RIEFUNKE-SONDERMELDUNG
DIE GROSSE KRIEGSFRAGE: ROM GEGEN USA – GOETHE VERLIERT DIE GEDULD!
English Scrollstube – Abteilung für historische Unordnung und gezogene Zöpfe
Es war 10:43 Uhr in der English Scrollstube.
Eigentlich sollte im Kinderzimmer Geschichtsunterricht stattfinden.
Goethe hatte sich bereit erklärt, den acht Wäscheklammerkinderchen einen kleinen Überblick über die Weltgeschichte zu geben.
Ein folgenschwerer Fehler.
Kindchen Nummer 6 saß auf dem Teppich und hielt ein Geschichtsbuch verkehrt herum.
Gegenüber saß Kindchen Nummer 3.
Beide hatten Zöpfe.
Und beide waren bereits erheblich aufgebracht.
„Die Römer haben viel mehr Kriege geführt als die USA!“, schrie Nummer 3.
„Quatsch! Die USA haben viel mehr Kriege geführt!“, brüllte Nummer 6.
„Die Römer!“
„Die Amerikaner!“
„ROM!“
„USA!“
Dann geschah es.
Nummer 3 griff nach dem linken Zopf von Nummer 6.
Nummer 6 revanchierte sich umgehend am rechten Zopf von Nummer 3.
„LASS LOS!“
„DU ZUERST!“
Der Butler erschien in der Tür.
„Meine Güte. Was ist denn hier los?“
„GESCHICHTSUNTERRICHT!“, kreischten beide gleichzeitig.
Der Butler betrachtete die Situation.
„Das sieht mir eher nach einer militärischen Auseinandersetzung aus.“
I. GOETHE WIRD EINGESCHALTET
Goethe wurde aus dem Salon gerufen.
Er erschien mit einem Buch, einer Lesebrille und einem ausgesprochen friedlichen Gesichtsausdruck.
„Was ist hier geschehen?“
Kindchen Nummer 3 ließ kurz den Zopf los.
„Herr Goethe, wer hat mehr Kriege geführt? Die Römer oder die USA?“
Goethe blickte irritiert.
„Die USA?“
„JA! DIE USA!“
Goethe setzte seine Brille ab.
„Meine lieben Kinder, ich kenne keine USA. Ich bin schon längst tot.“
Stille.
Kindchen Nummer 6 schaute ihn an.
„Aber Sie wohnen doch hier!“
Goethe seufzte.
„Das ist eine andere Angelegenheit.“
II. DER TIKTOKER EXPLODIERT
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür.
Ein aufgeregter TikToker stürmte herein.
Er trug ein Smartphone, eine Baseballkappe und eine enorme Menge historischer Selbstüberschätzung.
„HALT! HALT! HALT!“
Der Butler schloss die Augen.
„Nicht schon wieder.“
Der TikToker stellte sein Handy auf den Tisch.
„Ich habe gerade ein Video vorbereitet! Titel: DIE 5 GRÖSSTEN KRIEGSTREIBER DER WELTGESCHICHTE!“
Goethe hob eine Augenbraue.
„Und wer hat Ihnen diese Erkenntnis vermittelt?“
„DIE KOMMENTARE!“
Goethe setzte sich.
„Dann ist die Wissenschaft offenbar endgültig verloren.“
Der TikToker ließ sich nicht beirren.
„Ich werde jetzt eine Umfrage starten!“
Er tippte auf sein Smartphone.
WER FÜHRTE MEHR KRIEGE?
A: RÖMISCHES REICH
B: USA
C: BEIDE SOLLTEN SICH MAL BERUHIGEN
Kindchen Nummer 5 meldete sich.
„Ich nehme D.“
„D gibt es nicht!“, rief der TikToker.
„Dann ist deine Umfrage schlecht!“
III. MERTENS ÜBERNIMMT DIE HISTORISCHE FORSCHUNG
Herr Mertens wurde hinzugezogen.
Er erschien mit drei Aktenordnern.
„Ich habe die Angelegenheit geprüft.“
Der Butler fragte:
„Und?“
„Schwierig.“
„Warum?“
„Weil wir zunächst definieren müssen, was überhaupt als Krieg zählt. Formelle Kriege, militärische Interventionen, Bürgerkriege, Feldzüge, Besatzungen?“
Goethe nickte.
„Endlich spricht jemand vernünftig.“
Mertens fuhr fort:
„Das Römische Reich existierte über Jahrhunderte. Die Vereinigten Staaten bestehen seit 1776. Ein einfacher Zahlenvergleich wäre historisch unseriös.“
Kindchen Nummer 3 ließ den Zopf los.
„Also wissen wir es nicht?“
„Wir wissen eine ganze Menge. Aber die Frage ist komplizierter, als ihr denkt.“
Nummer 6 dachte nach.
„Dann können wir uns wieder vertragen?“
Mertens nickte.
„Das wäre ein hervorragender Anfang.“
IV. DIE RENTNERIN MIT DEM SCHWARZEN STOCK GREIFT EIN
Plötzlich ertönte ein dumpfes Klopfen.
KLOCK.
Die Rentnerin betrat das Kinderzimmer.
Den schwarzen Stock fest in der Hand.
Sie betrachtete die beiden zopfziehenden Wäscheklammerkinderchen.
Dann den TikToker.
Dann Goethe.
„Was ist hier eigentlich los?“
Der Butler erklärte:
„Eine historische Auseinandersetzung zwischen Rom und den Vereinigten Staaten.“
Die Rentnerin schaute auf die beiden Kinderchen.
„Und dafür zieht ihr euch gegenseitig an den Haaren?“
„JA!“, rief Nummer 3.
„NEIN!“, rief Nummer 6.
Die Rentnerin hob ihren schwarzen Stock.
Sofort herrschte Ruhe.
„Ich habe zwei Kriege erlebt und fünf Ehemänner überlebt. Glaubt mir: Ihr müsst nicht auch noch einen Weltkrieg um ein Geschichtsbuch anfangen.“
Goethe erhob sich.
„Eine bemerkenswerte Lebenserfahrung.“
Die Rentnerin drehte sich zu ihm.
„Herr Goethe, Sie halten jetzt bitte den Mund. Sie sind hier nicht der Einzige mit Vergangenheit.“
Goethe setzte sich wieder.
Der Butler verschluckte sich beinahe am Tee.
V. DIE HISTORISCHE FRIEDENSFORMEL
Kindchen Nummer 6 hob vorsichtig die Hand.
„Darf ich etwas sagen?“
„Bitte“, sagte die Rentnerin.
„Vielleicht sollten wir lieber untersuchen, warum Menschen überhaupt so viele Kriege führen.“
Kindchen Nummer 3 nickte.
„Und warum sie nicht früher aufhören.“
Mertens klappte seine Aktenordner zu.
„Das wäre tatsächlich eine wesentlich bessere Forschungsfrage.“
Der TikToker schaute auf sein Smartphone.
„Moment! Das könnte viral gehen!“
Die Rentnerin zeigte mit dem schwarzen Stock auf ihn.
„Sie bleiben jetzt einmal fünf Minuten still.“
Der TikToker wurde blass.
„Fünf Minuten?“
„Mindestens.“
VI. DIE LETZTE DURCHSAGE
Um 11:26 Uhr veröffentlichte die English Scrollstube folgende Mitteilung:
RIEFUNKE – HISTORISCHER FRIEDENSALARM!
Die Frage, ob das Römische Reich mehr Kriege führte als die Vereinigten Staaten, konnte im Kinderzimmer nicht abschließend geklärt werden.
Goethe kennt die USA nicht.
Mertens verlangt eine wissenschaftliche Definition des Krieges.
Der TikToker wartet auf seine ersten 100.000 Kommentare.
Kindchen Nummer 3 und Nummer 6 haben ihre Zöpfe wieder freigegeben.
Die Rentnerin mit dem schwarzen Stock übernimmt vorübergehend die historische Aufsicht.
Der Butler hat sämtliche Geschichtsbücher eingesammelt.
Und Kindchen Nummer 5?
Hat eine neue Frage gestellt:
„Wenn die Römer so viele Kriege geführt haben, warum haben sie dann nicht einfach alle zusammen Pizza gegessen?“
Goethe soll daraufhin gesagt haben:
„Mein Gott, hätte ich doch nur die Italiener erfunden.“
Der Butler widersprach:
„Sehr wohl, Herr Geheimrat. Die Italiener existierten bereits.“
KRRRRT.
DAS RIEFUNKE-FINALE
Am Abend saßen alle acht Wäscheklammerkinderchen friedlich auf dem Teppich.
Kindchen Nummer 3 hatte eine Tafel weiße Schokolade.
Nummer 6 ebenfalls.
Goethe las in seinem Buch.
Mertens sortierte seine Akten.
Der TikToker hatte inzwischen ein neues Video veröffentlicht:
WIE ICH DURCH EINE RENTNERIN MIT SCHWARZEM STOCK MEINE HISTORISCHE KARRIERE VERLOR.
Die Rentnerin saß im Sessel.
Sie betrachtete die Kinderchen und sagte:
„Wisst ihr, was ich an der ganzen Sache nicht verstehe?“
„Was denn?“, fragte Nummer 5.
„Warum Erwachsene jahrhundertelang darüber streiten, wer mehr Kriege geführt hat, statt endlich darüber nachzudenken, wie man den nächsten verhindert.“
Stille.
Dann hob Goethe sein Glas.
„Gnädige Frau, darauf trinke ich.“
Der Butler schenkte Tee nach.
Und Kindchen Nummer 6 flüsterte:
„Morgen untersuchen wir Napoleon.“
Die Rentnerin hob langsam den schwarzen Stock.
„Morgen untersuchen wir erst einmal eure Zöpfe.“
RIEFUNKE!
ROM GEGEN USA.
GOETHE GEGEN DIE GEGENWART.
TIKTOK GEGEN DIE GESCHICHTSWISSENSCHAFT.
UND ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN, DIE LANGSAM BEGREIFEN:
MAN KANN ÜBER KRIEGE STREITEN.
MAN KANN GESCHICHTE UNTERSUCHEN.
ABER MAN MUSS SICH DESWEGEN NICHT GEGENSEITIG AN DEN ZÖPFEN ZIEHEN!
Der Butler ergänzt:
„Und jetzt gibt es Kartoffelsalat.“
Die Rentnerin greift nach ihrer Brille.
„Diesmal bleibt die draußen.“
KRRRRT.