterlinge, ein Butler und ein Dichter mit einer gehörigen Portion Größenwahn.
Auf der Suche nach einem Ort ohne Krieg.
ENDE?
Nein.
Denn der Frieden ist keine Geschichte, die man irgendwann zu Ende erzählt.
Er ist eine Geschichte, die wir alle weiterschreiben müssen.
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