RIEFUNKE-SONDERMELDUNG
DIE RENTNERIN BESTELLT DEN OBERST ZUM SAUERBRATEN!
Eine ganze Kompanie vor der English Scrollstube – Schnee, Notzelte und eine Mehlschwitze mit einem Tropfen Öl
OBERHAVENSHEIM – ENGLISH SCROLLSTUBE – MILITÄRISCH-KULINARISCHER AUSNAHMEZUSTAND
Es begann mit einer harmlosen Einladung.
Die Rentnerin mit dem schwarzen Stock hatte Oberst Dahlmann zum Sauerbraten bestellt.
Ein Teller sollte es sein.
Vielleicht zwei.
Ein gemütlicher Abend in der English Scrollstube.
Ein wenig Rotwein für die Soße.
Ein paar Rosinen.
Aldi-Honig.
Und selbstverständlich der berühmte neokoloniale Lorbeer.
Was niemand ahnte:
Oberst Dahlmann hatte die Einladung missverstanden.
Er hatte nicht allein kommen wollen.
Er hatte eine ganze Kompanie mitgebracht.
I. DIE ÜBERRASCHUNG VOR DEM EINGANG
Um 17:42 Uhr hörte der Butler ein ungewöhnliches Geräusch.
Er öffnete die Eingangstür.
Draußen standen Soldaten.
Viele Soldaten.
Hintereinander.
Mit Rucksäcken, Wintermänteln und erwartungsvollen Gesichtern.
Der Butler zählte.
Er zählte erneut.
Dann ging er zurück in die Eingangshalle.
„Gnädige Frau?“
Die Rentnerin saß im Rollstuhl.
„Ja, Butler?“
„Der Oberst ist eingetroffen.“
„Sehr schön.“
„Er hat Begleitung.“
„Wie viele?“
Der Butler schluckte.
„Eine ganze Kompanie.“
Die Rentnerin legte ihren schwarzen Stock auf die Armlehne.
„WIE BITTE?“
II. DIE SAUERBRATEN-KATASTROPHE
In der Küche herrschte inzwischen Panik.
Der Koch öffnete den Kühlschrank.
Leer.
Er öffnete den zweiten Kühlschrank.
Auch leer.
Er kontrollierte den Vorratsraum.
Zwei Zwiebeln.
Eine angebrochene Packung Mehl.
Ein Glas Senf.
Und ein einsamer Lorbeerzweig.
Der Butler erschien.
„Wie viel Sauerbraten haben wir?“
Der Koch sah ihn an.
„Gar keinen mehr.“
„Gar keinen?“
„Der letzte wurde heute Mittag von Goethe gegessen.“
Der Butler schloss die Augen.
„Goethe?“
„Er sagte, er müsse eine literarische Untersuchung der Soße durchführen.“
Der Butler setzte sich.
„Ich kündige.“
III. OBERST DAHLMANN ERKLÄRT DIE LAGE
Der Oberst trat in die Eingangshalle.
Er salutierte nicht.
Er hatte inzwischen gelernt, dass man bei der Rentnerin mit dem schwarzen Stock besser auf solche Formalitäten verzichtete.
„Gnädige Frau, meine Kompanie ist eingetroffen.“
„Das sehe ich.“
„Wir haben von Ihrem Sauerbraten gehört.“
„Und?“
„Die Männer freuen sich.“
Die Rentnerin betrachtete ihn lange.
Dann fragte sie:
„Herr Oberst, haben Sie eigentlich nachgefragt, ob für so viele Menschen gekocht wurde?“
Der Oberst schwieg.
„Nein“, sagte sie.
„Das habe ich mir gedacht.“
Sie wandte sich zum Butler.
„Wie viel Essen haben wir?“
„Eine Mehlschwitze, gnädige Frau.“
„Mit was?“
„Mehl und einem Tropfen Öl.“
Die Rentnerin hob ihren schwarzen Stock.
„DAS IST KEIN ABENDESSEN. DAS IST EINE BELEIDIGUNG DER MENSCHHEIT!“
IV. DIE NACHT IM SCHNEE
Inzwischen war es dunkel geworden.
Draußen fiel Schnee.
Die Soldaten hatten ihre Notzelte auf dem Vorplatz aufgebaut.
Eine Heizung gab es nicht.
Die Kompanie saß zusammen.
Einer rieb sich die Hände.
Ein anderer wickelte seinen Schal enger um den Hals.
Ein dritter betrachtete den Eingang der Scrollstube.
„Glaubst du, drinnen gibt es wenigstens etwas Warmes?“
„Ich habe gehört, es gibt Mehlschwitze.“
„Mit Fleisch?“
„Nein.“
„Kartoffeln?“
„Nein.“
„Was dann?“
„Einen Tropfen Öl.“
Stille.
Ein Soldat zog seine Mütze tiefer ins Gesicht.
„Ich hätte zu Hause bleiben sollen.“
Ein anderer antwortete:
„Ich bin wegen des Sauerbratens gekommen.“
Der erste nickte.
„Und jetzt schlafen wir im Schnee.“
Aus dem Küchenfenster drang ein schwacher Geruch nach Mehl.
Die Männer schauten hinüber.
Einer begann zu weinen.
V. DIE ACHT WÄSCHEKLAMMERKINDERCHEN GREIFEN EIN
Im Kinderzimmer hatte sich inzwischen eine Krisensitzung gebildet.
Kindchen Nummer 1 verlangte sofortige Nahrungsmittelhilfe.
Nummer 2 wollte eine Schokoladenreserve öffnen.
Nummer 3 schlug eine internationale Kartoffelkonferenz vor.
Nummer 4 zeichnete einen Versorgungsplan.
Nummer 5 hatte bereits eine Liste geschrieben:
SOFORT BENÖTIGT:
Kindchen Nummer 6 betrachtete die Liste.
„Du hast den Nachtisch vergessen.“
Nummer 5 schüttelte den Kopf.
„Nein. Der ist strategisch eingeplant.“
Der Butler kam herein.
„Kinderchen, wir haben eine ernste Versorgungskrise.“
Nummer 8 fragte:
„Können wir die Soldaten nicht einfach hereinholen?“
Der Butler blickte auf die acht kleinen Gesichter.
„Das ist tatsächlich eine vernünftige Idee.“
VI. DIE RENTNERIN HÄLT EINE ANSPRACHE
Um 21:15 Uhr ließ sich die Rentnerin vor den Notzelten aufstellen.
Ihr schwarzer Stock lag fest in ihrer Hand.
Der Schnee fiel auf ihren dunklen Mantel.
Die Soldaten standen auf.
Der Oberst trat neben sie.
Die Rentnerin begann:
„Meine Herren.
Ich habe zwei Kriege erlebt.
Fünf Ehemänner überlebt.
Und ich habe in meinem Leben schon so manche schlechte Küche gesehen.
Aber dass eine ganze Kompanie wegen eines Sauerbratens im Schnee übernachten muss, ist mir noch nicht untergekommen.“
Einige Soldaten lachten.
Sie fuhr fort:
„Ich möchte Ihnen etwas sagen.
Sie sind hier nicht wegen eines Befehls.
Sie sind hier, weil Sie etwas essen wollten.
Das kann ich verstehen.
Aber niemand soll hier frieren, nur weil wir nicht genügend Fleisch im Kühlschrank haben.
Der Butler wird jetzt Tee kochen.
Die Kinderchen werden ihre Schokoladenreserve prüfen.
Und der Oberst wird morgen persönlich dafür sorgen, dass niemand mehr wegen eines Essensangebotes eine ganze Kompanie vor einer Haustür versammelt.“
Der Oberst nickte.
„Jawohl, gnädige Frau.“
„Und jetzt gehen Sie alle hinein. Wir finden eine vernünftige Lösung.“
VII. GOETHE WIRD ZUR VERANTWORTUNG GEZOGEN
In diesem Augenblick erschien Goethe.
Er trug einen Teller.
Darauf befand sich ein kleiner Rest Sauerbratensoße.
Die Rentnerin sah ihn an.
„Herr Goethe.“
„Gnädige Frau?“
„Haben Sie heute Mittag den letzten Sauerbraten gegessen?“
Goethe räusperte sich.
„Ich führte eine kulinarische Untersuchung durch.“
„Und?“
„Die Soße war bemerkenswert.“
Die Rentnerin hob den schwarzen Stock.
„DANN UNTERSUCHEN SIE MORGEN DIE MEHLSCHWITZE!“
Goethe stellte den Teller ab.
„Ich ziehe es vor, die Farbenlehre fortzusetzen.“
VIII. DER BUTLER ENTDECKT EINE LÖSUNG
Um 22:03 Uhr kam der Butler mit einer Nachricht.
Ein örtlicher Gastwirt hatte von der Versorgungskrise erfahren.
Er bot an, für die Soldaten eine große warme Mahlzeit zuzubereiten.
Kartoffelsuppe.
Brot.
Gemüse.
Und heißen Tee.
Der Butler las die Nachricht vor.
Die Soldaten jubelten.
Der Oberst schüttelte dem Butler die Hand.
Die Rentnerin lächelte.
„Sehen Sie, Herr Oberst? Manchmal braucht man keine große Strategie. Manchmal braucht man einfach einen vernünftigen Koch.“
Kindchen Nummer 5 hob die Hand.
„Und weiße Schokolade?“
Der Butler seufzte.
„Ja, Kindchen. Auch weiße Schokolade.“
IX. DIE LETZTE SONDERMELDUNG
Um Mitternacht erschien auf dem Bildschirm der English Scrollstube:
RIEFUNKE – SAUERBRATEN-KRISE VORLÄUFIG BEIGELEGT!
Eine ganze Kompanie war wegen eines Sauerbraten-Gerüchts vor der Scrollstube erschienen.
Der Sauerbraten war ausverkauft.
Die Mehlschwitze mit einem Tropfen Öl wurde aus Gründen der Menschlichkeit nicht weiter ausgegeben.
Die Soldaten erhielten eine warme Mahlzeit.
Die Notzelte wurden abgebaut.
Der Oberst hat eine neue Dienstanweisung angekündigt:
VOR JEDEM KULINARISCHEN EINSATZ IST DIE TATSÄCHLICHE VERFÜGBARKEIT DER SPEISEN ZU PRÜFEN.
Goethe muss seine Soßenforschung künftig anmelden.
Der Butler erhält einen zusätzlichen Vorratsschlüssel.
Die acht Wäscheklammerkinderchen fordern eine Schokoladenpauschale.
Und die Rentnerin?
Sie hat eine abschließende Erklärung abgegeben:
„Ich habe zwei Kriege erlebt. Ich werde keinen dritten wegen Sauerbraten anfangen.“
X. DAS GROSSE RIEFUNKE-FINALE
Am nächsten Morgen saß Oberst Dahlmann wieder in der Küche.
Vor ihm stand eine Tasse Kaffee.
Die Rentnerin saß ihm gegenüber.
Der Butler servierte Brot.
Der Oberst schaute auf seinen Teller.
„Gnädige Frau, darf ich etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Wann gibt es wieder Sauerbraten?“
Die Rentnerin lächelte.
Dann hob sie langsam ihren schwarzen Stock.
„Herr Oberst, wenn Sie mir noch einmal eine ganze Kompanie ins Haus bringen, gibt es für Sie persönlich Mehlschwitze.“
Der Oberst wurde blass.
Goethe verschluckte sich am Kaffee.
Die acht Wäscheklammerkinderchen brachen in Gelächter aus.
Kindchen Nummer 5 rief:
„MIT EINEM TROPFEN ÖL!“
Der Butler verließ wortlos den Raum.
Draußen fiel weiter Schnee.
Und auf dem Küchenradio ertönte:
KRRRRT.
RIEFUNKE!
FRIEDEN BEGINNT AM ESSTISCH.
KEIN SAUERBRATEN IST EINEN KRIEG WERT.
KEIN SOLDAT SOLL IM SCHNEE FRIEREN.
UND KEIN BUTLER SOLL MEHLSCHWITZE MIT EINEM TROPFEN ÖL SERVIEREN MÜSSEN.
DIE RENTNERIN HAT GESPROCHEN.
ENGLISH SCROLLSTUBE · ABTEILUNG FÜR FRIEDEN, ESSEN UND KULINARISCHE NOTFÄLLE
P.S. vom Butler:
„Die nächste Einladung erfolgt ausschließlich nach vorheriger Anmeldung, verbindlicher Personenzahl und schriftlicher Bestätigung des Küchenbestands.“
Kindchen Nummer 5 hat daruntergeschrieben:
„Außer bei weißer Aldi-Schokolade. Davon haben wir immer genug.“
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