Der General, die Dachluke und der verrenkte Hals
Ein nächtlicher Zwischenfall in der English Scrollstube
Es war kurz nach Mitternacht.
In der English Scrollstube herrschte endlich Ruhe. Alle acht Wäscheklammerkinderchen schliefen tief und fest. Nummer 5 träumte von einer goldenen Friedensschere, Nummer 8 von einer Welt, in der sämtliche Generäle nur noch Friedenskonferenzen leiteten.
Auch die Tiketaketokerinnen hatten ihre Smartphones beiseitegelegt.
Nur einer fand keine Ruhe.
Der fiktive deutsche General.
Seit seiner Aufnahme in die Friedensarmee hatte er ein zunehmend merkwürdiges Gefühl. Niemand salutierte vor ihm. Niemand fragte nach seinen Befehlen. Und am Nachmittag hatte ihm Wäscheklammerkinderchen Nummer 5 erklärt, dass sein bisheriges Verständnis von militärischer Führung dringend einer friedlichen Überarbeitung bedürfe.
Das nagte an ihm.
„Ich muss hier raus“, murmelte er.
Er schlich durch den Flur, vorbei am Butler, der in seinem Sessel eingeschlafen war. Dann entdeckte er eine kleine Dachluke.
„Ein würdiger Ausgang für einen General“, flüsterte er.
Er stellte einen Stuhl darunter, kletterte vorsichtig hinauf und versuchte, seinen Kopf durch die Öffnung zu schieben.
Leider hatte er die baulichen Verhältnisse der Scrollstube unterschätzt.
Die Dachluke war für einen General mit ausgeprägtem Rangbewusstsein schlicht zu klein.
Er drehte den Kopf nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links.
Ein leises Knacken war zu hören.
„Au!“
Der General hatte sich den Hals verrenkt.
In diesem Augenblick erschien der Butler im Nachthemd.
„Herr General! Was machen Sie denn auf dem Dachboden?“
„Ich wollte die Stellung verlassen!“, presste der General hervor.
„Aber Sie sind doch bei uns in der Friedensarmee.“
„Das ist ja gerade das Problem!“
Der Butler holte sofort Hilfe.
Wäscheklammerkinderchen Nummer 5 und Nummer 8 wurden geweckt. Beide erschienen mit zerzausten Haaren und ihren Schlafmützen.
Nummer 5 betrachtete den General.
„Na, das ist ja eine schöne Bescherung.“
Nummer 8 fragte sachlich: „Hat er sich beim Rückzug verletzt?“
„Offenbar“, sagte der Butler.
Die Kinderchen berieten kurz.
Dann erklärte Nummer 5:
„Wir brauchen keinen Feldarzt. Wir brauchen einen friedlichen Halsarzt.“
Nummer 8 ergänzte: „Und die Friseusin mit der eigenen Schere darf auf keinen Fall versuchen, das Problem zu lösen.“
Der General wurde vorsichtig von der Dachluke befreit. Der Butler verständigte medizinische Hilfe. Bis zu deren Eintreffen musste der General ruhig sitzen bleiben.
„Ich habe schon schwierigere Situationen erlebt“, murmelte er.
„Aber nicht in einer Friedensarmee“, sagte Nummer 5.
Am nächsten Morgen wurde eine außerordentliche Sitzung einberufen.
Der General erschien mit einer medizinischen Halsstütze.
Wäscheklammerkinderchen Nummer 8 stellte einen Antrag:
Die Friedensarmee verbietet ab sofort sämtliche nächtlichen Fluchtversuche durch Dachluken.
Der Antrag wurde einstimmig angenommen.
Der General hob vorsichtig die Hand.
„Ich möchte etwas sagen.“
Alle blickten zu ihm.
„Ich habe verstanden, dass man eine Organisation nicht verlassen muss, nur weil sie einem neue Gedanken zumutet.“
Nummer 5 lächelte.
„Das klingt schon ziemlich friedlich, Herr General.“
Nummer 8 legte nach:
„Und heute bleiben Sie bitte mit beiden Füßen auf dem Fußboden.“
Der General nickte.
Seine erste offizielle Amtshandlung nach dem Dachlukenunfall bestand darin, einen Antrag auf gemütliche Sitzkissen für sämtliche Mitglieder der Friedensarmee zu unterschreiben.
Die Friedensarmee war zufrieden.
Nur der Butler hatte noch eine Frage:
„Herr General, und was machen wir mit der Dachluke?“
Der General antwortete:
„Schließen. Und zwar dauerhaft.“
Wäscheklammerkinderchen Nummer 5 widersprach:
„Nein! Wir lassen sie offen.“
„Warum denn das?“
„Damit künftig frischer Frieden hereinkommt.“
Und Nummer 8 ergänzte:
„Aber bitte ohne Generäle.“
ENDE DER ZWEITEN NACHT IN DER ENGLISH SCROLLSTUBE
Die Friedensarmee wächst. Der General bleibt vorerst unter medizinischer Beobachtung. Die Dachluke wurde zum Symbol einer gescheiterten Flucht aus dem Frieden erklärt.
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