RIEFUNKE-SONDEREDITION
DIE WELT HAT IHREN SCHLÜSSEL VERLOREN!
Oder: Wie acht Wäscheklammerkinderchen eine internationale Tür öffneten, die seit Jahrhunderten verschlossen war
Es war ein Dienstag.
Ein ausgesprochen gewöhnlicher Dienstag, an dem nichts Besonderes geschehen sollte.
Der Butler hatte die Frühstückstassen gespült. Goethe suchte seine Lesebrille. Herr Mertens reparierte einen Wecker, der seit drei Jahren rückwärts lief. Die Rentnerin saß am Fenster und beobachtete einen Spatz, der sich offenbar mit einer Rosine angelegt hatte.
Und die acht Wäscheklammerkinderchen?
Die waren verschwunden.
Nicht unter dem Tisch.
Nicht im Garten.
Nicht im Badezimmer.
Nicht einmal in der berühmten Schublade, in der sich Dinge befanden, von denen niemand mehr wusste, dass es sie gab.
Sie waren unterwegs.
Mit einem Schlüssel.
Einem riesigen, rostigen, ziemlich hässlichen Schlüssel.
Auf dem Schlüssel stand:
ZUTRITT ZUR GEMEINSAMEN MENSCHLICHKEIT.
Der Schlüssel war ihnen am Morgen vor die Haustür gefallen.
Ein Brief lag daneben.
Absender unbekannt.
Der Butler öffnete ihn später mit äußerster Vorsicht.
Darin stand:
„Liebe Wäscheklammerkinderchen,
wir haben die Welt in Staaten aufgeteilt, die Staaten in Interessen, die Interessen in Sicherheitszonen und die Sicherheitszonen in Zuständigkeiten.
Dabei ist uns offenbar etwas abhandengekommen.
Wir finden den Schlüssel nicht mehr.
Könnt ihr bitte nachsehen?
Hochachtungsvoll
Die Erwachsenen.“
Der Butler las den Brief dreimal.
Dann setzte er sich.
„Herr Goethe“, sagte er schließlich, „ich fürchte, wir haben ein Problem.“
Goethe nahm seine Brille.
„Ein philosophisches?“
„Ein weltweites.“
„Das ist meistens dasselbe.“
1. DIE INTERNATIONALE SCHLÜSSELSUCHE
Die acht Wäscheklammerkinderchen hatten inzwischen einen Bahnhof erreicht.
Dort saßen Menschen aus allen möglichen Ländern.
Ein alter Mann hielt eine Zeitung.
Eine junge Mutter schob einen Kinderwagen.
Ein Student telefonierte.
Zwei Reisende stritten über einen Sitzplatz.
Die Wäscheklammerkinderchen stellten ihren Schlüssel mitten auf den Bahnsteig.
„Entschuldigung!“, rief Nummer 1.
Niemand reagierte.
„ENTSCHULDIGUNG!“
Jetzt drehten sich einige Menschen um.
„Wir suchen die gemeinsame Menschlichkeit!“
Ein Reisender lachte.
„Die gibt es nicht auf diesem Bahnhof.“
„Warum nicht?“
„Weil hier jeder woanders hinwill.“
Kindchen Nummer 4 kratzte sich am Kopf.
„Das ist doch kein Problem. Wir wollen ja auch nicht alle in denselben Zug.“
Der Reisende schwieg.
Dann lächelte er.
„Das ist eigentlich ein guter Gedanke.“
Die Kinderchen nickten zufrieden.
Sie hatten ihre erste Fahrkarte gelöst.
Nicht für einen Zug.
Für eine Idee.
2. DER MANN MIT DEN VIELEN GRENZEN
Am nächsten Tag begegneten sie einem Mann, der eine riesige Landkarte unter dem Arm trug.
Auf der Karte waren unzählige Grenzen eingezeichnet.
Dicke Grenzen.
Dünne Grenzen.
Alte Grenzen.
Neue Grenzen.
Grenzen, die niemand mehr genau erklären konnte.
„Was machen Sie da?“, fragte Kindchen Nummer 2.
„Ich ordne die Welt.“
„Und wo ist Ihr Zuhause?“
Der Mann zeigte auf einen kleinen Punkt.
„Dort.“
„Und wo wohnen die anderen Menschen?“
„Überall sonst.“
„Und warum?“
Der Mann wurde ungeduldig.
„Weil die Welt kompliziert ist.“
Kindchen Nummer 6 betrachtete die Karte.
„Darf ich etwas fragen?“
„Was denn?“
„Wenn Sie alle Grenzen so genau kennen, warum kennen Sie dann nicht alle Menschen dahinter?“
Der Mann rollte die Karte zusammen.
Er hatte keine Antwort.
Die Kinderchen schenkten ihm eine kleine Schere.
„Für die Bürokratie“, sagten sie.
„Und was soll ich damit?“
„Erst einmal die unnötigen Papierberge verkleinern.“
3. DIE RENTNERIN UND DER LEERE STUHL
Inzwischen war auch die Rentnerin aufgebrochen.
Ihr schwarzer Stock lag quer über ihren Knien.
Sie saß in ihrem Rollstuhl und hatte einen kleinen Rucksack dabei.
Darin befanden sich ein Apfel, zwei Butterbrote und eine Thermoskanne.
Als sie die Wäscheklammerkinderchen einholte, fragte sie:
„Na, ihr acht kleinen Weltverbesserer, was habt ihr vor?“
„Wir suchen den Schlüssel zur Menschlichkeit.“
Die alte Frau lachte.
„Dann seid ihr ja schon weit gekommen.“
„Woher wissen Sie das?“
Sie zeigte auf ihren Rollstuhl.
„Weil ich mein Leben lang erlebt habe, dass Menschen Türen öffnen können, wenn sie es wirklich wollen.“
Dann blickte sie auf die Straße.
„Aber manchmal muss man ihnen erst erklären, dass hinter der Tür jemand wartet.“
Die Kinderchen wurden still.
Sie schoben ihren Rollstuhl ein Stück weiter.
Und hinter ihnen gingen plötzlich drei Menschen mit.
Ein Mann mit einem Regenschirm.
Eine Frau mit einem roten Schal.
Und ein kleiner Junge, der unbedingt wissen wollte, ob man auf einer Friedensreise auch Eis essen dürfe.
„Selbstverständlich“, sagte die Rentnerin.
„Dann komme ich mit.“
4. GOETHE ERFINDET DAS UNFERTIGE DENKMAL
In der Scrollstube war Goethe inzwischen auf eine ungewöhnliche Idee gekommen.
Er wollte ein Denkmal errichten.
Allerdings ohne Statue.
Ohne Sockel.
Ohne Inschrift.
Ohne Namen.
Der Butler war entsetzt.
„Herr Geheimrat, ein Denkmal ohne Statue?“
„Ja.“
„Ohne Sockel?“
„Ja.“
„Ohne Inschrift?“
„Mein lieber Butler, Sie wiederholen sich.“
„Aber was soll denn darauf stehen?“
Goethe lächelte.
„Gar nichts.“
„Und was soll es darstellen?“
„Die Menschen, die noch kommen.“
Der Butler betrachtete den leeren Platz.
„Das ist ein ausgesprochen unfertiges Denkmal.“
„Eben deshalb“, sagte Goethe.
„Es ist für eine Menschheit gedacht, die noch nicht fertig ist.“
Herr Mertens, der gerade hereinkam, meldete sich:
„Ich könnte eine Beleuchtung installieren.“
„Nein“, sagte Goethe.
„Eine automatische Beleuchtung?“
„Nein.“
„Vielleicht einen Bewegungsmelder?“
Goethe seufzte.
„Herr Mertens, manchmal muss etwas einfach nur offen bleiben.“
5. DIE NACHT, IN DER DIE SCHLÜSSEL KLINGELTEN
Am fünften Tag erreichte die kleine Friedensgesellschaft eine große Stadt.
Dort standen sich zwei Gruppen gegenüber.
Beide waren wütend.
Beide hatten ihre Gründe.
Beide waren überzeugt, dass die jeweils andere Seite zuerst nachgeben müsse.
Die acht Wäscheklammerkinderchen stellten ihren großen Schlüssel zwischen die Gruppen.
„Wir möchten euch etwas zeigen.“
Niemand bewegte sich.
Dann hob die alte Frau ihren schwarzen Stock.
Nicht drohend.
Nur so weit, dass alle sie sehen konnten.
„Ich bin alt“, sagte sie. „Ich habe einiges erlebt. Und ich habe gelernt, dass man mit einem gewonnenen Streit manchmal noch lange nicht glücklich wird.“
Ein Mann aus der Menge rief:
„Und was sollen wir deiner Meinung nach tun?“
Sie antwortete:
„Vielleicht einmal anfangen, einander zuzuhören.“
Es wurde still.
Ein Kind trat vor.
Es hatte zwei Stücke Kreide in der Hand.
Auf den Boden schrieb es:
WAS WÜRDEST DU DIR FÜR DEINE KINDER WÜNSCHEN?
Niemand lachte.
Ein Mann senkte den Kopf.
Eine Frau begann zu weinen.
Ein anderer nahm seine Mütze ab.
Und irgendwo in der Menge sagte jemand:
„Dass sie morgen noch lachen können.“
Das war kein Vertrag.
Keine Resolution.
Keine historische Vereinbarung.
Aber es war ein Anfang.
6. DIE GROSSE ÜBERRASCHUNG
Am sechsten Tag geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte.
Die acht Wäscheklammerkinderchen öffneten ihren Rucksack.
Darin befanden sich Tausende kleine Schlüssel.
Aus Holz.
Aus Pappe.
Aus Draht.
Aus alten Löffeln.
Aus allem, was sich irgendwie zu einem Schlüssel formen ließ.
Sie verteilten sie an die Menschen.
„Was sollen wir damit?“, fragte ein älterer Herr.
„Das wissen wir nicht“, sagte Nummer 5.
„Wie bitte?“
„Jeder muss selbst herausfinden, welche Tür er öffnen möchte.“
Die Menschen betrachteten ihre Schlüssel.
Eine junge Frau steckte ihren in die Tasche.
Ein alter Mann hängte ihn an seinen Schlüsselbund.
Ein Junge befestigte ihn an seinem Schulranzen.
Die Rentnerin bekam einen besonders schönen.
Er war aus Holz geschnitzt.
Darauf stand:
FÜR TÜREN, DIE NOCH NICHT EXISTIEREN.
Sie strich mit der Hand darüber.
„Den behalte ich.“
7. DIE NACHRICHT AUS DER WELT
Am Abend erreichte die Scrollstube eine internationale Meldung.
Die Nachrichtenagenturen berichteten von einer ungewöhnlichen Bewegung.
Menschen gingen gemeinsam auf die Straße.
Nicht, um einander zu besiegen.
Nicht, um neue Feinde zu finden.
Sondern um an etwas zu erinnern, das in den großen politischen Erklärungen manchmal untergeht:
Dass hinter jeder Grenze Menschen leben.
Dass hinter jeder Uniform ein Mensch steht.
Dass Kinder keine Kriegsbeute sind.
Dass Trauer keine Nationalität besitzt.
Dass eine Mutter überall auf der Welt dieselbe Angst kennen kann, wenn ihr Kind nicht nach Hause kommt.
Und dass kein politischer Begriff den Verlust eines Menschen wieder gutmachen kann.
Die acht Wäscheklammerkinderchen saßen vor dem Radio.
„Ist das jetzt Frieden?“, fragte Nummer 3.
Die Rentnerin schüttelte den Kopf.
„Nein, mein Kleines. Das ist erst die Arbeit daran.“
„Wie lange dauert das?“
„Vielleicht länger als unser Leben.“
Nummer 7 überlegte.
„Dann müssen wir eben viele werden.“
8. DIE LETZTE TÜR
Am siebten Tag kehrten sie zur Scrollstube zurück.
Goethe stand vor seinem unfertigen Denkmal.
Der Butler hatte Tee gekocht.
Herr Mertens hatte tatsächlich eine Beleuchtung installiert.
Sie funktionierte sogar.
Allerdings ging sie nur an, wenn jemand rückwärts daran vorbeiging.
Der Butler hatte beschlossen, die Sache nicht weiter zu kommentieren.
Die Rentnerin rollte auf den Platz.
Die acht Wäscheklammerkinderchen legten den großen Schlüssel auf den Boden.
Goethe trat vor.
„Nun“, sagte er, „habt ihr den Ort ohne Krieg gefunden?“
Die Kinderchen schüttelten die Köpfe.
„Nein.“
„Was habt ihr dann gefunden?“
Nummer 1 antwortete:
„Wir haben Menschen gefunden, die ihn suchen.“
Goethe lächelte.
„Das ist vielleicht sogar wichtiger.“
Der Butler schenkte Tee ein.
Die Rentnerin nahm ihre Tasse.
Und dann geschah etwas Seltsames.
Das Denkmal begann zu wachsen.
Nicht aus Stein.
Nicht aus Bronze.
Nicht aus Marmor.
Menschen stellten ihre Namen darauf.
Andere schrieben Wünsche dazu.
Jemand brachte ein Gedicht.
Jemand ein Kinderbild.
Jemand einen Brief an einen Menschen, mit dem er seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte.
Und ein kleines Mädchen malte eine riesige Tür.
Sie stand offen.
Dahinter war nichts zu sehen.
Nur ein blauer Himmel.
9. RIEFUNKE-SCHLUSSMELDUNG
DIE SUCHE GEHT WEITER
Die acht Wäscheklammerkinderchen haben den Schlüssel zur gemeinsamen Menschlichkeit gefunden.
Die Rentnerin hat ihre Thermoskanne geleert.
Goethe arbeitet weiterhin an seinem unfertigen Denkmal.
Herr Mertens sucht nach einer Beleuchtung, die auch vorwärts funktioniert.
Der Butler hat eine neue Hausordnung erlassen:
-
Jeder Mensch darf eintreten.
-
Niemand muss seine Herkunft an der Garderobe abgeben.
-
-
Gewalt ist keine Eintrittskarte.
-
Tee wird unabhängig von der Nationalität ausgeschenkt.
Die acht Wäscheklammerkinderchen haben inzwischen eine internationale Organisation gegründet.
Sie heißt:
DIE GESELLSCHAFT DER OFFENEN TÜREN.
Mitglied werden darf jeder.
Auch Generäle.
Auch Politiker.
Auch Menschen, die sich geirrt haben.
Sogar Herr Mertens.
Nur der Gartenzwerg muss draußen bleiben.
Er hat nämlich wieder einmal versucht, die Eingangskontrolle zu übernehmen.
10. EIN LETZTES WORT AN DIE ERWACHSENEN
Liebe Erwachsene,
ihr habt uns eine Welt hinterlassen, die voller Wunder ist.
Ihr habt uns Musik geschenkt, Bücher, Farben, Wissenschaft, Geschichten, Meere, Wälder und einen Himmel, unter dem alle Menschen Platz hätten.
Aber ihr habt auch Mauern gebaut.
Ihr habt Feindschaften geerbt und weitergegeben.
Ihr habt Waffen erfunden und immer wieder erklärt, warum ihr sie benötigt.
Wir, die acht Wäscheklammerkinderchen, möchten euch deshalb eine kleine Bitte vortragen:
Gebt uns nicht eine Welt, in der wir lernen müssen, einander zu fürchten.
Gebt uns eine Welt, in der wir einander kennenlernen dürfen.
Wir möchten nicht wissen, wie viele Raketen ein Land besitzt.
Wir möchten wissen, wie viele Kinder dort Fahrrad fahren können.
Wir möchten nicht wissen, wie viele Kilometer eine Grenze lang ist.
Wir möchten wissen, wie viele Menschen sich über diese Grenze hinweg die Hand reichen.
Wir möchten nicht, dass unsere Zukunft in geheimen Sitzungen beschlossen wird, während wir draußen die Folgen tragen.
Wir möchten, dass ihr uns zuhört.
Und wenn ihr irgendwann nicht mehr weiterwisst, dann setzt euch einfach zu uns.
Wir haben acht kleine Stühle.
Und genügend Platz für alle.
Denn die Erde ist kein Grundstück, das irgendeiner Generation gehört. Sie ist ein Zuhause, das wir einander übergeben müssen.
KRRRRT.
Eine letzte Durchsage aus der Scrollstube:
Der Schlüssel bleibt stecken.
Die Tür bleibt offen.
Die Teekanne wird nachgefüllt.
Und die acht Wäscheklammerkinderchen haben bereits eine neue Frage:
„Wenn wir alle Menschen auf der Erde einladen würden – wer würde eigentlich den Kuchen backen?“
Der Butler hebt die Hand.
„Das übernehme ich.“
Goethe lächelt.
Die Rentnerin lacht.
Und draußen, auf dem unfertigen Denkmal, steht inzwischen ein neuer Satz.
Von unbekannter Hand geschrieben:
DIE MENSCHHEIT IST NOCH NICHT FERTIG. ABER SIE DARF TROTZDEM SCHON ANFANGEN, FRIEDLICH ZU SEIN.
RIEFUNKE!
Ein Sender für offene Türen.
Ein Universum ohne Eintrittskarten.
Und acht Wäscheklammerkinderchen, die sich weigern, die Hoffnung zurückzugeben.