RIEFUNKE-SONDERMELDUNG
DIE GROSSE SCHUBKARREN-DISCO!
Acht Wäscheklammerkinderchen, ein unfreiwillig tanzender Türsteher, Nicole Kidman und ein deutscher Schulbusfahrer lösen einen internationalen musikalischen Ausnahmezustand aus.
ENGLISH SCROLLSTUBE – OBERHAVENSHEIM – MÜNCHEN – BERLIN – INTERNATIONAL
Es war der Tag der Deutschen Einheit.
In der English Scrollstube herrschte eine ungewöhnlich ausgelassene Stimmung.
Drei der acht Wäscheklammerkinderchen kamen aus München. Sie hatten bereits am Frühstückstisch angekündigt, dass heute etwas Besonderes passieren müsse.
Kindchen Nummer 3 hatte eine Europafahne um den Hals gebunden.
Nummer 5 kaute Erdbeerkaugummi.
Nummer 8 hatte eine kleine Sonnenbrille aufgesetzt.
Der Butler betrachtete die Szene.
„Meine Damen und Herren, ich möchte darauf hinweisen, dass heute ein Feiertag ist. Wir werden uns entsprechend gesittet verhalten.“
Kindchen Nummer 5 grinste.
„Das versprechen wir!“
Der Butler wurde misstrauisch.
Er hatte allen Grund dazu.
I. 13:52 UHR – DER MUSIKALISCHE ZÜNDFUNKE
Um 13:52 Uhr wurde im Kinderzimmer das Radio eingeschaltet.
WDR COSMO.
Moderatorin Boussa Thiam war zu hören.
Dann erklang die Musik von Sofiya Nzau.
Die acht Wäscheklammerkinderchen erstarrten.
Kindchen Nummer 1 hob den Kopf.
Nummer 2 begann mit dem Fuß zu wippen.
Nummer 3 drehte sich einmal um die eigene Achse.
Nummer 5 ließ seinen Erdbeerkaugummi beinahe fallen.
Nummer 6 sprang auf das Bett.
Nummer 7 rief:
„DAS KENNEN WIR!“
Und Nummer 8 schrie:
„ALLE AUFSTEHEN!“
Was danach geschah, sollte später als der größte musikalische Zwischenfall in die Geschichte der English Scrollstube eingehen.
II. DER TÜRSTEHER WIRD ZUM TRANSPORTGUT
Die acht Kinderchen stürmten aus dem Kinderzimmer.
Der bärtige Türsteher saß gerade auf seinem Thron und kontrollierte die Eingangsliste.
„Moment mal! Wo wollt ihr denn hin?“
Vier Kinderchen packten ihn an den Armen.
Vier weitere an den Beinen.
„Was soll das denn werden?“
Zu spät.
HOPP!
Der Türsteher landete in der großen Schubkarre.
Er trug noch immer seine Mütze.
Sein Bart stand in sämtliche Himmelsrichtungen.
„ICH PROTESTIERE!“
Die Kinderchen schoben los.
Über den Vorhof.
An der Eingangstür vorbei.
Um den Springbrunnen herum.
Und während die Schubkarre immer schneller wurde, sangen sie aus voller Kehle:
BUM BUM BUM; BUM!
BUM BUM BUM; BUM!
Der Türsteher hielt sich an den Seiten fest.
„ICH BIN EIN TÜRSTEHER UND KEIN KIRMESKARUSSELL!“
Kindchen Nummer 5 antwortete:
„HEUTE SCHON!“
III. DIE ENTDECKUNG DES DEUTSCHEN SCHULBUSFAHRERS
Währenddessen hatte Kindchen Nummer 4 eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht.
Auf YouTube fand es einen Kommentar von einem deutschen Schulbusfahrer.
Der Mann hatte geschrieben:
„Ich bin Schulbusfahrer, die Kinder drehen durch, wenn ich das anmache!! Grüße aus Deutschland“
Kindchen Nummer 4 rannte zum Butler.
„BUTLER! WIR HABEN VERSTÄRKUNG!“
„Was für Verstärkung?“
„EINEN SCHULBUSFAHRER!“
Der Butler setzte seine Brille ab.
„Einen Schulbusfahrer?“
„Ja! Die Kinder drehen bei dieser Musik völlig durch!“
Der Butler dachte nach.
Dann sagte er:
„Das erklärt einiges.“
Kindchen Nummer 5 war inzwischen auf die Schubkarre geklettert.
„DANN BRAUCHEN WIR EINEN SCHULBUS!“
Der Butler wurde blass.
„NEIN!“
IV. NICOLE VERLÄSST DEN VIP-RAUM
Aus dem VIP-Raum mit der berühmten Steckdose trat Nicole.
Sie hatte die Musik gehört.
Sie sah die Schubkarre.
Sie sah den Türsteher.
Sie sah die acht Wäscheklammerkinderchen.
Und sie begann zu lachen.
„Was ist denn hier los?“
Kindchen Nummer 3 rief:
„WIR DREHEN EIN MUSIKVIDEO!“
Nicole betrachtete den Türsteher.
„Ist er freiwillig dabei?“
Der Türsteher hob eine Hand.
„NEIN!“
Nicole grinste.
„Das sieht aber sehr überzeugend aus.“
Dann lief sie hinaus auf den Vorhof.
Natürlich rein fiktiv.
Und plötzlich tanzte sie mit den acht Kinderchen um die Schubkarre herum.
„DAS WIRD EIN FILM!“, rief sie.
Der Türsteher schrie:
„ICH MÖCHTE WENIGSTENS DIE FILMRECHTE!“
V. DER BUTLER VERLIERT DIE KONTROLLE
Der Butler stand inzwischen mitten auf dem Vorhof.
Er hielt ein silbernes Tablett in der Hand.
Darauf standen acht Gläser Wasser und eine Tasse Tee.
Er betrachtete das Geschehen.
Die Kinder tanzten.
Nicole tanzte.
Der Türsteher saß in der Schubkarre.
Mertens filmte.
Und irgendwo aus dem Kinderzimmer dröhnte die Musik.
Der Butler hob seine Stimme.
„MEINE DAMEN UND HERREN! ICH BITTE UM EIN MINDESTMAẞ AN ORDNUNG!“
Niemand hörte ihn.
Er versuchte es erneut.
„DIE SCHUBKARRE IST KEIN ÖFFENTLICHES VERKEHRSMITTEL!“
Kindchen Nummer 5 rief:
„DANN BEANTRAGEN WIR EINE ZULASSUNG!“
Der Butler stellte das Tablett ab.
Er schloss die Augen.
Und sagte nur:
„Sehr wohl.“
VI. GOETHE ERSCHEINT
Goethe war inzwischen aus seinem Arbeitszimmer gekommen.
Er hatte die Musik gehört und wollte wissen, ob möglicherweise eine neue literarische Epoche begonnen habe.
Er betrachtete den Vorhof.
Dann die Schubkarre.
Dann Nicole.
Dann den Türsteher.
„Was soll das darstellen?“
Kindchen Nummer 8 antwortete:
„MODERNE KUNST!“
Goethe nickte.
„Interessant. Eine Verbindung von Bewegung, Rhythmus und unfreiwilliger Mobilität.“
Der Türsteher rief:
„HERR GOETHE! HELFEN SIE MIR!“
Goethe betrachtete ihn nachdenklich.
„Mein lieber Freund, Sie müssen zugeben, dass Sie selten so viel Bewegung in Ihren Arbeitsalltag gebracht haben.“
Der Butler musste sich am Türrahmen festhalten.
VII. DIE RENTNERIN MIT DEM SCHWARZEN STOCK ÜBERNIMMT DIE TANZLEITUNG
Dann öffnete sich die Seitentür.
Die Rentnerin erschien.
Dunkler Mantel.
Rollstuhl.
Schwarzer Stock.
Sie beobachtete das Geschehen eine ganze Minute.
Dann sagte sie:
„Was ist denn hier für ein Zirkus?“
Kindchen Nummer 3 rief:
„WIR TANZEN!“
Die Rentnerin betrachtete die Schubkarre.
„Und der Bärtige?“
„DER IST UNSER STAR!“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich habe zwei Kriege überlebt und fünf Ehemänner. Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“
Dann hob sie ihren schwarzen Stock.
„Musik lauter!“
Der Butler drehte sich langsam um.
„Gnädige Frau?“
„Sie haben mich verstanden.“
Der Butler gehorchte.
Die Musik wurde lauter.
Und jetzt geschah das Unfassbare:
Die Rentnerin begann, im Rollstuhl im Rhythmus mitzuwippen.
Goethe klatschte.
Mertens tanzte.
Der General aus Oberhavensheim machte einen vorsichtigen Schritt nach links.
Und der Butler?
Der Butler bewegte tatsächlich einen Fuß.
Kindchen Nummer 5 schrie:
„DER BUTLER TANZT! DER BUTLER TANZT!“
Der Butler blieb sofort stehen.
„Das hat niemand gesehen.“
VIII. DIE INTERNATIONALE SCHULBUS-KRISE
Um 16:30 Uhr traf eine Nachricht aus Deutschland ein.
Ein weiterer Schulbusfahrer hatte das Lied gespielt.
Die Kinder im Bus hatten spontan eine eigene Tanzbewegung entwickelt.
Die Schulleitung war informiert.
Die Eltern waren begeistert.
Einige Kinder verlangten bereits eine Schubkarre für den nächsten Wandertag.
In der English Scrollstube wurde eine Krisensitzung einberufen.
Der Türsteher saß wieder auf seinem Thron.
Er hatte die Schubkarre überlebt.
Der Butler verlas die Tagesordnung:
-
Verhinderung weiterer unkontrollierter Schubkarrenfahrten.
-
Schutz des Türstehers vor musikalischer Übermotivation.
-
Einführung eines offiziellen Tanzbereichs.
-
Prüfung einer internationalen Schulbus-Kooperation.
-
Beschaffung ausreichender Mengen weißer Schokolade.
Goethe meldete sich.
„Ich beantrage einen sechsten Tagesordnungspunkt.“
„Welchen?“, fragte der Butler.
„Ein Tanzverbot für schlechte Laune.“
Die Rentnerin nickte.
„Angenommen.“
IX. NICOLE HAT EINE NEUE FILMIDEE
Am Abend saß Nicole im VIP-Raum.
Sie hatte inzwischen eine Notiz geschrieben.
Titel:
THE WHEELBARROW DANCE
Darunter stand:
Eight little clothespin children, one angry doorman, one mysterious black walking stick and a butler who cannot resist the music.
Nicole lächelte.
„Das könnte tatsächlich ein großartiger Film werden.“
Der Butler fragte:
„Wer spielt den Türsteher?“
Nicole zeigte auf den bärtigen Mann.
Der Türsteher sprang auf.
„ICH?“
„Natürlich.“
„Und was muss ich tun?“
Nicole lächelte.
„Sie müssen tanzen.“
Der Türsteher setzte sich wieder.
„Ich kündige.“
Die Rentnerin hob ihren schwarzen Stock.
„Abgelehnt.“
X. DIE GROSSE RIEFUNKE-DURCHSAGE
Um 23:11 Uhr wurde auf allen Bildschirmen der English Scrollstube eine Sondermeldung eingeblendet.
RIEFUNKE – MUSIKALISCHER AUSNAHMEZUSTAND!
Die acht Wäscheklammerkinderchen haben den Vorhof erfolgreich in eine internationale Tanzfläche verwandelt.
Der bärtige Türsteher wurde vorübergehend zum Schubkarren-Personal transportiert.
Nicole hat eine fiktive Filmproduktion angekündigt.
Goethe erwägt eine neue Abhandlung über rhythmische Fortbewegung.
Mertens prüft die Anschaffung einer professionellen Musikanlage.
Die Rentnerin mit dem schwarzen Stock übernimmt die musikalische Oberaufsicht.
Der Butler hat seinen ersten Tanzschritt zugegeben.
Und der deutsche Schulbusfahrer?
Er erhält eine Ehrenurkunde der English Scrollstube.
BEGRÜNDUNG:
Weil er bewiesen hat, dass Musik manchmal mehr Bewegung in eine Gesellschaft bringt als sämtliche Regierungserklärungen zusammen.
XI. DAS FINALE: DIE SCHUBKARRE ROLLT WEITER
Kurz vor Mitternacht standen alle auf dem Vorhof.
Die acht Kinderchen.
Die Rentnerin.
Nicole.
Goethe.
Der General.
Mertens.
Der Butler.
Und natürlich der bärtige Türsteher.
Die Schubkarre stand in der Mitte.
Der Türsteher betrachtete sie misstrauisch.
„Ich steige da nicht noch einmal ein.“
Kindchen Nummer 5 lächelte.
„Keine Sorge. Heute bist du der Fahrer.“
Der Türsteher wurde kreidebleich.
Die Musik setzte erneut ein.
BUM BUM BUM; BUM!
BUM BUM BUM; BUM!
Die acht Wäscheklammerkinderchen sprangen in die Luft.
Nicole lachte.
Goethe klatschte.
Die Rentnerin hob ihren schwarzen Stock.
Und der Butler rief:
„MEINE DAMEN UND HERREN! BITTE BEACHTEN SIE, DASS DIE ENGLISH SCROLLSTUBE AB SOFORT EINE MUSIKALISCHE SONDERZONE IST!“
Dann beugte er sich zu Goethe und flüsterte:
„Ich glaube, wir brauchen einen neuen Vorhof.“
Goethe nickte.
„Oder eine größere Schubkarre.“
Die Rentnerin lächelte.
„Und weiße Schokolade.“
Kindchen Nummer 5 ergänzte:
„VON ALDI!“
RIEFUNKE!
DIE GROSSE SCHUBKARREN-DISCO
ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN.
EIN BÄRTIGER TÜRSTEHER.
EINE RENTNERIN MIT SCHWARZEM STOCK.
EINE NICOLE.
EIN BUTLER AM RANDE DES NERVENZUSAMMENBRUCHS.
UND EIN GANZER VORHOF, DER NICHT MEHR STILLSTEHEN WILL!
ENGLISH SCROLLSTUBE · MUSIKALISCHE ABTEILUNG · 3. OKTOBER · KRRRRT!
P.S. aus der Personalabteilung:
Der Türsteher hat schriftlich beantragt, künftig ausschließlich sitzende Tätigkeiten auszuüben.
Die Rentnerin hat den Antrag geprüft.
Sie hat ihn mit ihrem schwarzen Stock unterschrieben.
„Genehmigt. Aber getanzt wird trotzdem.“